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Testbericht

20. März 2011

Genug von der Gegenwart? Manchmal reicht es schon, sich ein Nogger-Eis zu gönnen oder am PC eine Runde Pacman zu daddeln, um sich zwei bis drei Jahrzehnte rückwärts zu bewegen. Nur jene, die sich nach den preisgünstigen Coupés mit Hinterradantrieb aus dieser Zeit sehnen, waren bislang gekniffen - doch jetzt reicht ein Besuch beim freundlichen Hyundai-Partner.

Genesis überragt den Scirocco Dass die Koreaner ordentliche Alltagsgefährten auf die Räder stellen können, haben sie unter anderem mit dem i30 und dem ix35 bewiesen. Nun eröffnen sie einen Spielplatz abseits der Vernunft und schicken das ursprünglich ausschließlich für die USA und Asien konzipierte Hyundai Genesis Coupé nach Europa. Für weniger als 30.000 Euro fährt der 4,63 Meter lange Zweitürer in der Basisvariante einen Zweiliter-Turbo-Benziner auf, der 214 PS an die 19 Zoll großen Hinterräder schickt. Der nahezu gleich starke Scirocco von VW kostet ab 26.700 Euro, tritt allerdings deutlich kompakter und weniger sportwagenlike auf. Außerdem treibt sein Turbo-Vierzylinder die Vorderräder an, ganz bieder.

Hyundai-Vierzylinder zäh und klanglos So tippt man voller Vorfreude auf den Hyundai Genesis Coupé-Startknopf, der das aufgeladene Triebwerk zündet. Er gehört zum 1.740 Euro teuren Plus-Paket, das unter anderem auch ein Soundsystem von Infiniti beinhaltet. Sollte stattdessen jedoch nicht besser der neu entwickelte Zweiliter-Vierzylinder die Musik machen? Sowohl aus dem Motorraum als auch aus den beiden Auspuffendrohren des Hyundai Genesis Coupé dringt im Test allerdings nur ein banales Brummen. Macht nichts, es wäre nicht der erste Sportwagen, der erst unter Last seine Stimmlage zum Positiven hin verändert. Nicht so das Hyundai Genesis Coupé, das stattdessen nervtötend dröhnt. Also doch lieber die Audioanlage nutzen. Neben dem enttäuschenden Klang fühlt sich das Triebwerk zäh an, verlässt sich lieber auf die Wucht des maximalen Drehmoments von 302 Newtonmeter als auf hohe Drehzahlen. Immerhin: Beim Sprint von null auf 100 km/h vergehen mit 7,8 Sekunden zwei Zehntel weniger, als das Werk angibt. Übereifriges ESP, schlappe Dämpfer Bei der Querbeschleunigung hapert es allerdings, denn schnelle Richtungswechsel verhindert die zwar direkt ansprechende, aber verhärtende Lenkung. Darüber hinaus zieht das ESP im Hyundai Genesis Coupé bereits frühzeitig und grobschlächtig die Reißleine. Auf gerader, nasser Fahrbahn reicht im Test oft auch eine Querfuge, um die Elektronik in blinden Aktionismus verfallen zu lassen. Wenigstens kann man sie ohne geheimnisvolle Choreographien mit einem einzigen Tastendruck abschalten, worauf sich die Fahrbahn prima durch das Seitenfenster betrachten lässt - wenngleich engagierter Quertreiberei erneut die verhärtende Lenkung im Weg steht. Der automobile Alltag fordert ohnehin andere Tugenden. So schadet es beispielsweise nicht, wenn zumindest eine Prise Federungskomfort im Fahrwerk steckt. Die Dämpfer des Hyundai Genesis Coupé poltern dagegen lustlos in den Domlagern und überlassen stattdessen die Hauptarbeit den knallharten Federn sowie den bequemen Sportsitzen, die überdies guten Seitenhalt bieten. Am ordentlichen Platzangebot - zumindest in der ersten Reihe - sowie dem großen Kofferraum und den problemlos ablesbaren Instrumenten brechen sich wiederum die Vernunft-Gene des Herstellers Bahn. VW ging noch einen Schritt weiter, wählte eine an ein Kombi-Coupé erinnernde Form, um Mitreisenden eine einigermaßen würdevolle Unterbringung zu ermöglichen. Den Vorderradantrieb konnten sich die Wolfsburger beim VW Scirocco ebenfalls nicht verkneifen, geschweige denn einen deaktivierbaren ESP-Rettungsanker.

VW-Motor mit Drehfreude und Sportklang Und wo bleibt da bitte der Fahrspaß? Bereits die sportlich-niedrige Sitzposition lässt ebenso hoffen wie das tiefe Timbre des 210 PS starken Vierzylinders. Der dem Golf GTI entliehene Direkteinspritzer im VW Scirocco muss mit knapp 1,4 Tonnen 136 Kilogramm weniger Auto bewegen, was er prompt in deutlich flottere Beschleunigungswerte ummünzt. Dabei borgt sich der Vierzylinder seinen heiser-bassigen Klang ebenso von sportlichen Saugmotoren wie deren Drehfreude. Das Fahrwerk geht den hohen Einsatz des Motors mit, begeistert mit leicht übersteuerndem Eigenlenkverhalten bei Lastwechseln. Dem will die Lenkung in nichts nachstehen; sie vermittelt optimalen Fahrbahnkontakt, verkneift sich aber hypersensibles Ansprechen. Überhaupt scheinen die Vorderräder des VW Scirocco keinerlei Probleme damit zu haben, gleichzeitig Längs- und Querkräfte zu übertragen. Die 205 Euro teure elektronische Differenzialsperre XDS jongliert scheinbar lässig mit jedem einzelnen Newtonmeter, ohne rigoros die Leistung herunterzufahren. Dadurch ergibt sich auch auf nasser Fahrbahn ein verblüffend munteres Handling mit hohen Sicherheitsreserven - ohne Abstriche beim Komfort. Selbst bei von klammen Kommunal-Kassen gezeichneten Straßen bemüht sich der VW Scirocco erfolgreich, die Schlaglöcher nicht ungefiltert weiterzugeben. In den Innenraum dringt dabei weder Poltern noch Knistern, einzig das optionale Panoramadach sorgt mit starken Windgeräuschen für Dissonanzen. Zugegeben, erst die 965 Euro teuren adaptiven Dämpfer verhelfen dem Fahrwerk zu seiner überzeugenden Vorstellung, aber sogar damit bleibt der VW Scirocco ausstattungsbereinigt preislich unterhalb des Hyundai Genesis Coupé. Dessen Antriebskonzept erscheint nur auf dem Papier reizvoll, taugt höchstens für locker-flockige Drifts. Doch die lassen sich auch mit einem entsprechenden Youngtimer für kleines Geld auf den Asphalt zaubern - Zeitreise inklusive.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2011-03-20

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