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Testbericht

24. Dezember 2015
Spätestens seit den Rilke-Versen im Deutschunterricht wissen wir ja, dass der Herbst etwas traurig-melancholisch und weltschmerzend zu sein hat. Großer Unfug. Psychedelisch bunte Blätter taumeln von den Bäumen, und wenn du schnell genug fährst, blitzt es orange und gelb und braun in den Augenwinkeln, als führest du durch ein gigantisches Jefferson-Airplane-Plattencover. Die Sonne ist noch so warm, dass du den Unterschied zwischen beschienenen Wiesen und schattigen Wäldern spürst, sobald du ihn siehst. Das Holzlager am Rand von Friolzheim riechst du bereits, bevor du aus dem Wald auf das Ortsschild zufährst, so frisch ist die Luft. Auf den Straßen ist am Wochenende weniger los, und hier im Gäu, zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, erst recht.Das California-Gelb des Ford Mustang passt in die Landschaft wie der Feldanzug Flecktarn B ins Unterholz bei Sennelager. Im Cabrio bollert die Heizung ein wenig und das schlaue Telefon streamt Neil Youngs Herbstalbum von 1972 in die bunte Landschaft.

Indian Summer im Gäu
Manchmal dringt die Sonne durch die Nebelfetzen, und dann explodieren die Farben im Wald erst recht. Der gelbe Ford Mustang verblasst wie ein Orwochrom-Dia, das Tempo wird langsamer, die Kurven enger, und nun spielt es wirklich keine Rolle mehr, wo du gerade fährst, ob der nächste Ort Pforzheim heißt oder Jackson Hole, Wyoming, am US-Highway 191 oder Lincoln, New Hampshire, am Kancamagus-Highway, um nur zwei der klassischen Indian-Summer-Routen zu erwähnen. Pforzheim, Nordschwarzwald also. Doch ist das wirklich ein so wesentlicher Unterschied, wenn du in einem Auto wie dem neuen Mustang sitzt? Zur Erinnerung: In der aktuellen Ausführung hat das ewige Pony-Car (denn ähnlich wie der Golf begründete der Mustang ab 1964 eine nach ihm benannte Fahrzeugklasse) deutlich an Charme und Attraktivität gewonnen, was sicher zuallererst am Design liegt. Es zitiert frühe Mustang-Einflüsse, ohne sich selbst zu karikieren – keine geringe Leistung. Und noch etwas ist neu: Der Mustang ist ganz normal bei Ford bestellbar, er steht beim Händler um die Ecke und kann im Internet neben Ecosport, Tourneo und Fiesta konfiguriert werden.

Indian Chief Vintage frisch aus der Garage
Womit wir beim zweiten Fahrzeug unserer Herbstausfahrt sind. Rainer hat es mitgebracht, er arbeitet zwei Stockwerke tiefer bei der Schwesterzeitschrift MOTORRAD, und deren Dauertest-Indian fällt in der Tiefgarage jeden Morgen aufs Neue auf. Indian, werden Sie denken, da war doch mal was. Und Sie haben recht. Denn seit die uramerikanische Marke 1953 in Konkurs ging, musste sie Wiederbelebungsversuche erdulden wie ein Beatmungs-Dummy im Erste-Hilfe-Kurs. Der jüngste ist nachhaltiger, denn dahinter steht die finanzkräftige Polaris-Gruppe, die unter anderem die Motorradmarke Victory im Portfolio hat.Nun also die Indian Chief Vintage. Rainer klärt auf, erzählt etwas vom 111 Kubikzoll (1.811 cm3) großen V2-Motor mit 49 Grad Zylinderwinkel. Und weil wir Bilder alter Indian-Motorräder aus den 30er- und 40er-Jahren kennen, stehen wir bewundernd davor. Der 2014 vorgestellte Motor sieht so aus, als wäre er ein restauriertes Vorkriegsexemplar. Okay, fast so. Die Auspuffkrümmer wachsen nach unten aus den Zylinderköpfen, als hätte die Indian Chief Vintage stehende Ventile. Hat sie aber nicht. Und wegen der parallelen Stößelstangen leistet sie sich den Luxus von drei untenliegenden Nockenwellen für vier Ventile.

Der V8 im Ford Mustang beeindruckt
Alles Theorie, der Startknopf eins am Tank schaltet die Zündung ein, der Druck auf Startknopf zwei am Lenker startet den V-Twin. Der hüstelt sich etwas heiser wach, EU-geräuschoptimiert, sagt Rainer. Keyless Go, ganz wie im Auto. Und ABS sowie Geschwindigkeitsregelung hat die Indian Chief Vintage ebenfalls. Serienmäßig. Heute benötigte ich nichts davon. Es reicht auch so, die Indian Chief Vintage mit ihrem meterweit vom Fahrer entfernten Lenkkopf und dem weit vorn platzierten Motor ist ein etwas gewöhnungsbedürftiges Motorrad. Bei Schritttempo jedenfalls. Wenn die rund 379 kg erst mal auf cruisingspeed sind, geht alles wie von selbst.Dann wummert der Wind über die hohe Scheibe direkt ins Gesicht, die Blätter fetzen an den Knien vorbei, und du spürst die Herbstkühle in Fingerspitzen und Zehen. Schräglagen mag sie ebenfalls nicht so, dafür federt die Indian Chief Vintage selbst nach Autokriterien sehr ordentlich. Und sie sorgt für Aufsehen. Eine Harley? Doch keine Harley?? Fast scheint man die Gedanken vorbeifahrender Motorrad- und Autolenker lesen zu können.Vielleicht gelten die aber auch dem Ford Mustang. Rainer ist inzwischen von seiner Runde zurück, sagt "Wow“, weil die 421PS doch auch für jemanden, der tagtäglich mit Motorrädern jenseits der 180PS umgeht, beeindruckend sind. Dabei ist es nicht nur die schiere Kraft des Fünfliter-V8, die begeistert. Sondern die lässige Art, mit der er sich über Drehmomentwandler, Kardanwelle und Hinterräder hermacht, spontan und doch nicht hektisch. Dampf und Drehzahl aus der Tiefe der Kurbelwelle, so muss sich ein Verbrennungsmotor anfühlen. Hammer, sagt er.

Unser Vergleich? Unentschieden
Da ähnelt der Ford Mustang wiederum der Indian Chief Vintage. Wobei die nicht ganz so lässig loslegt, 84PS sind halt nicht die Welt. Und sie will bewusster gefahren werden, das Schalten etwa erledigt bei so einem Motorrad der Fahrer selbst, da warten wir noch auf den Fortschritt. "Einigen wir uns auf Unentschieden“, albern wir mit einem Monty-Python-Zitat. So überspielt man, dass der Abschied doch ein wenig schwerfällt. Nicht vom Sommer. Von der Indian Chief Vintage und vom Ford Mustang.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-12-24

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