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Testbericht

12. Dezember 2010

Schluss mit verklärten Träumereien, blicken wir der Wahrheit ins Gesicht: Der Porsche 356 von 1954 und der Elfer von heute haben so viel gemeinsam wie Schwarzweiß-Fernseher und Satelliten-TV in 3D.Mögen Sentimentale und Marketingleute noch so blumig argumentieren und den Kult darin gipfeln lassen, den mit über 200.000 Euro ebenso teuren wie offenen aktuellen Speedster exakt 356 Mal ins Freie zu schicken: Sein Ur-Opa von 1953 mit dem braven Vierzylinder ist aus heutiger Sicht ein echter Oldtimer. Er entstand auf Druck des US-Importeurs als eine Art preisgünstig-karge Mönchszelle für die wilden Jungs in den Sunshine States.

Porsche 911 Speedster weist jeden Youngtimer-Kult von sich Die Lunte des heute noch angewandten Speedster-Konzepts dagegen entzündete Anfang der achtziger Jahre der damalige Porsche-Entwicklungschef Helmut Bott. Zum Ende des Modellzyklus 1988 sägte der Porsche 911 als Speedster mit einem luftgekühlten Sechszylinder im extrabreiten Hintern. Fehlt nur noch der Porsche 964er Speedster - und schon stehen wir im Hier und Jetzt an der Côte d'Azur vor dem Neuen. Breitspurig und muskulös weist er jeden Youngtimer-Kult von sich, beschwört den Weissacher Geist der Neuzeit. Dagegen wirkt selbst der 250 PS starke Vorgänger rustikal. Allen gemeinsam sind hingegen geringe Stückzahlen und hoher Sammlerwert. Ein Rezept, das die Exclusive-Abteilung schon beim Porsche 911 Sport Classic anwandte - auch er kam mit leistungsgesteigertem Motor und Fuchs-Felgen. Die 408 PS bekäme man übrigens auch beim preisgünstigeren Porsche 911 GTS, die klassischen Felgen im Porsche-Zubehör. Wie ein Körperteil reagiert der Porsche 911 Speedster fast schon auf Gedanken Jetzt aber weg mit dem Konjunktiv, her mit dem Porsche 911 Speedster und runter mit dem manuell zu faltenden Dach. Anders als die flatterigen Dackelgaragen von einst ist dieses bis auf die rudimentäre Geräuschdämmung durchaus schlechtwettertauglich und problemlos von einer Person zu bändigen - sogar ohne schmutzige Flüche wegen der Blutblasen und Abschürfungen, an denen sich Porsche Speedster-Piloten früherer Generationen erkannten. So, das Stoffzelt ruht unterm buckeligen Deckel, wir atmen tief durch, der erstarkte 3,8-Liter-Boxer auch. Dabei hilft ihm seine neue Resonanzsauganlage mit sechs Einzelklappen. Sie spielt grandios auf. Die Einfach-Anlage des Porsche 911 Carrera S ist dagegen wie Trompeten mit Fäustlingen. Haarfein orchestrierte Gaswechsel erhöhen nicht nur Drehfreude, Drehmoment und Spitzenleistung, sie schärfen auch das, was einen Porsche ausmacht: sein Ansprechverhalten. Wie ein Körperteil reagiert er fast schon auf Gedanken, hängt direkt am Pedal, giert nach Befehlen.

Poprsche 911 Speedster mit stärker geneigter Frontscheibe Wenn er die bekommt, schnattert, schnaubt, sägt und röhrt der Boxer Zweifel an der Konkurrenzfähigkeit seines Konzepts weg. Genauer in die südfranzösische Luft, mit der uns der Porsche 911 Speedster beim Fahrtermin verschwenderisch umgibt. Sie brandet angenehm über uns herein, hält uns wach. Aufmerksamkeits- oder Spurhalteassistenten braucht hier niemand, höchstens einen Frisurhalteassistenten. Speed und Roadster sind ein Vermächtnis - der Porsche 911 Speedster hält sich dran. Seine um 60 Millimeter gekürzte, stärker geneigte Frontscheibe legt die Dachlinie 40 Millimeter tiefer. So tief, dass sich die im Notfall herausspringenden Überrollbügel per Dorn ihren Weg durch die Heckscheibe sprengen. Die Pressemappe konstatiert gar, der Porsche 911 Speedster habe unter allen Elfern das querformatigste Verhältnis von Fahrzeughöhe zu Spurbreite sowie einen Schwerpunkt von deutlich unter 500 Millimetern. Weiß der Teufel, wie die Jungs das messen, gefühlsmäßig liegt der Porsche 911 Speedster sogar noch tiefer. Die Sportsitze stellen über das serienmäßig mit Adaptiv-Dämpfern versehene Fahrwerk unmittelbaren Formschluss zur Straßenoberfläche her. Keramikbremsen und Sperrdifferenzial gehören zur Serie Vorn sechs Millimeter, hinten 34 Millimeter breitere Spur plus Sperrdifferenzial: Da ist klar, dass die Fahrtwindtränen auf Serpentinenstrecken im Porsche 911 Speedster gern mal seitwärts abfließen. Oder nach vorn wegspritzen, denn die serienmäßigen Keramikbremsen reduzieren nicht nur die handlingwichtigen ungefederten Massen, sondern verzögern wie ein Anker. Kein Pass kann so lang sein, dass die Beläge ernsthaft Rauchzeichen geben. Dem Porsche 911 Speedster ist es egal, ob rauf oder runter - er fährt seinen Piloten überall schwindelig: spät anbremsen, trocken einlenken, mächtig herausbeschleunigen. Natürlich kann der Elfer-Luftikus notfalls auch auf der Croisette herumbalzen, während das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe die Drehzahl schon kurz über Ortstempo im Siebten dienstbeflissen tieferlegt. Schon klar, die Klientel verlangt PDK, die Ausstattungsquote beweist es; die Schaltzeiten sind im Sportmodus superkurz, das Zwischengas kommt präzise.

Zum Porsche 911 Speedster gehört eine Handschaltung Doch mal ehrlich: Zum Porsche 911 Speedster gehört eine Handschaltung. Kurze Wege, harter Klack und eine Kupplung, die Widerstand leistet. Der Treppenlift kann warten, im Speedster suchen engagierte Piloten die direkte Auseinandersetzung mit den Elementen, die Zwiesprache mit der Technik. Dabei braucht niemand einen semiautomatischen Siebengang-Souffleur. Obwohl 356-Held James Dean inzwischen vermutlich auch einen nehmen würde.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2010-12-12

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