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Testbericht

26. Juni 2015
Frühlingsgefühle, Bombenwetter – schon klar. Doch zuerst muss Markenpolitik gebüffelt werden. Also ganz fix noch mal rein in die riesige Mercedes- Bibliothek: Unglaubliche 17 Modellreihen stehen dort mittlerweile, alle total vollgestapelt, aber fein säuberlich sortiert: erst nach Buchstaben, dann nach Zahlen. Und permanent wird umgebaut, angebaut und weiter ausgenischt. Unten im A-Klasse-Regal räumen sie gerade die neue Shooting-Brake-Ausgabe des CLA ein, oben in der S-Klasse messen Produktplaner aus, ob sich zwischen Coupé und Maybach noch ein Cabrio quetschen lässt. Und an der SUV-Palette hängt ein Schild: Überladen. Einsturzgefahr.Der Witz: Genau auf Augenhöhe, mitten in der Mittelklasse, dort wo die Sechszylinder-C-Klassen aufhören und die AMG-Sektion noch nicht beginnt, klafft seit Jahren ein Riesenloch.Und das stopft nun der Mercedes C 450 AMG. Er ist das zweite Mitglied der neuen Sport-Kollektion und wird ganz bestimmt nicht das letzte sein. Jedenfalls hätten sie sonst wohl nicht die komplette Namensordnung umgekrempelt.Ganz kurz dazu: die AMG, also die reinerbigen, die mit nur zwei Ziffern hinterm Buchstaben, heißen fortan Mercedes-AMG, die Sportmodelle tragen das klangvolle Kürzel – wie bis vor Kurzem noch generell üblich – am Schluss. Merke also: Mercedes-AMG C 63, aber C 450 AMG – Stammtischwissen zum Angeben, falls Sie welches brauchen.

Mercedes C 450 AMG - nur eine aufgebrezelte C-Klasse?
Und auch wenn sich der Schritt sicher rentieren wird – Audi und BMW verdienen sich auf dieselbe Tour schon länger was dazu –, ist er für AMG zunächst einer zurück: Ewig kämpften sie in Affalterbach um die Anerkennung als Hersteller, und jetzt, wo man endlich mit am Tisch sitzt, wenn sie drüben beim Daimler neue Modelle aushecken, fängt man wieder im großen Stil als Tuner an.Denn im Grunde ist derMercedes C 450 AMG nichts anderes als ein aufgebrezelter C 400: Der V6-Biturbo wird per Ladedruck von 333 auf 367PS hochgedreht, statt 480Nm schieben nun 520 an. Dazu Schweller ringsum, Abrisskanterl, Endrohrblenden, Fußmatten mit Logo-Stick. Das Übliche halt, für 7.600 Euro mehr. Oder wie hatte es das CLK-Bürschle an der Tanke in Waiblingen kommentiert? "Da gehsch' zum Lorinser, die machet dir des elles ginschtiger!"Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Glücklicherweise. Denn vor allem jenseits der Oberfläche wurde richtig Hand angelegt. Parameterlenkung, Adaptivdämpfer, Siebenstufenautomatik, Allrad – alles ist im Mercedes C 450 AMG griffiger, direkter und agiler abgeschmeckt und serienmäßig. Am Fahrwerk sind die Änderungen sogar konstruktiv. Die Vorderachse bekommt eigene Achsschenkel und Traggelenke, viele Bauteile und die Anbindung wurden versteift, der Negativsturz der Räder vorn wie hinten erhöht. Kein voller AMG, keine gewöhnliche C-KlasseEin vollwertiger AMG wird derMercedes C 450 AMG davon vielleicht nicht – dürfte er gar nicht. Eine ordinäre C-Klasse ist er aber auch nicht mehr. Sein Auftreten, die Machart und diese verblümte Art – ja, er erinnert ein bisschen an die Tage des C 36 und C 43, an damals, als das Techtelmechtel zwischen der C-Klasse und AMG noch um einiges züchtiger war als heutzutage.Mit anderen Worten: Im Gegensatz zu so einem C 63 S, dem das Testosteron überall aus der Karosse quillt, versprüht es derMercedes C 450 AMG nur in Maßen und nur auf ausdrücklichen Wunsch. In Eco und Comfort bleibt er sogar ganz Mercedes, Sport knöpft ihn etwas auf. Erst mit Sport werden seine Absichten dann unmissverständlicher.Jetzt grummelt er heiser, brabbelt im Schiebebetrieb, röhrt kehlig beim Ausdrehen. Die Lenkung erhöht die Haltekräfte, die Dämpfung die Intensität des Fahrbahnkontakts. Immer wieder meint man den A 45 herauszuspüren: im brottrockenen Abrollen zum Beispiel oder klangfarblich. Doch spätestens der Motor bläst den Gedanken hinfort. Dank des spontanen Laders und seines kurzen Hubs setzt er geschwind zum Hochdrehen an, prustet stürmisch bis in die 6.000er, ehe ihn der Wandler zack zack auf die nächste Stufe lupft. Auch die Zahlen passen: glatte fünf Sekunden auf 100, 34,9 Meter wieder zurück – stumpfes Pedalgefühl hin oder her.Dennoch: DerMercedes C 450 AMG ist mehr Mercedes als AMG. Hauptberuf Autobahn, linke Spur natürlich, die Prokuristen-Diesel fest im Griff. Zwischendurch eventuell mal über eine Landstraße huschen. Rennstrecke? Nie! Dabei könnte er. Zumindest für zwei Runden – höchstens drei.

Mercedes C 450 AMG weckt Rennfahrergefühle
So lange dauert es in Hockenheim, bis derMercedes C 450 AMG mit seiner frontlastige Balance den Grip von den vorderen Dunlops gerubbelt hat, dann ist's ziemlich vorbei mit der Dynamik. Bis dahin jedoch macht er ganz schön Alarm. Okay, die Karosserie neigt sich zu weit, ansonsten ist alles tipptopp: heckbetonte Kraftverteilung, vollmanueller Schaltmodus. Und auch die Kompromisse, die er als Fast-AMG nunmal schließen muss, schließt er gut: ESP bleibt auch im abgeschalteten Modus aktiv – so will es die Firmenphilosophie. Aber: Es fummelt nicht ständig irgendwo herum. Und das, obwohl sich derMercedes C 450 AMG so sorglos in Kurven wirft.Im Slalom stiftet die gierige Vorderachse des Mercedes C 450 AMG noch Unruhe, auf der Strecke jedoch macht sie den Unterschied. Keiner seiner Art lenkt so rassig, kein B3, kein S4, kein 335i. Sie sind seine Konkurrenten derzeit. Das heißt: So wirklich ist es nur noch der Alpina. Und auch der braucht einen guten Tag.Befürchtung: Auch den Mercedes C 450 AMG werden sie ausschlachten. Als T-Modell gibt es ihn schon, ein Coupé folgt sicher. Doch was noch? GLC, VLC, ABC. Motto: Die Nischung macht's!
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-06-26

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