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Testbericht

22. Mai 2010

Für Freitag terminiert die Mercedes-Presseabteilung die Ankunft des Testwagens. Der Heuschnupfen kommt schon am Mittwoch. "Die Natur explodiert geradezu. Das Schlimmste, was Sie jetzt tun könnten, wäre joggen. Oder Cabrio fahren", warnt die freundliche Apothekerin.

Das Stoffdach des Mercedes E 220 CDI Cabrio öffnet innerhalb 30 Sekunden Ja nun, explodierende Naturen fallen dann wohl unter die Rubrik Berufsrisiko, denkt man sich, kauft einen Familienpack Taschentücher und beschließt, sich das neue Mercedes E-Klasse Cabrio im Test erst mal geschlossen vorzunehmen. In den Abmessungen unterscheidet es sich kaum vom 4.522 Euro günstigeren Coupé. So reicht der Platz für vier Erwachsene, allerdings schränkt die knappere Innenhöhe die Kopffreiheit etwas ein. Wobei sich das Problem in 30 Sekunden lösen lässt. So lange braucht das in drei unterschiedlichen Farben - darunter die bisher weithin unterschätzte Tönung namens Dunkelbeige - lieferbare, serienmäßig elektrobetriebene Stoffdach, um sich in die Ablage hinter den Rücksitzen zu packen. Das klappt auch per Schlüsselfernbedienung und in Fahrt bis 40 km/h. Unter der Armlehne steckt die Schaltereinheit für das Dach und das neue, 821 Euro teure Aircap. Die Luftmütze beschreibt Mercedes als "automatisches Windschott zur Zugluftreduzierung für bis zu vier Personen. Ausfahrbare Windlamelle in Windschutz-scheibenrahmen kombiniert mit Windschott zwischen den Fondkopfstützen. Automatisch aus- und einfahrbar über Taste in Cabriobedieninsel unter klappbarer Mittelarmlehne." Auf solche Wörter muss man erst mal kommen: Zugluftreduzierung, Cabriobedieninsel! Ein sechs Zentimeter hoher Windabweiser namens Aircap stellt sich am Frontscheibenrahmen auf Essenz der Behördenlyrik: kein Wind im Mercedes E-Klasse Cabrio. Das mag nun etwas dem Grundgedanken des offenen Autos widersprechen, doch wer je den Orkan spürte, der einen schon bei Stadttempo auf den Rücksitzen eines Cabrios durchpeitscht, wird alle Bemühungen begrüßen, dieses Tosen zu mindern. Bei der Mercedes-Konstruktion stellt sich mit der Kraft einer 1,8 Zentimeter flachen Elektromechanik ein sechs Zentimeter hoher Windabweiser am Frontscheibenrahmen auf. Und klingt dabei wie ein Flugzeug, das die Landeklappen ausfährt. Gleichzeitig heben sich die hinteren Kopfstützen mit integriertem Windschott an - was aus Gründen der Sicherheit auch passiert, wenn sich jemand im Fond anschnallt oder wenn Crashsensoren einen Unfall erahnen. Dank des Aircap können vier Passagiere im Mercedes sturmfrei offen reisen Dann schnellt der in den hinteren Kopfstützen integrierte Überrollschutz des Mercedes E 220 CDI Cabrio binnen 0,3 Sekunden hoch. Er ist Teil des aufwendigen Sicherheitskonzepts des Mercedes E-Cabrios, das 115 Kilo schwerer wiegt als das Coupé, dafür dank Versteifungen eine fast unerschütterliche Verwindungsfestigkeit aufweist. Ähnlich effektiv funktionieren der aktivierte Flügel und das Schott - wobei sie leider nicht die Grazie des E steigern. Bei gemütlichen Bummeltouren mit hochgefahrenen Seitenscheiben streicht der Wind sanft über die Fondpassagiere, verwuschelt Pilot und Co. nur sacht die Haare - durch viele Schiebedächer stürmt es heftiger. Bis Tempo 100 hat Aircap den Fahrtwind so gut im Griff, dass sich die Mercedes E-Klasse als das erste Cabrio rühmen darf, in dem vier Passagiere sturmfrei offen reisen. Den Nackenfön namens Airscarf kostet im Mercedes E 220 CDI Cabrio extra Zumindest bis 120 km/h, denn darüber wird es im Fond des Mercedes E-Klasse Cabrios doch ungemütlich. Für die vordere Reihe wirkt sich Aircap noch bei höheren Geschwindigkeiten positiv aus, wobei der Wind dann schon sehr laut gegen den Abweiser brandet. Trotzdem mindert das System Turbulenzen so gut, dass man den ebenfalls aufpreispflichtigen Nackenfön namens Airscarf für leicht übertrieben halten kann. Den Luftschal braucht es nicht - nicht einmal frühmorgens, als sich die Nebel aus den Wiesen heben. Dach und Scheiben ganz runter, und die kühle Morgenfrische fegt etwas böiger durchs solide verarbeitete Interieur. Es ist mit vier bequemen Sitzen möbliert, das Cockpit übersichtlich und überhaupt alles ausnahmslos funktional - von der elektrischen Vorrutschautomatik der Sitze als Entschuldigung für die Unbill der Fonderkletterung bis zum Gurtbringer. Nur die beige-braune Farbmelange mit eingezogenen Wurzelholzstreifen wirkt ein bisschen bieder. Und passt damit nicht zu den modernen dynamischen Fähigkeiten des Cabrios. Eilige Kurvenkratzereien sind ihm zwar kein so dringliches Anliegen - was es dem Fahrer durch ein etwas steifes Handling vermittelt. Der Neue fühlt sich aber deutlich agiler und präziser an als seine Vorgänger, bleibt im Fahrverhalten makellos. Auch wüste Provokationen bringen das Mercedes E-Klasse Cabrio nicht aus der Ruhe. Der 2,1-Liter-Diesel des Mercedes E 220 CDI Cabrio übertönt den Windstrom Das gelingt erst dem Motor. Obwohl die Übersetzung passt, der 1,8-Tonner bei gemütlichem Landstraßenschunkeln alle 100 Kilometer nur knapp fünf Liter braucht und der anfahrmüde Motor ab 1.400/min mit bulligem Drehmoment anschiebt. Doch laufkulturell Interessierten dürfte der 2,1-Liter-Diesel zu kernig nageln; selbst bei hohem Tempo übertönt er den Windstrom, der an den Kanten des geschlossenen, dick gefütterten und hervorragend geräuschisolierten Verdecks zupft. Die Allianz aus dem doppelt aufgeladenen Selbstzünder der langhubigen Baureihe OM 651 und der handgerührten, zäh zu schaltenden Sechsgangbox erweist sich so als nicht ganz harmonisch. Was kaum die Güte des Offen-E mindert. Denn der macht der Cabrio-Tradition des Hauses Mercedes alle Aire.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2010-05-22

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