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Testbericht

5. Dezember 2015
Es sind oft Kleinigkeiten, die einen bei Klassikern berühren. Wenn der Opel Diplomat nach jedem Kaltstart gierig anspringt und sofort flüsternd rundläuft, dann ist das an sich schon beeindruckend. Aber wenn der rot lackierte GM-Small-Block schon beim kleinsten Gasstoß im Stand sinnlich hin und her wiegt, dann ist das nur ein feines, aber glaubwürdiges Indiz für seine stets überflüssige Kraft, die er locker aus dem Ärmel schüttelt, so niedertourig, so selbstverständlich.

Motto des Opel Diplomat: Hubraum statt Nockenwellen
In Zahlen ausgedrückt heißt das: 230PS und 420Nm, aber Zahlen muss man erleben, und sie kommen einem hinter dem leider stillos lakritzigen Kadett-Berlina-Lenkrad des späten Opel Diplomat vor wie eine Welt. Es ist eine paradiesische Welt müheloser Zufriedenheit, mehr zu verlangen, wäre obszön. Die satten 230PS und üppigen 420Nm werden mit 15 Litern bezahlt - wenn sich der Gasfuß zurücknimmt. Auch das ist in Ordnung.Im Opel Diplomat glaubt man, dass die großen Dinge im Grunde einfach sind. Hubraum statt Nockenwellen, sachliche Linien statt barocker Pracht. Der große Wagen hat dennoch eine subtiles, differenziertes Wesen, man sehe sich nur die phänomenale Frontpartie mit den vielen gebrochenen Kanten an oder die Einfassung des leicht konkaven Heckfensters.Der Opel Diplomat ist nicht der übergroße tumbe Straßenkreuzer, der die pragmatische Philosophie des Nur-so-gut-wie-nötig predigt, wie uns einst der Test in automotorundsport suggerierte. Aber solche Sichtweisen müssen reifen, und der wiegende Motor gehört nicht in einen Test - ein solcher Satz hätte die messwertsüchtigen Techniker der Siebziger verstört.

Im Mercedes 300 SEL wartet eine andere Welt
Beim Mercedes 300 SEL berührt einen etwas anderes, noch vor dem Start. Nach sattem Schließen der Fahrertür schleicht sich eine stille Minute der Meditation ein. Das Draußen weicht vollständig dem Drinnen. Das Auge ist entzückt von so viel Schönheit, die in dezenter Ästhetik erstrahlt und eben keine protzige Pracht zelebriert.Wir weiden uns an den fein schraffierten Rundinstrumenten mit zierlichen Chromrähmchen, das kastanienbraune Wurzelnussholz strahlt eine Willkommenswärme aus, die einer zärtlichen Umarmung gleichkommt. Auch das elfenbeinfarbene Lenkrad des Mercedes 300 SEL will angefasst werden, der Automatikwählhebel geht mit ihm eine geradezu symbiotische Beziehung ein.

Mercedes in Manufakturqualität
Der Blick über die geschwungenen Rundungen der Haube mündet zielsicher im Stern, der ganz weit vorne erhaben auf einem Sockel thront, das hat etwas Beschützendes. Jäh beendet der Schlüsseldreh die Kontemplation. Fast hätten wir es vergessen, der Mercedes 300 SEL 3.5 ist ein Fahrzeug und kein Stilmöbel. Den erhabenen Lenkradwählhebel leicht runterziehen, schon ruckt D spürbar ein. Der Dreieinhalbliter-V8 läuft noch etwas hochtourig und muss sich erst finden, man wird auch später spüren, dass er nicht die stoische, gusseiserne Ruhe hat wie der Opel-V8.Seine auch in kurzhubigen OHC-Genen liegende Drehfreude kleiner Zylindereinheiten vermag die Viergangautomatik gekonnt umzusetzen. Kaum zu glauben, dass sie sogar beim verloursgepolsterten, luftgefederten Mercedes 300 SEL optional war. Immerhin braucht man die Fenster nicht zu kurbeln. Selbst wenn der Mercedes fährt, macht der rollende Salon große Freude, das Leistungshandicap gegenüber dem Opel ist de facto nicht spürbar.Schließlich sind 200PS und 290Nm stolze Werte, die allenfalls sein Bruder 6.3 übertrifft. Während der Opel Diplomat sanft gedämpften Detroit-V8-Sound intoniert, ohne jemals proletig aufzubollern, lässt sich der Mercedes 300 SEL erst obenheraus von einem 250 SE unterscheiden, wenn sein vehementes V8-Stakkato einsetzt.

Eklatante Unterschiede in der Leistungsentfaltung
Nicht das Temperament unterscheidet die beiden, vielmehr ist es die Art der Leistungsentfaltung. Beim Opel Diplomat V8 findet die Kraft der Gelassenheit im GM-Antriebsstrang ihre Fortsetzung: nur drei Gänge, die stets ruckfrei ins geschmeidige Drehzahlband passen, reichen. Wie war das noch? Alle großen Dinge sind einfach.Heute relativiert sich die im ams-Test bemängelte "Nervosität der Mercedes-Antriebseinheit". Im Klassikermodus wird nicht mehr ausgedreht, was die noch wandlerlose Mercedes-Automatik mit spürbarem Rucken quittiert. Da wird behutsam gefahren, da wird gecruist, da reicht die kraftvoll-niedertourige Leistungsentfaltung im mittleren Drehzahlbereich der Motoren völlig. Da steigert sich Opel Diplomat- und Mercedes 300 SEL-Fahren zum nervenschonenden Genuss kontemplativer Entschleunigung.

Gemütlicher Mercedes mit ruckiger Automatik
Beim Mercedes 300 SEL ist die Gemütlichkeit hinter dem großen Lenkrad noch ausgeprägter. Das liegt nicht nur an den Sofa-artigen Velourssitzen und am stilvollen Ambiente. Die in unserem Fotomodell frisch für 10.000 Euro überholte Luftfederung macht ihn zum schwebenden Gleiter. Es ist erstaunlich, wie sie die unebenen Landstraßen dritter Ordnung im Kreis Dachau wegbügelt, da helfen dem Opel weder Gewicht noch Radstand."Die Abstimmung von Federung und Dämpfung ist eben noch nicht vollends geglückt", schrieb Tester Reinhard Seiffert im Frühjahr 1970, nicht ohne die aufwendige DeDion-Achse des großen Opel Diplomat als Meilenstein zu würdigen. Eine an Blattfedern aufgehängte Starrachse sei zwar bei einem Maserati Ghibli nichts Despektierliches, bei einer Oberklasse-Limousine wie dem großen Opel jedoch ein Primitiv-Relikt.

Opel Diplomat ist agiler, liegt besser
Trotz sachlichen Designs, ganz ohne amerikanische Effekthascherei, trotz eines funktionellen Innenraums, der das Mercedes-300-SEL-Interieur zur Chippendale-Antiquität erklärt (alle Fensterrahmen sind beim Benz sogar lustvoll in Edelholz gefasst), hatte der große Opel Diplomat V8 immer so ein Schausteller-Image. Daran sind seine Vorgänger nicht ganz unschuldig, deren größte Tugend Zuverlässigkeit mit dem Makel rapiden Wertverlusts aufgewogen wurde.Der Opel Diplomat B ist anders, schon mit dem Einspritz-Sechszylinder gibt er den prächtigen, mühelosen Reisewagen. Besagte DeDion-Achse liefert zwar keinen sänftenartigen Komfort, dafür eine souveräne Straßenlage selbst in schnell gefahrenen Kurven und bei heftigen Bremsmanövern. Die letzte Disziplin schafft nur der luftgefederte Mercedes 300 SEL ganz ordentlich, bei ihm bleibt die Pendelachse besser im Zaum.Anders als damals im automotorundsport-Test ist der Opel Diplomat V8 heute keine zweite Wahl mehr. Unter dem Metzger- und Gastwirt-Image steckt ein Feingeist für Kenner, dessen Charakterzüge man sich erst erarbeiten muss. Der große Mercedes 300 SEL macht es einem leichter - wieder einmal.

So viel kosten Mercedes 300 SEL und Opel Diplomat V8
An den Preisverhältnissen hat sich seit 1969 kaum etwas geändert. Kostete der Opel Diplomat V8 im Jahr 1969 rund ein Drittel weniger als der Mercedes 300 SEL (Neupreise 1969: 20.260 gegenüber 29.637 Mark), liegen die beiden Autos auch heute noch in diesem Verhältnis auseinander.Ein Mercedes 300 SEL im Zustand 2 will laut Classic-Analytics mit rund 31.000 Euro bezahlt werden, im Zustand 4 sind etwa 7.100 Euro fällig. Der Opel Diplomat V8 ist mit 19.000 Euro/4.800 Euro wiederum rund ein Drittel günstiger. Ein Grund für die Preisunterschiede sind die Produktionszahlen: Vom Opel liefen mit 18.725 Exemplaren rund doppelt so viele vom Band (Mercedes 300 SEL: 9.583 Einheiten). Allerdings wurden von der Langversion bei Vogt nur 40 Fahrzeuge gefertigt - sie liegt preislich auf dem Niveau des 300 SEL.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-12-05

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