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Testbericht

7. Dezember 2019

Als sich der Stern dem Horizont entgegenreckt und die ersten Sonnenstrahlen das Dämmergrau des Himmels morgenröten, sind wir schon ein paar der leisen, kleinen Stunden des frühen Tages unterwegs. Lange genug, um zu einer Ruhe zu finden, wie sie nur entsteht bei der Geborgenheit, welche die Gewissheit verschafft, unbedingt und sicher anzukommen. Und die es erst ermöglicht, sich an große Fragen zu wagen: Sollte früher alles besser gewesen sein, wie grandios muss dann erst das Beste von früher im Heute sein? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Und der führt nach Lahr. Im Mercedes 500 SEL W 126.Wenngleich es die Tradition des „Alten im Test“ keineswegs erfordert, gibt es neben diesem Grund gar einen Anlass, dass die S-Klasse der Baureihe W 126 hier auftritt. Sie feierte 1979 auf der IAA ihre Premiere, also in einem guten Früher, das tatsächlich schon 40 Jahre zurückliegt. 1980, im ersten Test des W 126, bewerteten wir ihn in kritischer Nüchternheit als „das beste Auto der Welt“. Nun, kleiner hatten wir es damals wohl nicht.Aber selten war ein Wagen seiner Zeit vorauser als der Mercedes 500 SEL W 126. Für den gab es vom Start weg das beim W 116 eingeführte ABS, ab 1981 Fahrerairbag und Beifahrer-Gurtstraffer. Ja, er war damals das sicherste Auto überhaupt, mit einer Karosserie- und Crashstruktur, die selbst die da neu in Mode geratene Gefahr des Offset-Crashs wegsteckt – den mit 40 bis 50 Prozent Überdeckung. Dazu optimierten die Techniker die Aerodynamik bis hin zum Lauf der Regenrinne und versenkten Scheibenwischern auf cW = 0,36, minderten das Gewicht im Vergleich zum alten S um bis zu 300 Kilogramm, entschwülstelten den Stil von Karosserie und Interieur.Der 126 blieb zwölf Jahre in Produktion, nur eine Modellpflege im September 1985 unterbrach den steten Lauf des Fließbands in Sindelfingen. Mit 818.036 Exemplaren gilt er bis heute nicht nur als erfolgreichstes Modell der S-, sondern der Luxusklasse überhaupt. Daher wollten wir den Jubiläumstest früh planen. Also mutig anrufen bei Mercedes-Benz Classic und nur nicht überrumpeln lassen:„Hal ...“„Seb, du schon wieder?“„Ähm, also ich ...“„Ihr hattet doch gerade erst das G-Modell für den ‚Alten im Test‘.“„Ja, aber ...“„Schon klar: jetzt der 126er.“„Könnten wir ...“„Hatte ich mir gedacht. Wir haben drei zur Auswahl: einen frühen 500 SEL, einen mittleren 300 SE und einen späten 560 SEL. Welchen, wann?“„Ähm, pfff ... 500 SEL? Herbst?“„Ihr könnt ihn holen. Bis dann.“

S ist alles Gold, was glänzt
So holen wir den lapisblaumetallicfarbenen Mercedes 500 SEL an einem Sommermontag, der sich in eine Herbstwoche verirrt hat. Es ist ein 1982er, der damals in Grundversion 63.845 Mark kostete. In der Datenkarte sind alle Sonderausstattungen aufgezählt – eine lange, eher durchgehende Zahlenreihe, die von 410 (Schiebedach elektrisch, 1.316,45 DM) bis 877 (Leseleuchten im Fond, 113 DM) reicht. Seltsamerweise umfasst sie nicht die Kopfstützen im Fond (Das wäre die 430 zu 186,45 DM gewesen – gerade mit solch mitreißendem Detailwissen bringen Sie wieder so richtig Schwung in erlahmenden Smalltalk bei Weihnachtsfeiern). Jedenfalls kostete der Mercedes 500 SEL mit Extras 86.625,80 DM – ein hoher, gleichwohl angemessener Preis für einen Kraftwagen, der seit 37 Jahren an der Spitze unterwegs ist.Denn nachdem 1981 der Mercedes 600 absalutierte, ist der Mercedes 500 SEL das Elitenmodell, parkt vor Kanzleramt und Villa Hammerschmidt – die S- Klasse von Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit dem lässigsten Nummernschild der Republik: 0-1. Da wird man ganz neidisch drüben im Kanzlerbungalow, wo man mit den Extras „Vordersitz verstärkt rechts“ (35,03 DM) und „zusätzliche Längsverstellung Vordersitz rechts“ (107,35 DM) lässigkeitsmäßig ja eher nicht so mithalten kann.Huch, schon die Ausfahrt Lahr. Gerade hatten wir doch noch den halben Weg vor uns. Wie schnell die Zukunft zur Vergangenheit wird, wenn man im Früher herumdenkt. Abbiegen, tanken, waschen, dann rüber auf den Flugplatz, direkt zur Box und gleich auf die Waage. Sie zeigt für den 5.135 Millimeter langen SEL 1.721 Kilo an – so viel wiegt heute ein E 200.Wir verkabeln die Elektronik. Doch bevor wir hinausfahren, nehmen wir die Innenmaße. Da gibt es eine Menge innen zu vermessen, schließlich reckt sich der Mercedes 500 SEL um 14 Zentimeter im Radstand auf 3,07 Meter. Daher sind nicht nur die Fondtüren um dasselbe Maß länger, sondern auch die Haltegriffe im Fond, was ihnen Perspektiven auf eine zweite Karriere als Duschhandtuchhalter verschafft.Auf der knautschigen Rückbank erstreckt sich der Sitzraum auf weitläufige 83 Zentimeter. Das Fahrpersonal ist ebenfalls ungedrängt, aber in sachlichem Ambiente untergebracht. Alles übersichtlich und eingängig am großen Lenkrad. Zündung, Wählhebel durch die Zickzackkulisse auf D, Fuß vom Bremspedal, der Mercedes 500 SEL rollt an. Der V8 wummert knapp über seiner reduzierten Leerlaufdrehzahl von 500/min. Sie zählt wie die erhöhte Verdichtung, die Leistungsreduktion von 240 auf 231 PS und die längere Hinterachsübersetzung zu den Maßnahmen des „Mercedes-Benz Energiekonzepts 1981“, welches den obersten Zehntausend zur Effizienzsteigerung nicht gerade unerträgliche Einschnitte an Leistung, Tempo oder Bequemlichkeit abverlangt.Wegen des niedrigeren Gewichts übertrifft der Fünfliter sogar die Vehemenz des nominell weit stärkeren 450 SEL 6.9. Auch jetzt, da wir sachte Geräuschwerte aufgezeichnet haben, beweist der Mercedes 500 SEL die Kraft aus der Abgrundtiefe des Hubraums. Bei einer Wucht von 405 Newtonmetern sortiert die ohnehin nicht überbesetzte Vierstufenautomatik zum Anfahren normalerweise den zweiten Gang ein, nur auf L wandlert sie im ersten los. So wie nun, was die Traktionsreserven fordert, worauf eine Beschleunigungseile folgt, die einst das Selbstverständnis von Sportwagen ramponieren konnte. Am Start stützt die Anfahrmoment-Stabilisierung die Hinterachse gegen Eintauchen ab, dann prescht der SEL los, erreicht 100 km/h in 8,5 Sekundem, 160 km/h in 20,7. Mehr als die Werte beeindruckt die Beiläufigkeit, in welcher der Mercedes 500 SEL so beschleunigt. Wahre Macht zeigt sich darin, niemals den Eindruck zu erwecken, sie wirklich ausschöpfen zu müssen.Souverän gelingt dem 500 auch das Bremsen, er verzögert das viele Tempo ordentlich weg. Etwas fordernder dagegen gestalten sich die Prüfungen der Fahrdynamik – gerade für ein Auto, das es gewohnt ist, eine klare Richtung vorzugeben. So umkurvt der Mercedes 500 SEL die Pylonen beim Slalom mit stattlicher Seitenneigung und hoher Sicherheit. Gleichwohl weiß er noch unsittlichere Hektik mit seiner rückmeldungskeuschen Lenkung zu vermeiden. Die ist so indirekt übersetzt, dass man bei schnellerem Tempo schlicht nicht mit dem Kurbeln nachkommt.Wer sich durch die optionale hydropneumatische Federung eine Dynamisierung des Handlings erwartet, kann darauf ebenso warten wie auf eine wirkliche Verbesserung des Federungskomforts. Denn erstaunlich ungeschickt spricht die Öl-Luft-Federung auf kurze Unebenheiten an. Lange Wellen schwingt sie besser weg, ohne aber je den Eindruck zu verdrängen, man hätte die 3.310,90 DM damals besser anders investiert. Etwa in Gold aufgewogen, daraus wären seither 4.873 Euro geworden.Damit ließe sich schon ein Teil der Aufwendungen für Kraftstoff gegenfinanzieren. Denn jetzt, nachdem wir zusammengepackt haben und wieder an der Tankstelle sind, gurgeln erhebliche Mengen Superbenzin in den Tank. Aber Geiz kann man sich nun einmal nicht leisten, wenn es gilt, einen Mercedes 500 SEL zu fahren.

Über allen Gipfeln ist Ruh’
So geht es los, ein Stück nur über die Autobahn. Dann wie immer weiter über Land. Heute mit weit geöffnetem Schiebedach. Oh, die Oppenauer Steige ist gerade gesperrt. Na, dann erklimmen wir den Schwarzwald eben über die Hochstraße. Viel haben die Straßen da an Steigung der Wucht des Motors nicht entgegenzusetzen. Die Tannenwipfel stroboskopen über den tief glänzenden Lack der Motorhaube, wenn die sich ganz sacht nur nach Kurven weiter emporreckt. Nun lässt die Automatik den V8 mal höher und fordernder drehen, ohne damit seine Reserven je nennenswert auszunutzen.Nach Kurzem und geradezu nebenbei erreicht der Mercedes 500 SEL den Gipfel des Berges. Den der Macht hat er nie verlassen. Das Gute von früher, das wird ja immer besser.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2019-12-07

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