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Testbericht

18. Juli 2016
Der Traum vom Wohnmobil ist zeitlos, und er ist bis heute ein gutes Geschäft. Schon früh sorgten deshalb Automobilhersteller mit eigenen Varianten ab Werk dafür, sich ein Stück vom Kuchen der Reisemobil-Verkäufe zu sichern. Eine dieser Kooperationen ist die von Westfalia und Mercedes, und eine frühe davon der Marco Polo. Mit dem Namen des legendären venezianischen Abenteurers und Entdeckers betitelten die Westfalia-Werke den Umbau des "Bremer Transporters“ – so benannt nach seinem ursprünglichen Produktionsort. Der Szene ist der "Bremer“ bis heute unter diesem Spitznamen vertraut, obwohl er später auch in Düsseldorf vom Band lief, Geburtsstätte des Nachfolgemodells Sprinter. Wie heute der Sprinter mobilisierte der von Mercedes nüchtern "T1“ getaufte Transporter ganze Generationen von Handwerkern, Kleinspediteuren und Gewerbetreibenden jeder Art. Alle, denen ein VW Bus zu klein und ein 7,5-Tonner-Lkw zu mächtig war, griffen zum "Bremer“.

Reisetraum in bahama-beige
Der Transporter mit der charakteristischen Stummelhaube und der unverwechselbaren Leuchtengrafik lief ziemlich lange vom Band. 1977 als erste Serie aufgelegt, schaffte es Mercedes mit immer neuen Pflegemaßnahmen, ihn am Leben zu halten. Zum Schluss gab es ihn sogar mit ABS, bis 1995 der viel modernere, schnellere, komfortablere Sprinter die Bühne betrat.Unser Zeitreisender, der 209 D Marco Polo, kam einige Jahre zuvor zur Welt: 1984 wurde er ausgeliefert. Unter der Haube, der Typcode verrät es, der von Oldiefreunden bis heute heißgeliebte Vorkammerdiesel OM 617. Fünf Zylinder, drei Liter Hubraum, 88PS. Und vor allem: 172 Newtonmeter Drehmoment, das war für damalige Verhältnisse ein Haufen Holz vor der Hütte.Ein Mitarbeiter der Nutzfahrzeugabteilung von Mercedes entdeckte den Marco Polo vor einigen Jahren in Italien – aus erster Hand, mit einer geradezu frivol niedrigen Laufleistung. Gerade einmal 120.000 Kilometer hatte der T1 mit dem bei Westfalia nachgerüsteten Kunststoffhochdach hinter sich gebracht, für den OM 617 und die ebenso haltbare Peripherie des Ölmotors bedeutet das allenfalls eine etwas größere Runde um den Block. Noch nicht einmal die Karosserie hatte nennenswerte Verluste zu beklagen. Lediglich ein angenagtes Frontblech wurde gegen ein Neuteil ersetzt – natürlich bis heute lieferbar, Mercedes eben. Ansonsten steht der 209 D Marco Polo so zur Probefahrt bereit, wie ihn Westfalia und Mercedes schufen: Erstlack, Originalzustand, unrestauriert. Ein Schmuckstück für alle mit einem gewissen Faible zum kastigen.In Zeiten, als "bahama-beige“ für das heimische Bad der letzte Schrei war, kam der 209 D Marco Polo sehr modern daher. Das gilt auch für das in peppiger beige-braun-Kombination gehaltene Interieur. Damals schon schaffte man es, auf der verhältnismäßig kleinen Grundfläche ein Maximum an Wohnraum zu schaffen. Der drehbare Beifahrersitz erlaubte den Zustieg nach hinten, ohne die Schiebetür zu öffnen – das charakteristisch-laute, auf Campingplätzen schwer "beliebte“ Schiebetüren-Gewuppe kann so unterbleiben.

Der 209D Marco Polo ist drei Meter hoch
Im Hochdach – die Gesamthöhe des Mercedes 209 D Marco Polo beträgt stolze 2,97 Meter – lässt sich ein Doppelbett mit 1,4 Meter Breite entfalten. Für zwei, die sich sehr mögen, kann die untere Sitzgruppe zu einer weiteren Liegestatt mit 1,25 Meter Breite umgefaltet werden, eine optionale Liegefläche über den Vordersitzen ließe noch ein Kind auf einer Fläche von 160x160 cm schöne Träume erfahren. Fünf Schlafplätze auf 4,76 Meter Außenlänge, das ist unter den Maßstäben, die heute von mobilen Wohnräumen erwartet werden, kaum noch vorstellbar.Dass ein Marco Polo by Mercedes Benz schon seinerzeit nicht zu den günstigsten Möglichkeiten gehörte, ein Wohnmobil zu erwerben, zeigt die auch unter heutigen Wunschvorstellungen durchaus vollständige Ausstattung der 209ers. Je 70 Liter Frisch- und Abwassertank stehen zur Verfügung, drei große, getönte Fenster mit Rollos und Fliegengitter bringen Licht ins Innere. Die Küche mit Spüle und Zweiflammkocher war mit einer für damalige Verhältnisse revolutionären Technik ausgestattet: einem Absorber-Kühlschrank, der mit Gas, 12-Volt-Bordnetz und 220-V-Landstrom betrieben werden kann. Heute längst als günstige Basisausstattung etabliert.Eine vollwertige Nasszelle wie heute üblich ließ sich auf der Grundfläche des 209 D Marco Polo natürlich nicht mehr verstauen. Stattdessen verbirgt sich hinter einer Tür ein Waschbeckenmodul aus Kunststoff mit Stauraum für eine Mobiltoilette, spärliche Privatsphäre lässt sich mit einem ausschwenkbaren Vorhang schaffen.Die Gasversorgung für Kocher und Kühlschrank stellt ein fest installierter, über eine Serviceklappe befüllbarer Gastank sicher. Der ließ sich mit einem Anschlussstück auch für externe Verbraucher anzapfen, um beispielsweise am Campingplatz einen mobilen Gasgrill zu befeuern. Das Anschlussventil ist gegen Vereisung im Winter beheizbar.

Auch heute noch voll alltagstauglich
Bei der Heizanlage selbst bedient sich der 209 D Marco Polo aus dem Kraftstofftank: eine Eberspächer-Standheizung mit Gebläse und 2,3 kW Heizleistung soll sich pro Stunde mit 0,25 Liter zufrieden geben.Seine kompakten Abmessungen – Breite 1,98 Meter, Wendekreis lediglich 10,9 Meter – machen den Mercedes 209 D Marco Polo bis heute zu einem selbst in Innenstädten wunderbar handlichen Fahrzeug. Und er ist mit seinen 88PS alles andere als untermotorisiert: der Erstbesitzer wohnte eventuell in einer etwas hügeligen Gegend, vielleicht fürchtete man sich auch vor der enormen Stirnfläche des Hochdach-Benz, jedenfalls lief er mit einer besonders kurzen Achsübersetzung vom Band. Losfahren im zweiten Gang war beim T1-Transporter damals zwar ohnehin die Norm, der Erste wurde nur am Berg oder bei voller Beladung benötigt. In diesem Exemplar reicht jedoch fast schon der dritte von fünf Gängen, die sich mit dem herrlich langen Schalthebel hinter der in den Innenraum ragenden Motorabdeckung ein wenig knorpelig sortieren lassen.Damit kann der Wohnmobil-Opa zwar mit verblüffendem Temperament an der Ampel ablegen, allerdings ist schon bei 80km/h eine Drehzahl erreicht, bei denen die Ohren Einhalt fordern. Kaum vorstellbar, dass man ihn mit den als vmax angegebenen 120km/h auf die Reise schickt. Und zum Glück stand kein Drehzahlmesser auf der Optionsliste.Vollumfänglich befriedigend ist dagegen der Federungskomfort des Oldtimer-Wandersburschen. Ein bisschen rustikal natürlich, aber mit diesem Weltenbummler auch mal eine mehrere tausend Kilometer lange Tour anzutreten, wäre das normalste auf der Welt. Und das nicht nur der quasi unzerstörbaren Antriebstechnik wegen. Es muss ja nicht gleich wie beim Namenspatron bis nach China gehen. Obwohl?
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-07-18

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