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Testbericht

7. August 2015
Wir sind vielleicht nicht in derselben Gegend groß geworden, aber auf den gleichen Straßen. Solchen wie der K 5510. Noch heute erinnerst du dich an jede Kurve, jeden Baum und womöglich manchen Acker, vor allem aber daran: Du warst jung. Und talentiert. Und schnell. Nur eben selten alles gleichzeitig. Immer noch suchen wir nach der jugendsündigen Dramatik früherer Landstraßentouren. Aber schau, wohin uns die Zeit und die Vernunft gebracht haben: in Kindergartenelternbeiräte, Doppelhaushälften oder kompakte Diesel-Kombis, für die es nie an vernünftigen Gründen mangelt. Ford Focus Turnier ST, Peugeot 308 SW GT und VW Golf Variant GTD haben nun ein paar unvernünftige: über 180PS, nullhundert um acht Sekunden, Schweller, Flügel, Karopolster, Lenkrad mit Geradeausmarke – haben wir davon nicht früher geträumt?

Ford Focus ST Turnier 2.0 TDCI mit rebellischem Auftritt
Wären wir heute auch nur halb so rebellisch, wie wir uns damals gern fühlten, müssten wir Ford Focus ST fahren. Ford hat die ST-Ideale nicht verraten, verkauft sie uns aber nun auch als Diesel. Also lassen wir uns von den Recaro-Sportsitzen ins Cockpit klemmen, vergeuden keine Zeit damit, uns in die kleintastige, verschachtelte Touchscreen-Bedienung einzuarbeiten. Werfen wir stattdessen kurz einen Blick nach hinten. Nein, nicht in den etwas kleinen, gut nutzbaren Kofferraum, sondern über die Schulter in den Fond. Ja, das wird fesch aussehen, wenn da die Kindersitze auf der klammerigen Recaro-Rücksitzbank isofixiert sind. Dass der Ford Focus ST Turnier trotz der üppigsten Außenabmessungen drinnen am wenigsten Platz hat, ruft uns noch einer zu. Aber du hörst nicht so recht hin, zwei Sekunden vor dem Start.Länger dauert es nicht, bis der Zweiliter-Turbodiesel im Test vorgeglüht und zum ersten Mal zum Vierertakt selbstgezündet hat. Wer meint, er kenne den Motor aus dem Mondeo, kennt ihn nicht wieder – fünf PS und 60Nm stärker, lauter und: bollernd, immer bollernd. Man kann nun daherjammern, der Diesel drehe nicht so enthusiastisch wie der 950 Euro günstigere, 250PS starke Turbobenziner, was ebenso richtig wie vorhersehbar wäre. Der Diesel wuchtbrummt los. In den unteren der sechs minimal hakeligen Gänge lässt das Gerangel von 400Nm mit den Reifen die Lenkung zucken und zerren.

Ford-Heck drängelt nach außen
Überhaupt diese Lenkung: Die musst du packen, dann führt, ach was, verführt sie den Kombi durch Kurven, enorm direkt immer, meist präzise – solange du eben nicht Gas gibst, denn dann geht das Gezerre und Spurrillennachlaufen wieder los. Das Lenken beherrscht beim Ford Focus ST Turnier auch das Heck, es drängelt lastwechselimpulsiv nach außen. Damit ist der Ford Focus ST Turnier 2.0 TDCI hier der Vergnüglichste, nicht der Schnellste – trotz optionaler 19-Zoll-Räder und einem sehr grundsätzlichen Verzicht auf Federungskomfort.Mit den größeren Bremsscheiben (Performance-Paket, 850 Euro) dürfte er etwas vehementer verzögern und für den Preis mehr als nur etwas sorgsamer verarbeitet sein. Aber so ein Auto wollten wir früher später mal fahren. Wenn du nun vorhast, deiner Familie zu erklären, warum er der beste Kompaktkombi sein soll, gibt es noch zwei Dinge zu sagen. Erstens: Nur Mut, es lohnt sich. Zweitens: Wenn es dir gelingt, sag uns bitte, wie du das gemacht hast.

Peugeot 308 SW GT gibt sich eher als Reise- statt Rennwagen
Beim Peugeot 308 SW GT gelingt das wohl viel einfacher: größter Kofferraum, beste Ausstattung, günstigter Preis, niedrigerer Verbrauch als der Ford, obwohl Peugeot den 181PS starken Diesel im GT nur mit der sanft schaltenden Sechsgangautomatik verkuppelt. So ein bisschen kommt er schon daher, als sei er durch die Institutionen marschiert, statt sich durch den Zaun zu rütteln.Dann fährst du dem Focus ST hinterher, flipperst selbst mit den Lenkradpaddeln durch die Gänge und fragst dich, warum der Kerl da vorn nicht mal richtig Gas gibt. Gibt der aber schon. Hast du nur nicht gesehen, weil das Lenkrad den Tacho verdeckt: Mit dem kleinen Steuer lässt sich der Peugeot 308 SW GT HDi 180 quasi aus dem Handgelenk durch Kurven führen. Für die Autobahn reagiert die Lenkung zwar zu giftig und zappelig. Aber so agil und bis auf sachtes Lastwechseldrücken neutral, wie der 308 damit über die Landstraße fegt, ergibt das Ganze endlich Sinn (im Gegenteil zur Bedienung, die wir schon ebenso oft wie zu Recht als nervend beschrieben haben, dass wir hier nicht mehr als diesen Klammertext dafür aufwenden mögen).Dabei verbindet der Peugeot sein quirliges Handling mit nennenswertem Federungstalent, rumpelt mit serienmäßigen 18-Zoll-Rädern nur herb über kurze Unebenheiten, steckt lange gut und schnell weg. Zum angenehmen Komfort passt der kultivierte Diesel. Der bollert nur im zuschaltbaren Sport-Modus, drückt ansonsten leise, aber entschlossen voran. Hier ist er dennoch der Langsamste. Wem das egal ist, der wird sich auch nicht daran stören, dass der SW gemächlicher durch den Slalom kurvt und nicht so energisch bremst wie die Rivalen. Sondern eher am engen Fond mit der unbequemen, zu hoch positionierten Bank oder den schwer erreichbaren Isofix-Ankern. Günstig ist der Peugeot 308 SW GT noch und gut ausgestattet, von Navi über Leder bis zu LED-Licht (ohne Adaptivfunktionen). So ist der 308 im Gegensatz zum Focus der richtige Kombi für alle, die wissen, dass man sich nicht jünger fühlt, nur weil man es unbequemer hat.

VW Golf Variant GTD mit den ausgewogensten Eigenschaften
Der beste Kombi in diesem Test aber ist der VW Golf Variant GTD. Wahrscheinlich hätte er auch als 1.6 TDI Bluemotion gewonnen. Was nun manche zum Verschwörungstheoretisieren bringen mag, andere aber zur Erkenntnis, wie groß der Vorsprung des VW ist. Er hat am meisten Platz für die Passagiere und fürs Gepäck fast ebenso viel wie der 308 SW. Vom bequemeren Einstieg über die eingängigste Bedienung bis zu Kleinigkeiten wie den üppigsten Ablagen erweist er sich einfach als vollkommen durchkonstruiertes Ingenieursauto.Wer ihn deshalb auch für einen vollkommenen Langweiler hält, kann den VW Golf Variant noch nicht gefahren sein. Erst recht nicht als GTD. Er ist der stärkste Variant diesseits des Golf R, weil es den GTI ja nicht als Kombi gibt. Für einen Diesel, der schon bei dreifünf seine Maximalleistung erreicht, dreht er locker bis 5.000/min, wo er dann per Abregelung sanft eingebremst wird. Mehr noch beeindruckt die Durchzugsvehemenz des Zweiliters, der im Dynamik-Modus per Resonator brünftiger brummen darf. Bleibt aber alles immer dezent, wie die in Silber statt Rot gefärbten GTI-Insignien, die haltstarken Karopolster und: das Handling.Der VW Golf GTD Variant stürmt unauffällig über Land, aber noch präziser, schneller, sicherer und mit weniger Aufwand als die anderen. Selbst im Sport-Modus der Adaptivdämpfer steckt er herbe Unebenheiten ordentlich weg, ist im Comfort-Modus voll langstrecken- und familientauglich. Dann hätten wir noch: kürzeste Bremswege, umfassendste Sicherheitsausrüstung, niedrigsten Verbrauch, eiligste Fahrleistungen, beste Zeiten bei der Fahrdynamik, Ausstattung und Preis okay. So, der VW Golf Variant GTD gewinnt. Aber wir steigen nun in den Focus und fahren zur K 5510. Im Sinne von Oscar Wilde, der meinte: "Um seine Jugend zurückzuerhalten, braucht man nur seine Torheiten zu wiederholen."
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-08-07

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