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Testbericht

15. Juni 2015
Autsch, schon wieder beim Einsteigen das Knie am Lüftungsgitter gestoßen, das weit nach außen in die Türöffnung ragt. Okay, wir haben verstanden. Ein Jaguar will eben nicht einfach en passant geentert werden, sondern mit gebührender Aufmerksamkeit. Vielleicht waren wir ja noch zu sehr vom dynamischen Design des Jaguar XE abgelenkt, als wir im Wagen Platz nahmen. Also schärfen wir die Sinne, richten uns auf dem tiefen, bequemen Fahrersitz hinter der schrägen Frontscheibe ein und lassen das Interieur auf uns wirken.

Bessere Rundum-Sicht im Mercedes
Erster Eindruck: Old School trifft Hightech, und die Mischung stimmt. Das flache, bogenförmige Cockpit des Jaguar XE läuft in sanftem Schwung in die Türen, die dunkle Mittelkonsole mit Touchscreen und dem coolen Automatik-Drehknauf schafft einen reizvollen Kontrast zum hellen Leder mit dekorativen Ziernähten. Griffmulden, Fensterhebertasten und Verkleidungen aus schlichten, unterschiedlichen Kunststoffen passen aber ebenso wenig in dieses stilvolle Ambiente wie die arg tristen, schlecht ablesbaren Instrumente.Im direkten Vergleich erscheint die Mercedes C-Klasse jedenfalls solider und wie aus einem Guss, unterstreicht ihren Premium-Anspruch mit hochwertigen Materialien und glänzendem Chromschmuck. Zudem bietet sie etwas mehr Platz im Fond und Kofferraum sowie eine bessere Sicht nach hinten, weil die Heckscheibe nicht so schräg und niedrig ist. Da fordert die coupéhafte Linie des Jaguar XE eben ihren Tribut, obwohl die wichtigsten Abmessungen der beiden sowohl außen wie innen verblüffend nah beieinander liegen.Auch in punkto Ausstattung und Bedienung schenken sie sich wenig, hier wie dort sind die zahlreichen Funtionen in zentralen Steuerungseinheiten gebündelt. Während Mercedes beim Comand Online (3.511 Euro) auf einen Drehregler plus Touchpad setzt, wird das "InControl" genannte Infotainment im Jaguar XE (Navi-Aufpreis 850 Euro) über einen 8-Zoll-Berührungsbildschirm mit eingängiger Menüführung gesteuert. Damit kann man sogar die Klimaanlage programmieren, den Wagen orten, Apps runterladen und im Internet surfen.

Zahlreiche Extras in beiden Limousinen
Selbst bei den Assistenzsystemen leistet sich der Jaguar XE keine Schwächen. Neben einem Head-up-Display mit Lasertechnik unterstützen den Fahrer auf Wunsch eine adaptive Abstandsregelung mit Toter-Winkel und Spurverlassen-Warnung, eine aktive Parkhilfe mit Umfeldüberwachung sowie eine Verkehrszeichenerkennung, die von Kameras in Frontscheibe, Außenspiegeln und Heckklappe mit Daten versorgt werden. Dazu lassen sich beide ganz nach Gusto und Geldbeutel mit weiteren Extras von Ambientelicht bis hin zu Zierblenden in Pianolack, diversen Hölzern oder geschliffenem Aluminium individualisieren. Stichwort Alu: Das aufwendige Fahrwerk des Jaguar XE ist ebenso daraus gefertigt wie die aerodynamische (cw 0,26), steife und leichte Karosserie.In Summe wiegt die C-Klasse zwar trotzdem etwas weniger, vermittelt jedoch unterschwellig stets das Gefühl "schwerer Wagen". Dabei meistert sie knifflige Kurvenkombis bereits mit der Basis-Stahlfederung nicht nur komfortabel, sondern auch enorm präzise, gelassen und ausbalanciert. Die elektromechanische Lenkung hilft dem Fahrer mit hervorragender Rückmeldung und stoischer Ruhe, das Auto auf der Ideallinie zu platzieren.

Jaguar XE bietet viel Komfort
Vorhang auf, Tusch, Auftritt Jaguar XE. Schon beim ersten Einlenken kommt Freude auf, überrascht seine Spontaneität und Leichtfüßigkeit. Das optionale Adaptivfahrwerk (1.100 Euro) bietet diverse Modi von Eco bis Dynamisch, aber immer ein beschwingtes Handling. In hinterlistig sich zuziehenden Kurven scheint er allerdings bisweilen über die eigene Courage zu erschrecken, schiebt etwas ungehalten über die Vorderräder, um dann vom geschickt regelnden ESP wieder eingebremst zu werden.Und der Komfort? Sehr angenehm, wie sanft und unauffällig der Jaguar XE sowohl Querfugen wie lange Bodenwellen wegsteckt, die Insassen vor lästigen Abroll- und Wingeräuschen verschont. Selbst der aufgeladene Zweiliter-Benziner mit 240PS hält sich akustisch zurück, wirkt innen leise und fast banal, nach außen dank Soundtuning dagegen sportlich-sonor. Passend dazu geht es zügig voran, während die serienmäßige Achtgang-Automatik schnell und kaum spürbar die nächste Fahrstufe einlegt.

Jaguar XE lockt mit attraktiven Preisen
Das Mercedes-Wandlergetriebe wechselt dagegen manchmal etwas zögerlich und ruckelnd zwischen den sieben Gängen, und auch der gleich große Vierzylinder-Turbo – im vergleichbaren C 250 mit weniger Leistung, aber mehr Drehmoment – begeistert nicht gerade mit Biss und Klang. Eher schon mit guter Laufkultur und einem zeitgemäß niedrigen Verbrauch, denn gegenüber den 7,5 Litern des Jaguar XE genehmigt sich der Mercedes im Normzyklus immerhin 2,2 Liter weniger pro 100 Kilometer. Da dürfte der völlig neue, sehr kultivierte und sparsame Ingenium-Diesel für viele XE-Kunden die bessere Wahl sein.Unabhängig von der Motorisierung lockt der Brite mit attraktiven Preisen, günstigen Leasing- und Unterhaltskosten sowie einer Dreijahres-Garantie mit kostenlosen Inspektionen, die das hohe Qualitätsniveau der Limousine unterstreichen sollen. In naher Zukunft stehen zudem Varianten mit Allrad statt Heckantrieb auf dem Programm, und eine Kombiversion könnte den Jaguar XE auch für Familien interessant machen.Ganz schön praktisch und vernünftig also, dieser Jaguar XE, in vielen Bereichen sogar auf Augenhöhe mit der Konkurrenz, aber zugleich erfreulich anders und unverwechselbar. Umso schöner, dass sich die Fahrer nicht mehr an großen Kosten und kleinen Marotten stoßen müssen – höchstens am vorstehenden Lüftungsgitter.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-06-15

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