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Testbericht

10. April 2010

Von wegen Understatement: Obwohl sich der sonst etwas vorlaute 4,7-Liter-V8 beim Ausrollen vor dem Clubhotel akustisch so zurückhält wie der Kies unter den fetten 20-Zöllern, bleibt der neue Maserati nicht lange unbeachtet.

Das Kofferraumvolumen des Maserati ist bescheiden, die Fond-Plätze nicht "Che bello", schwärmt ein Golfer beim Umrunden der Maserati -Prachtkarosse. Erst das Öffnen des Heckdeckels sorgt für eine gewisse Ernüchterung: "Bei der Länge hätte ich mindestens Platz für zwei Golfbags erwartet." Che peccato: Nicht mal ein Spross aus altem italienischem Auto-Adel scheint über profane Alltagsbedürfnisse erhaben. Tatsächlich dürfte das bescheidene 173-Liter-Abteil hinter der kleinen Luke kaum für den Namenszusatz Gran verantwortlich sein. Eher schon der üppige Radstand und die imposanten Außenmaße, die neben einer sanft fließenden, weitläufigen Linie zwei überraschend komfortable Rücksitze ermöglichen. Die automatisch vorfahrenden Vordersitze ersparen den Fondgästen beim Entern unwürdige Verrenkungen, und in den beiden Separees fühlen sich selbst Erwachsene nicht strafversetzt. Gegenüber Rivalen wie BMW M6 oder Jaguar XKR hat das Gran Cabrio hier beinahe Gardemaße zu bieten. Das Maserati Gran Cabrio wiegt 100 Kilogramm mehr als das Coupé Denn anders als beim um 22 Zentimeter gekürzten Vorgänger, dem zweisitzigen Spyder, übernimmt es die Dimensionen des Coupés Gran Turismo. Das Leergewicht (1.980 kg) ging bei der Verwandlung allerdings nach oben; neben dem Verdeckmechanismus und dem Überrollschutz fordern spezielle Versteifungen in Bodengruppe, Frontscheibenrahmen und Motorraum ihren Tribut. Durch Verwendung leichter, hochfester Stähle fällt der Zuwachs mit 100 kg immerhin moderat aus. Besonders stolz ist man auf die nach Werksangaben klassenbeste Torsionssteifigkeit der Karosserie und die ausgewogene Achslastverteilung, die bei geschlossenem Dach exakt der des Coupés entspricht (vorn 49, hinten 51 Prozent). Das dreilagige, stramm sitzende Stoffverdeck selbst bläht sich nicht auf und behält bis zu hohen Tempi seine Passform, entwickelt jedoch ebenso Windgeräusche wie die rahmenlosen Seitenscheiben. Zudem erlauben das kleine, heizbare Heckfenster und die Kopfstützen nur eine begrenzte Sicht nach hinten. Also lieber den Dachschalter auf der Mittelkonsole drücken und den Alcantara- gegen einen launischen Februar-Wolkenhimmel tauschen. Der V8 schiebt lässig aus dem Drehzahlkeller an In 20 Sekunden faltet sich das Verdeck mit einer Riesenwelle hinter den Sitzen zusammen, gewährt neben den Elementen einem brodelnden Klangteppich aus vier Endrohren freien Eintritt. So beeindruckend wie der Sound ist die Lässigkeit, mit der der 4,7-Liter-V8 aus dem Drehzahlkeller anschiebt und bis in lichte 7.000er-Höhen vordringt. Die 440 PS und 490 Nm werden von der Sechsgangautomatik diskret, aber höchst effektiv an die Hinterräder weitergereicht, selbst schalten per Wählhebel oder Lenkradwippen (240 Euro) ist möglich, jedoch nicht nötig. Die Sporttaste wirkt wie ein Weckruf Ein Druck auf die Sport-Taste wirkt wie ein Weckruf, der das Gran Cabrio samt Fahrer umgehend mit verschärftem Auspufftrommeln aus ihrer Behaglichkeit reißt. Zugleich nimmt der Saugmotor zackiger Gas an, das Getriebe mit neuer Software schaltet erst bei Maximaldrehzahl hoch, so dass der Zweitonner noch energischer davonstürmt. Auch die adaptiven Dämpfer werden gestrafft, damit der Pilot beim Längs- und Querbeschleunigen erst später in den persönlichen Begrenzer kommt.

Das Fahrwerk ist straff, aber nicht ungebührlich hart abgestimmt Der Sprint von null auf 100 km/h soll in 5,3 Sekunden gelingen - 0,4 mehr als im gleich motorisierten Coupé -, doch angesichts der jederzeit verfügbaren Reserven wirkt dieser Wert ähnlich akademisch wie die um zwölf (offen 21) km/h geringere Höchstgeschwindigkeit. Mehr Respekt verdienen die gute Sicherheitsausstattung – jetzt neu mit Bremsassistent – sowie das sauber abgestimmte, angemessen straffe Fahrwerk, das ungebührliche Härten ebenso unterbindet wie Karosseriewanken im Kurvenstress. Trotz seiner präzisen, fein ausbalancierten Lenkung zeigt der Maserati zum drahtig-leichtfüßigen Sportler mit messerscharfem Handling wenig Talent - und Ambitionen. Speziell auf schmalen Landstraßen oder im Großstadtverkehr ist die Rubens-Figur eher hinderlich, über zwei Meter Breite (mit Außenspiegeln) lassen sich nun mal nicht wegdiskutieren. Die US-Amerikaner mögen es eben gerne etwas größer, und auf deren Highways werden wohl die meisten Gran Cabrio cruisen. Aber auch maximal 150 Deutsche pro Jahr können Größe zeigen – indem sie über die kleinen Schwächen des Maserati großzügig hinwegsehen und 132.770 Euro investieren.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2010-04-10

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