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Testbericht

18. Juni 2009

Noch ahnen der in den Blättern rauschende Maiwind und ein zwitschernder Vogel nichts davon, dass die messingbraune Flunder zu ihren Füßen sie gleich perfide imitieren wird. In den Bruchteilen jener Sekunde, die es dauert, bis das Gaspedal eines Bugatti vom oberen bis zum unteren Anschlag rutscht, atmen die beiden Ansaugschnorchel hinter den Ohren übel zischend ein. So böse, dass man unweigerlich den Kopf duckt, um nicht filetiert im Luftfilter zu enden.

Ein Rauschen brandet auf: Vier Turbolader pressen Druckluft in die gewaltige Acht-Liter- Metalllunge. Dann - noch einmal einen winzigen Sekundenbruchteil später - taucht das Bollern der 16 Zylinder wie bei zwei leicht asynchron laufenden V8 aus dem Rauschteppich auf. Und weil der Bugatti immer noch steht, ist der unerfahrene Passagier geneigt zu fragen: Geht's nicht? Der Bugatti Veyron Grand Sport spurtet in 2,7 Sekunden auf 100 Moment, die Traktionskontrolle sammelt sich. Bevor die erste Silbe gesprochen ist, klatscht der Hinterkopf wie ein Lattentreffer gegen die handgestickten Ledersessel, und im Kopf klickt leise die Löschtaste für alle Beschleunigungserlebnisse. Wie eine Trägerrakete auf dem Weg zur Umlaufbahn explodieren 1.001 PS mit dem Veyron nach vorne. In Zahlen? 2,7 Sekunden von null auf 100 sowie 7,3 auf 200 verspricht Bugatti - es gibt wenig Gründe, daran zu zweifeln. Natürliche Gegner? Keine. Allradportionierte Superlativ- Potenz ohne Rauch, Quietschen oder sonstiges Dragster- Gedöns, aber mit einem Heavy-Metal-Gewitter im Kreuz, als sei der jüngste Tag nahe. Die Strecke zwischen zwei Kurven scheint sich zu einem galaktischen Wurmloch zu verdichten, das man ohne Zeitverlust durcheilt. Das Gaspedal schnellt zurück, die Wastegates blasen zwitschernd Überdruck ab, und ein Vögelchen versteht die Welt nicht mehr. Nun gut, dass ein Bugatti Veyron schnell ist, unglaublich schnell, dürfte niemanden überraschen. Doch das akustische Aroma der Beschleunigung kreiert den neuen Charme des Grand Sport-Roadsters. Bisher hat der Molsheimer Gepard beim Spurten nur gefaucht, jetzt darf er ohne Rücksicht auf die übliche Cabrio-Contenance durch die Dachluke brüllen. Neidisch schauen die Wolfsburger VW Eos -Entwickler auf ihre Elsässer Konzern-Kollegen. Für die Passagiere heißt das: Geredet wird nur in den Pausen zwischen den Gas-Orgien. Was nicht bedeutet, dass ständig Lattentreffer folgen müssen. Die beiden nackt auf dem Sonnendeck liegenden, W-förmigen V8-Reihen plaudern ihren Dirty Talk schon beim Bummeln im Kanon: Rauschen, Bollern, Zwitschern. Heiß.

Damit wird der Bugatti Grand Sport dem Wunsch der reichen Kundschaft nach mehr Show gerecht. Das Ganze hat natürlich seinen Preis: Umgerechnet zwei Audi R8 zusätzlich muss anlegen, wer das neue, abnehmbare Polycarbonat-Dach des Grand Sport spazieren fahren möchte. Ohne Steuern sind insgesamt 1,4 Millionen Euro fällig. Genug, um mit den Kumpels eine Porsche GT3 -Rennserie zu gründen. Doch der offene Veyron, das hatten die Bugatti-Mannen schon bei seiner Vorstellung betont, steht nicht in Konkurrenz zu Autos, sondern zu Rennpferden, Yachten und Ferienwohnungen an der Côte d’Azur. Für alle, die ihn sich nicht aus der Portokasse leisten können, ist er schlicht zu teuer. Bugatti Veyron Grand Sport in limitierter Auflage Bei einer limitierten Auflage von 150 Stück (die ersten 50 bekommt nur, wer schon einen Veyron besitzt) ist es eher Chronisten-Pflicht zu erwähnen, was den Roadster sonst noch vom Coupé unterscheidet: die höhere Windschutzscheibe, LED-Tagfahrlicht und eine neue Puccini-Soundanlage. Zudem versteiften die Ingenieure die Struktur und nagelten tüchtig Karbon unter die Mittelkonsole, in die Türen und B-Säule sowie als crashtragenden Bogen ans Ende der Lufthutzen. So wiegt er knapp 100 Kilogramm mehr als bisher - als ob das seine 1.250 Newtonmeter irgendwie jucken würde. Nur zur Verdeutlichung: Das Siebengang- Doppelkupplungs-Getriebe von Ricardo verarbeitet intern bis zu 4.500 Nm. Der Bugatti Veyron im Fahrbericht: Verblüffend unkompliziert Sein Gewicht von fast exakt zwei Tonnen wirbelt mühelos um die Kurven. Präzise, ruhig und ohne einen Hauch von Nervosität dreht die Lenkung ein. All das Divenhafte, das sonst viele Supersportwagen auszeichnet, ist dem Grand Sport so fern wie ein Dieselmotor. Trotz Mini-Serie wirkt der Bolide höchst ausbalanciert, harmonisch und - nicht erschrecken - durchaus komfortabel. Wer einen VW Golf beherrscht, kommt auch mit ihm zurecht – Reichtum ist schließlich nicht gleichzusetzen mit Volant-Virtuosität.

Frontantrieb im Bugatti Veyron Grand Sport Vorausgesetzt, der Fahrer dosiert das Gaspedal sparsam. Darunter wartet ein automobiler Sprengsatz, der im Grenzbereich mit minimalem Wanken elend lange neutral um die Kurve fliegt. Manche Piloten werden chronisch das Problem haben, viel zu schnell am Einlenkpunkt zu sein. Die über jeden Zweifel erhabene Karbon-Keramikbremse weist überzeugend ankernd jede Schuld daran von sich. Der Bugatti Grand Sport demonstriert seine extreme Leistung zurückhaltend wie Ferdinand Piëch seine Macht. Über diese fahrdynamische Erhabenheit vergisst der gestrenge Techniker auch, dass die Haldex-Kupplung den Bugatti Grand Sport die meiste Zeit zum Fronttriebler macht. Erst bei erhöhtem Schlupf schiebt die Kraft nach hinten. Ach ja, es gibt ihn übrigens in drei serienmäßigen Geschwindigkeitsstufen: mit Stoffschirmchen-Dach bis maximal 160 km/h, mit offener Luke bis 360 und geschlossener bis 407 km/h. Wer subjektiv noch mehr Dynamik will, sollte Jetpilot werden.

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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2009-06-18

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