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Testbericht

7. Februar 2013
Plötzlich, aber nicht unerwartet ist der Citroen C6 von uns gegangen. Unbeachtet von der Öffentlichkeit und ohne jedes Zeremoniell rollte am 20. Dezember 2012 das letzte Exemplar im bretonischen Citroën-Werk Rennes vom Band. Nur 23.500 der großen Limousinen erblickten hier seit 2005 das Licht der Welt, und gerade mal 3.531 Stück fanden ihren Weg in deutsche Lande. Zu übermächtig die einheimische Konkurrenz, zu klein die Schar wahrer Liebhaber, zu groß die Skepsis gegenüber französischer Qualität und Zuverlässigkeit. Das unbarmherzige Urteil: im Zweifel gegen den Angeklagten, Einspruch abgelehnt. Citroen C6 war letzte französische Luxusliner Doch kurz nach Bekanntwerden dieses unfreundlichen Aktes überfiel manche Zauderer Trauer und Reue, zu Jahresbeginn setzte gar ein bescheidener Run auf die letzten Citroen C6-Neuwagen ein. Viele sind nicht mehr zu haben, denn schon seit einiger Zeit lief die Produktion nur noch schubweise, wenn genügend Bestellungen vorlagen. Und natürlich haben sich die französischen Behörden bis hinauf zum Elysée-Palast rechtzeitig ein stattliches Kontingent gesichert, damit ihre Staatsdiener auch künftig in einer der Größe und Bedeutung des Landes angemessenen Limousine vorfahren können. Seit Peugeot den 607 ohne Nachfolger in Rente schickte und der große Renault nur noch ein müder Abklatsch des koreanischen Samsung SM5 ist, hält allein der Citroen C6 die Trikolore hoch – und das mit Stil, Würde und einem unverwechselbaren Charakter. Während andere ihr Heil in Weltautos mit Allerweltsdesign sehen, bleibt der Citroën C6 seiner Marken- und Landestradition treu. Selbst wer nicht viel von französischer Kunst und Kultur, von Haute Couture oder Haute Cuisine versteht, spürt doch, dass bei der Erschaffung dieses Automobils beseelte Geister am Werk waren. Entscheidend ist stets die Idee, die große Linie, die auf pompöses Gehabe und unnötige Ornamentik verzichtet, nicht aber auf glänzende Accessoires. Schauen Sie sich nur mal diese Rückleuchten am Citroen C6 an – inspiriert übrigens vom französischen Luxussportwagen Facel Vega aus den fünfziger Jahren. Oder die nach innen gewölbte Heckscheibe, die keinen Wischer zum Reinigen braucht. Oder das kühn geschwungene Dach, das sich von der langen, flachen Frontpartie bis zum kurzen, hohen Heck spannt. Sogar die meisterhaft gesetzten Karosseriefugen zeigen eine raffinierte Schlichtheit, die ohne Designexzesse auskommt. Verwirrende Bedienung, einzigartiges Fahrerlebnis Leider nicht ohne die Kostenkontrolle, wie zumindest manche Vorgänger allzu deutlich erkennen ließen. Speziell die wegweisende, aber oft unausgereifte Technik bereitete massive Probleme, und der von 1974 bis 1991 gebaute CX war so liederlich konstruiert und zusammengeschustert, dass sich gerade die treuesten Fans des eigentlich genialen DS-Nachfolgers zu einer Interessengemeinschaft organisierten und intensive Verbesserungen einforderten. Vergeblich, obwohl Limousine und Kombi mit 1.170.645 Exemplaren zur meistgebauten Citroën-Oberklasse wurden. Genug der Betrachtungen und Erinnerungen, rein in die reale Gegenwart eines sechs Jahre jungen Citroen C6 2.7 HDi Exclusive aus Privatbesitz. Außer einem kleinen Rostpickel an der Beifahrertür haben die Zeit und über 140.000 Kilometer dem metallicschwarzen Wagen äußerlich kaum zugesetzt, auch das lederne Interieur wirkt bis auf wenige Kratzer wie neu. Diese Akkuratesse findet man selbst bei deutschen Autos nicht immer. Ähnlich erfreulich die Sitzprobe: Sobald die verwirrende Tastatur der elektrischen Verstellung verstanden und die passende Position gefunden ist, fühlt man sich in den bequemen, aber nicht zu weichen Sesseln bestens aufgehoben. Das Studium der vielen Winz-Knöpfchen und mancher sorgfältig versteckten Schalter kann warten, zum Losfahren genügt ein Dreh am Zündschlüssel, Wählhebel auf D und den rechten Fuß vom Brems- aufs Gaspedal. Wir verlassen die Stadt, cruisen ein Stück über die Autobahn und suchen dann die Abgeschiedenheit der Schwäbischen Alb, um den Citroen C6 noch mal in Ruhe auf uns wirken zu lassen. Überhaupt die Ruhe: Er hat sie, er lebt sie und schenkt sie jedem, der sich ihm öffnet. Sie speist sich aus einer tiefen Selbstgewissheit, Klarheit und Gelassenheit, aus der Sicherheit, das Glück schon gefunden zu haben und ihm nicht ständig hinterherjagen zu müssen. Gleiten statt hetzen heißt die Devise, und der enorm leise, durchzugsstarke V6-Turbodiesel sorgt dabei zusammen mit der weich schaltenden Sechsgang-Automatik für mühelosen, homogenen Schub. Den Boden für das einzigartige Fahrerlebnis bereitet jedoch die markentypische Hydropneumatik, die schon 1954 an der Hinterachse des Traction Avant (15 CV) eingebaut und für den Citroen C6 nach allen Regeln des technisch Machbaren verfeinert wurde. Damit geht der Fronttriebler selbst bei hoher Zuladung nicht in die Knie und behält seine vorzügliche Fahrstabilität; auf Feldwegen lässt sich zudem per Knopfdruck die Bodenfreiheit vergrößern, was beim DS im Pannenfall sogar das Fahren mit nur einem Hinterrad ermöglichte. Citroen C6 mit ausgezeichnetem Komfort Vor allem schluckt die mit variabler Dämpferhärte arbeitende Federung lange Wellen mit unvergleichlicher Sanftmut, während kurze Unebenheiten nicht so souverän verdaut werden. Nur empfindliche Mägen scheint dieses ganz spezielle Schweben und die Schwankungen um die Längsachse zu irritieren, denn sie fühlen sich bisweilen an eine Barkasse in schwerer See erinnert. Linderung verspricht ein Druck auf die S-Taste, die den Citroen C6 zwar spürbar härter macht, im Gegenzug aber den ausgezeichneten Gesamtkomfort beschädigt. Dabei fasziniert an diesem Auto ja gerade die unaufdringliche Fahrkultur, die totale Geschmeidigkeit der Bewegung. Sie beschwingt den Fahrer und dämpft zugleich jeden Übermut, nicht jedoch den Tatendrang. In Gedanken fährt man stets unter Platanen auf einer Route Nationale, selbst wenn es nur die L 1212 zwischen Schopfloch und Hepsisau ist. Wohin die Reise geht, spielt an Bord eines Citroen C6 ebensowenig eine Rolle wie die Frage, ob sich der kriselnde PSA-Konzern noch einmal einen großen Citroën leisten kann und will. Wir Liebhaber sollten indes nicht länger zaudern und knausern, denn manchmal lassen sich große Gefühle eben doch kaufen – für erstaunlich kleines Geld.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2013-02-07

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