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Testbericht

4. Januar 2012

Stellen wir uns vor, BMW hätte dem Mini 2001 mehr Kofferraum, Federungskomfort und eine schlichte Mittelkonsole verpasst ... gruselig! Natürlich ist es der unvernünftige Charakter, der den Zwerg so unverwechselbar und nebenbei zum coolsten Kleinwagen macht. Wer ihn fährt, liebt weiße Rennstreifen, bunt beklebte Spiegelkappen und erstklassiges Go-Kart-Feeling - und pfeift auf Platzvergleiche oder Preis-Leistungs-Debatten. Kurz: Auf der Herzklopfen-Skala liegt der Mini ganz oben. Bis jetzt. Bei VW findet man solche Vormachtstellungen verlockend, scheinen sie heute das letzte, unerreichte Ziel der Marke - oder kennen Sie einen Volkswagen, der die emotionale Aura des Käfers erreicht? Der New Beetle schaffte das trotz seines langen Lebens nicht, der neue soll es nun richten. Der verkneift sich aber nicht nur die Vorsilbe New, sondern auch die Blumenvase, den riesigen Raum zwischen Lenkrad und Frontscheibe und das entschleunigende Gefühl der untergehenden kalifornischen Sonne.

VW Beetle erinnert in der Form an frühe Neunelfer VW Beetle Nummer zwei setzt auf Dynamik. Allein schon wie sich sein Dach hinter die Frontscheibe duckt und flach nach hinten abfließt - fast so lecker wie bei frühen Neunelfern. Diese Klarheit setzt sich innen fort: Das Armaturenbrett ist wunderbar aufs Nötigste reduziert und schmückt sich mit lackierten Kunststoff-Beplankungen (wahlweise in Carbon-Optik). Vor dem Beifahrer klappt ab Ausstattung Design ein zweites Handschuhfach (das "Käferfach") auf - die einzige Prise Retro der VW-Mannschaft. Die Jungs denken auch praktisch: In den großen Türen des VW Beetle ersetzen Gummibänder gewöhnliche Taschen und halten auch größere Wasserflaschen fest. Beim Erkunden des übersichtlichen Arbeitsplatzes fallen gut ablesbare Rundinstrumente, klug platzierte Schalter, aber auch die fehlende automatische Lichtstellung auf. Die Preisliste bestätigt: Da spart VW am falschen Detail. Mini One im Innenraum nicht gut verarbeitet Der Mini One kennt solche Kritik nur zu gut, die Fahrwerksentwicklung hat seine Väter offensichtlich so viel Hingabe gekostet, dass es nie für eine anständige Verarbeitung im Cockpit gereicht hat. Gemeint sind jetzt nicht die verchromten Klipp-Klapp-Schalter oder der riesige, schlecht ablesbare Rundtacho - sie gehören zum Mini-Look wie die Topffrisur zu Angela Merkel. Störend sind die verwendeten Materialien unterhalb des Armaturenbretts. Man braucht nicht lang nach unterschiedlichen Spaltmaßen und kratzempfindlichen Kunststoffen zu suchen.

Und im VW Beetle? VW versteht es besser, alle im Blickfeld liegenden Flächen passend und robust zu verkleiden. Nur die Sportsitze bieten nicht so viel Seitenhalt wie die des Mini; zudem sollten sie straffer gepolstert sein. Die Rückbank des VW trägt zwei eingeprägte, ausreichend bequeme Plätze, sie zu erreichen ist keine allzu schwere Übung. Wer die Vordersitze per Easy-Entry-Funktion klappt und ganz nach vorn schiebt, findet ohne schmerzhafte Verrenkungen in den Fond des VW Beetle. Entspanntes Sitzen ist wegen des flachen Dachs jedoch nur Zeitgenossen bis 1,80 Meter Köperhöhe vergönnt. Alle anderen sollten die erste Reihe vorziehen - oder in den Fond des Mini krabbeln. Bei sieben Zentimeter weniger Radstand muss man sich trotz ebenfalls guter Easy-Entry-Funktion der 310 Euro teuren Sportsitze allerdings eher in den Fond schlängeln. Zur Entschädigung gibt‘s deutlich mehr Kopffreiheit als im Beetle, man hockt allerdings unfreiwillig in einer Art Klappmesserstellung, die schnell Rückenschmerzen beschert. Beide Modelle lassen sich sportlich bewegen Nach hinten scheint sich in der Mini-Welt niemand zu verirren, man sitzt vorn und findet sich in einem einmalig verspielten Cockpit wieder - inklusive verwirrender Radiobedienung und wackliger Mittelkonsole in Playmobil-Anmutung. Wahre Mini-Maniacs stört das aber mindestens genau so wenig wie das Handschuhfach unter der Heckklappe oder die mäßige Zuladung von 381 Kilogramm. Der VW Beetle sammelt in all diesen Disziplinen fleißig mehr Punkte (Kofferraum: fast doppelt so groß), kann sich aber beim Styling nicht weit genug vom Großserienlook seiner Brüder absetzen. Dafür lädt der VW Beetle nun sehr überzeugend zum Kurvenswing auf Landstraßen ein. Zur direkten Lenkung braucht man nicht das Sportfahrwerk bestellen - bereits mit den Serienfedern und Dämpfern liegt der Beetle so satt und talentiert, dass die Verwandtschaft zu seinem Technikspender, dem Golf, klar wird. Dem Mini One macht das keine Angst, er reagiert noch direkter, noch bissiger, noch schneller. Wie aufgezogen wuselt er um Kurven jeden Durchmessers und zeigt dem 124 Kilogramm schwereren VW auch, wie zügig das Spiel mit den rotweißen Hütchen beendet werden kann. In dieser Sportlichkeit bleibt er noch immer unerreicht. Einzige Nebenwirkung: sein teilweise hoppeliger Federungskomfort. Auch wenn er sich in den vergangenen Jahren verbessert hat, im Vergleich zum Beetle (längerer Radstand) macht der Mini bei fiesen Querfugen aber auf kleines Trampolin.

Beim Testverbrauch liegt der VW Beetle hinten Mehr Applaus als gedacht gibt‘s für die kleinen Benziner von Mini One und VW Beetle. Mit 98 und 105 PS ziehen sie die beiden Zweitürer ausreichend schnell nach vorn und verkneifen sich Vibrationen. Sportlichkeit lässt der Vierzylinder-Sauger des Mini One erst oberhalb von 4.000 Umdrehungen zu, der 1.2 TSI des VW Beetle packt dank seinem Turbolader etwas früher an - den Sieg beim Ampelsprint vermiest das Mehrgewicht. Beim Testverbrauch liegt der VW ebenfalls hinten: 8,4 zu 7,8 L/100 km. Dem Mini hilft eine serienmäßige Start-Stopp-Automatik, für den Beetle gibt‘s diese Technik nicht. Im Ausstattungsvergleich hat der VW mit Design-Paket die Nase vorn. Er gewinnt diesen ersten Test und kann auch charakterlich überzeugen. Aus dem schüchternen Cruiser von gestern ist ein ausgefallenes, sportliches Coupé geworden. Beim Mini sind es vor allem die unperfekten Dinge (Komfort, praktisches Talent), die ihn den Sieg kosten. Auf der Herzklopfen-Skala liegt er noch immer weit oben.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2012-01-04

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