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Testbericht

20. April 2009

Auf der A8 Richtung München lauert kurz vor Kirchheim/Teck diese fiese kleine Kombination aus Kompression und Kante, die straff gefederte Autos bei hohem Tempo einsaugt und dann unwirsch wieder ausspuckt. Doch dieses Mal kündet nur ein fernes Klopfen aus dem Fahrwerk davon, dass die neue Mercedes E-Klasse im Top-Test die Härtestelle gerade so locker in ihre Dämpfer inhaliert hat, dass man sich fragt, ob der Asphalt dort jetzt für alle Zeiten begradigt ist. Sicher, werden Kenner wissend anmerken, so viel zart nachwippende Gelassenheit sollte man von der Luftfederung in Kombination mit den neuen adaptiven Dämpfern auch erwarten.

Airmatic nur in der Mercedes E-Klasse mit Sechszylinder Derart behutsam, wie sie die härtesten Angriffe des Straßenbelags verdaut, könnten die Krankenkassen die Mercedes E-Klasse locker als Heilmittel für Fahrerrücken übertrieben sportlich abgestimmter Fahrwerke bayerischer Provenienz zulassen. Oder als automobile Yoga-Variante - Ommm. Doch den Testwagen wiegen keine geregelten Dämpfer, geschweige denn Luftkissen. In der Mercedes-Modell- Hierarchie, streng wie die interne Unternehmensstruktur, dürfen erst die Sechszylinder-Modelle optional mit Airmatic federn. Im vierzylindrigen Mercedes 250 CDI befördern konventionelle Stahlfedern den Hoffnungsträger Nummer eins zu begeisternden Komforthöhen. So bilden Fahrerlebnis und Optik spannende Kontrapunkte. Mercedes E-Klasse bietet Sicherheit und Geborgenheit Trotzig um Design- Diskussionen buhlend, stellt der Mercedes W 212 seine Ecken und Kanten wie ein kubistisches Bild zur Schau, während die Insassen mit ihm weich und rund wie eine Rubens-Schönheit durch die Landschaft fließen. Damit befindet er sich in allerbester Stern-Tradition. Denn feurige Beaus sind Mercedes-Autos selten, aber fast immer sehr bequem. Trotzdem sagen Kritiker, die neue Mercedes E-Klasse käme als Vertreter der automobilen Oberklasse kaufmännisch eher zur Unzeit - von der Abwrackprämie wird sie schließlich schwerlich profitieren. Dabei transportiert sie Werte, die gerade jetzt erfreuen: Sicherheit und Geborgenheit. Da passt es gut, dass sie optisch ganz offen mit ihrer Über-60-Zielgruppe kokettiert und zumindest als Limousine kaum Lifestyle-Schminke trägt. E-Klasse geht mit S-Klasse auf Tuchfühlung Einzig zwei kleine LED-Tagfahr-Häkchen künden von der aktuellen Mode. Nackenstarre bekommen bei ihrem Anblick jedenfalls nur Taxifahrer. Vielleicht auch gut so, dann fällt den Nachbarn nicht sofort auf, dass man sich was teures Neues geleistet hat. Lockerer als bei der Vorgängerin schwingen sich junge wie ältere Passagiere in den Fond, und wo früher ab 1,90 Meter Körperlänge der gut gepolsterte Dachhimmel dem Scheitel und die Lehne der Vordersitze den Knien Druck machte, räkeln sich die Hinterbänkler dank Radstand- und Breitenzuwachs mehrere Zentimeter luftig-genüsslicher auf den perfekt gepolsterten Sitzen. Auch in den vorderen Multikontursitzen (1.488 Euro) lässt sich der tobende Wirtschaftskrise-Sturm mit fein angepasster Lehnenbreite und Rückenunterstützung gemütlich aussitzen. Subjektiv geht die E- mit der S-Klasse auf Tuchfühlung. Von dem barocken Schwung der großen Schwester ist aber nichts zu spüren.Stattdessen weht kühle Eleganz wie früher beim Mercedes W 124 dem Fahrer entgegen. Das Armaturenbrett scheint aus einem soliden Block geschnitzt, besonders rund um den jetzt optisch günstiger thronenden Navi-Monitor. Wie ein innenliegender Kühlergrill schaut einem darunter die umchromte mittlere Lüfterbatterie entgegen. Schüchtern blinkt ein Metallsteg auch über dem neuen offenporigen Holz im hemdsärmeligen Country-Stil - unprätentiös, nicht angeberisch und damit höchst zeitgemäß. Weiter unten entdecken Nostalgiker eine Design-Reminiszenz an das früher beste Autoradio der Welt: Becker Mexico mit seinen mächtigen Wippschaltern. Die tastenfreudige Infotainment-Abteilung sitzt jedoch schon längst ein Stockwerk höher. Mit der unteren Déjà-vu-Knopfbank stellt heute die aufpreispflichtige Multizonen-Thermotronic in praxisgerechten Ganz-Grad-Schritten die Temperatur ein. Die Klimabedienung sitzt etwas zu tief, aber die Automatik hält selbst ohne Nachregeln bestens die eingestellte Temperatur. Einfache Bedienung bleibt auch in der jüngsten Version der laut Mercedes erfolgreichsten Business-Limousine der Welt ihre große Stärke - von der zu menülastigen Lenkradsteuerung mal abgesehen. Mercedes E-Klasse mit Müdigkeitswarner Tante E-Klasse sorgt sich eben um einen. Wenn es sein muss, sogar mit einer kleinen Tasse Kaffee im Tacho- Display, wenn aus 70 Fahrparametern ermittelt wurde, dass der Fahrer gerade sehr müde ist (Attention Assist). Liebe Mercedes E-Klasse, bist aber auch selbst dran schuld. So wenig wie du fordert kaum ein Auto seinen Fahrer. Erst recht, wenn der Abstandsregeltempomat mit seiner zusätzlichen Kamera zum Radar jetzt noch aufmerksamer den Verkehr beobachtet, die Außenspiegel mit einem kleinenWarndreieck auf Gefahren im toten Winkel hinweisen und das Lenkrad beim unbeabsichtigten Spurverlassen zart vibrierend aufmuckt.

Sicherheit geht bei der Mercedes E-Klasse vor Bei akut drohendem Unfall wirft die Mercedes E-Klasse sogar selbständig den Vollbremsanker. Ein fahrerisches Faulheits-Seminar für Workaholics also, das aber vor allem der Sicherheit dient. Wie ernst es die Gute damit meint, merken die Insassen spätestens dann, wenn sie schon beim Gurtanlegen automatisch in die Sitze gepresst werden. Wie früher bei Muttern, als man nur mit korrektem Kragensitz aus dem Haus durfte. Und sie leuchtet einem vortrefflich heim. Eine mächtige Schneise brennt das Bixenon-Licht durch dunkle Waldpartien. Dabei reicht die Weite mit dem uneingeschränkt empfehlenswerten adaptiven Fernlichtassistent stufenlos von 65 bis 300 Meter, je nach umgebendem Verkehr. So hell fährt sonst kaum ein Auto. Und es drängt sich die Frage auf: Hat dieser Wagen überhaupt Schwächen? Der Vorgänger schwappte bisweilen etwas behäbig um Kurven, und die Lenkpräzision war eher teigig. Dieses Kapitel beendet der Neue, ohne das souverän-verreißsichere Mercedes-Lenkgefühl zu verlieren. Deutlich dynamischer als bisher steuert die Mercedes E-Klasse selbstbewusst in Kurven hinein - dies sogar mit etwas sportlicher Rückmeldung. Die Mercedes E-Klasse ist kein Sportwagen Tendenziell bleibt der leicht kopflastige 1,8-Tonner zwar immer noch neutral bis untersteuernd, aber wer es mit einem beherzten Scheitelpunkt-Gasstoß partout drauf anlegt, lässt das ausladende Heck bis zu den Grenzen des nie ganz abschaltbaren ESP schwingen. Dass aus dem Schwabenpfeil trotzdem kein Sportwagen geworden ist, zeigen die Fahrdynamik-Messwerte, die beim Slalom und ISO-Wedeltest einige km/h unter denen eines BMW 5er liegen. Die Fahrsicherheit zeigt sich davon unbeeindruckt auf höchstem Niveau. Ihre Werksangabe von 7,7 Sekunden von null auf 100 km/h verfehlt der Mercedes E 250 CDI um etwas mehr als eine halbe Sekunde. Sicherlich verschmerzbar, doch der Antrieb präsentiert sich zwiespältig. Unter der jetzt beim Fußgänger-Aufprall aktiv emporschnellenden Fronthaube sitzt der neue, 2.143 Kubikzentimeter große Vierzylinder-Diesel mit Registeraufladung. Intern OM 651 genannt, pumpt der Langhuber schon seit letztem Jahr in der Mercedes C-Klasse. Als Herz der Mercedes-CO2-Reduktionsstrategie ist sein Einsatz in fast allen Modellreihen bis hin zur Mercedes S-Klasse vorgesehen. Dieser Aufgabe stellt er sich potenziell locker: Ab 1.600 Touren, dort, wo früher Turbodiesel japsend Luft holen mussten, schiebt das Common-Rail-Triebwerk mit einer aufreizenden Mühelosigkeit von bis zu 500 Nm nach vorne.

Keine Siebengang- Automatik für die Mercedes E-Klasse Elastisch, drehfreudig und spontan, begeistert die Leistungsentfaltung. Dass der 204 PS starke Vierventiler dabei kein Laufruhe-Wunder ist, sei ihm verziehen. Von seinem merklichen Knurren bei Gaseinsatz dringt wenig in den vorzüglich gedämmten Innenraum. Leider geht sein Spritspar-Konzept nur bei äußerst bedächtiger Fahrweise auf. Normal bis zügig bewegt, nimmt er unwesentlich weniger Sprit als ein vergleichbarer Dreiliter-Sechszylinder von BMW mit höherer innerer Reibung. Nur dass dieser mehr Leistung bietet und mit zwei zusätzlichen Töpfen viel geschmeidiger läuft. Der nicht berauschende Testverbrauch von 8,5 Liter/100 km (40 Prozent mehr als ECE-Angabe) hat auch noch eine andere Ursache: Wieder streng hierarchisch, verwehrt Mercedes den Vierzylinder-Typen zurzeit die Siebengang- Automatik. Im Mercedes 250 CDI werkelt der ältere Fünfgang-Automat. Mercedes beteuert, dieser reiche von der Spreizung völlig aus. Das stimmt jedoch nur für die Leistungsentfaltung und nicht für das Drehzahlniveau. Bei gleicher Geschwindigkeit dreht der 2,1-Liter rund 400/min höher als seine direkten Konkurrenten mit mehr Gängen. Damit werden die weiteren Spritsparmaßnahmen wie der extrem niedrige cW-Wert (0,26), die aktive Lüfterjalousie und die rollwiderstandsarmen Reifen konterkariert. Was nichts daran ändert, dass die Mercedes E-Klasse ein gelungener Wurf ist. An einem Liter mehr oder weniger wird die Kaufentscheidung für das 48.629 Euro teure Auto nicht scheitern. Schon eher an den hohen Aufpreisen. Egal ob Vier-, Sechs- oder Achtzylinder: Es ist eben nie ein günstiger Spaß, Mercedes E-Klasse -Fahrer zu sein, aber immer ein Vergnügen.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2009-04-20

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