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Testbericht

4. Januar 2011

An Bord des neuen Jaguar XJ herrscht Club-Atmosphäre. Seidenmatt lackiertes Holz, Leder, Chrom und Klavierlackflächen umschmiegen die Passagiere wie ein feiner Kokon. Aus den Lautsprechern perlt leise Musik, vom Motor ist nichts zu hören oder zu spüren.

XJ kommt mit stilvollem Interieur Dennoch läuft er, wie ein Blick auf den Drehzahlmesser zeigt. Es scheint, als säßen wir im Jaguar XJ gewissermaßen im Auge des alltäglichen Verkehrs-Tornados. In seinem stilvollen Interieur ist Platz für vier Erwachsene, die sich in sehr bequemen Sitzen rekeln dürfen. Allerdings umfängt auch dieser XJ seine Passagiere mit einer fast intimen Nähe, ohne einzuschränken. Er sitzt wie ein figurbetonter Maßanzug, lässt seinen Fahrer die opulenten Außenabmessungen weitgehend vergessen. Zudem glänzt der mit dem Dreiliter-V6-Diesel ab 76.900 Euro teure Luxusliner im Test mit einer umfangreichen Ausstattung (adaptives Fahrwerk, Navi, Schiebedach, Xenonlicht) und einem Design, das ihn grundlegend von den eher konservativen deutschen Oberklasse-Limousinen unterscheidet. Präsenz geht über Raumökonomie Mit seiner ausschweifend fließenden Linie zeigt der neue Jaguar XJ schon optisch, dass es mehr um Präsenz als um banale Dinge wie Raumökonomie oder Übersichtlichkeit geht. Insofern bleibt er der Tradition seiner Vorgänger treu und schafft zugleich das Kunststück, ganz neu und trotzdem markentypisch aufzutreten. Grundsätzlich gilt das auch für das Interieur, wobei jedoch gerade das Sitzleder gegenüber dem prächtig verarbeiteten Holz etwas abfällt. Die Tierhaut sieht kaum noch aus wie ein Naturprodukt und fasst sich auch nicht so an. Dass sie auf dem Pralltopf des Lenkrades im Test-Wagen unschöne Falten wirft, hat wenig mit Luxus zu tun. Trotzdem gehört der große Wagen zur Oberklasse, besonders der Antriebskomfort lässt daran keine Zweifel aufkommen. Diesel schiebt kräftig an Im Stand ist der Diesel am leicht brummeligen Ton gerade noch als Selbstzünder erkennbar, aber sobald sich der Jaguar XJ in Bewegung setzt, ist das Motorgeräusch verschwunden. Allerdings nicht, weil es Abroll-, Fahrwerks- oder Windgeräusche zu beklagen gäbe, denn die liegen auf einem sehr niedrigen Niveau. Ganz anders als die Kraft, mit der der Diesel voranschiebt. Nahezu ansatzlos beschleunigt er den trotz Aluminium-Bauweise noch rund 1,9 Tonnen schweren Test-Wagen. Erst oberhalb von 200 km/h beginnt die Drehmomentwoge abzuebben. Angesichts dieser Souveränität, die bestens zur Marke mit der Raubkatze passt, ist der XJ beinahe ein Abstinenzler. Bei schonendem Gasfuß nippt er lediglich 6,3 L/100 km aus dem 82-Liter-Tank - ein BMW 730d liegt hier bei 6,7 Liter. Selbst das Testmittel von 9,8 Liter darf für ein derart großes und starkes Auto als sparsam gelten, der 30 PS schwächere BMW (9,3 L) kann es nur unwesentlich besser.

Entspanntes Gleiten heißt die Devise Bei hohen Geschwindigkeiten fühlt man sich im Jaguar XJ wohl, entspanntes Gleiten heißt die Devise. Weniger überzeugen kann im Test allerdings die Lenkung, die um die Mittellage sehr gefühllos arbeitet. Das führt zu einem nicht optimalen Geradeauslauf, weil man ständig das Gefühl hat, minimal korrigieren zu müssen. Außerdem stört die mangelnde Rückmeldung beim Einlenken - es dauert seine Zeit, bis man sich daran gewöhnt hat. Auch die Fahrwerks-Auslegung zeigt Raum für Verbesserungen, denn so geschmeidig wie die Vorgänger absolviert dieser XJ nur lange und mittlere Wellen. Kurze Anregungen verstolpern die straff abgestimmten Dämpfer dagegen. Vor allem auf Betonplatten-Autobahnen findet der neue Jaguar XJ im Test nicht zur Ruhe, und von der Sport-Stellung sollte man hier besser ganz die Finger lassen, weil sie den Effekt nur noch verstärkt. Immerhin kann sie in Kurven die Aufbaubewegungen weiter reduzieren. Bremsen wie im Sportwagen Ein britisches Auto ohne Schrullen ist immer noch kaum denkbar, auch der neue Jaguar XJ hat sie. Bei ihm wird die Zeit gleich zwei Mal angezeigt - digital im Instrumenten-Display und analog per Zeigeruhr. Eine permanente Gesamtkilometer-Anzeige gibt es dagegen nicht, sie muss bei Bedarf dem Bord-Computer weichen. Zudem ist die Bedienung über den Touchscreen teilweise verschachtelt und irritiert mit zu kleinen Schaltflächen (Radio-Stationstasten). Das können viele Konkurrenten besser. Beim Bremsen zeigt ihnen der XJ hingegen, was eine Harke ist: Er verzögert im Test wie ein Sportwagen und erfüllt in diesem Punkt den eigenen Anspruch mit Bravour. Abgesehen vom mäßigen Komfort und manchen kleineren Schwächen sieht das die typische Klientel sicher ähnlich. Sie schätzt Exklusivität höher als letzte Perfektion und kann es sich leisten, nicht Audi, BMW oder Mercedes zu fahren. In diesem Punkt bringt der Modellwechsel also gar keine so große Veränderung.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2011-01-04

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