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Testbericht

11. Februar 2010

Er steht fest eingerammt, der Pfeiler mit dem Tempolimit für schnelle Autos. Maximal 250 km/h gelten als wohlerzogen, selbst die Power-Abteilungen der großen Autohersteller halten sich daran bei ihren Topmodellen, die ohne elektronische Fessel weit über 300 km/h laufen könnten. Auch der M5 von BMW , der mit seinem mächtigen Zehnzylinder-Motor den zweitstärksten Serien-BMW aller Zeiten darstellt. Sein junger Konkurrent kommt aus England. Gestatten, Jaguar , Jaguar XF R. Mit einem völlig neuen Achtzylindermotor knackt auch er die 500-PS-Marke.

Im BMW M5 steckt ein V10-Motor mit rennsportlichem Charakter Was das Triebwerk kann, demonstrierten die Briten fernab ernsthafter Zivilisation. Auf dem großen Salzsee im US-Bundesstaat Utah. Bonneville heißt der Race-Track, wo man es laufen lassen kann. Dort schaffte ein XF R, aerodynamisch und, zugegeben, auch leistungsmäßig einigermaßen liebevoll behandelt, knapp über 360 km/h. Auf den Straßen, auch auf den wenigen unlimitierten Strecken Deutschlands, sind die beiden gleich schnell. Die Differenzen in den Messwerten sind so gering, dass sie nichts zu der uns bewegenden Frage beisteuern können, welche der beiden Super-Limousinen nun die überzeugendere Konstruktion darstellt. Da müssen andere Kriterien her, wobei allein schon die differente technische Konzeption die Grundlagen liefert. Der BMW präsentiert sich als Reinkultur-Sportwagen, dem zur Vollendung nur die passende Karosserie fehlt. Für ihn hat die M GmbH zu einer Zeit, als in der Formel 1 Zehnzylinder-Motoren den Standardantrieb bildeten, einen V10 entwickelt, dessen Kennziffern rennsportlichen Charakter haben. Das Leben beginnt hier jenseits von 5.000/min. Der Jaguar XF R ist trotz hoher Leistung sehr unauffällig Jaguar setzt im XF eine Maschine ein, die längst nicht so konsequent auf Sportlichkeit ausgelegt ist. Der Achtzylinder ist auf universellere Verwendbarkeit konzipiert, ein Hochdrehzahlkonzept wie bei BMW kam nicht in Frage. Der Motor soll nicht nur in der Limousine XF eine gute Figur machen, sondern auch im Sportwagen XK und im Range Rover . Logische Folge: Aufladung statt extremer Drehzahlen. Jaguar bedient sich dabei eines Platz sparenden Kompressors, der im Gegensatz zum doppelten Turbo keine Probleme macht, wenn man im Land Rover -Einsatz auch noch vordere Antriebswellen unterbringen muss. Der Lader bildet mit dem wasserdurchströmten Ladeluftkühler eine kompakte Einheit und verursacht, was zweifellos den wichtigsten Fortschritt darstellt, dank der Rotoren mit vier Flügeln kein nennenswertes Laufgeräusch. So produziert der Jaguar-Antrieb nicht nur gewaltige Leistung, sondern er tut dies auch mit größtmöglicher Unauffälligkeit. Seine Aussprache bleibt zurückhaltend, auch wenn sich im oberen Drehzahlbereich die zornige Komponente eines unter Volllast laufenden V8 dazumischt. Der Jaguar XF R hat gegenüber dem BMW M5 ein überlegenes Drehmoment Weil der Kompressor ohne Verzögerung Druck aufbaut, geht es schon knapp oberhalb des Leerlaufs eindrucksvoll voran. Die Welle des dem M5 weit überlegenen Drehmoments spült den XF mit dem unnachgiebigen Schub eines startenden Jets davon. Der Fahrer muss nicht mehr tun, als das Gaspedal niederzutreten, während der M5-Pilot den bewussten Umgang mit dem Hochleistungs-Motor pflegen muss. Zurückschalten also, wenn Dampf gefragt ist, ausdrehen bis rund 8.000 Umdrehungen, hochschalten. Das ergibt, allerdings erst nach dem Programmieren einer so genannten Launch Control, sogar noch eine Spur bessere Beschleunigung als beim Jaguar, und als Lohn der Mühe genießt der BMW-Fahrer den einzigartigen Klang eines Zehnzylinders. Bei hohen Drehzahlen entwickelt das Triebwerk, das bei bürgerlicher Fahrweise friedlich vor sich hinbrummelt, einen aggressiven, aus Ansaugen und Auspuffen komponierten Sound, der die Passagiere vergessen lässt, dass sie in einem geräumigen und komfortabel ausgestatteten Viertürer sitzen. Der M5 spielt mit hoher Professionalität die Rolle eines Autos für Menschen, die das sportliche Fahren als Selbstzweck begreifen und zuzugeben bereit sind, dass sie Spaß daran haben.

Der BMW M5 kommt mit sequentiellem Siebenganggetriebe Der im täglichen Umgang wichtigste Unterschied zwischen den beiden Antriebseinheiten liegt in den Kraftübertragungen. Der Jaguar bietet eine konventionelle Sechsgang-Automatik mit Drehmomentwandler, die vom Spezialisten ZF in Friedrichshafen stammt und in ähnlicher Form auch von BMW verwendet wird. Allerdings nicht im M5. Für den baut die M-Abteilung eigens ein automatisiertes, sequenziell geschaltetes Getriebe mit sieben Gangstufen, aber nicht mit der noch jungen Doppelkupplungstechnik. Es ist fünf Jahre her, seit BMW stolz dieses Getriebe präsentiert hat, und bereits jetzt ist es vom technischen Fortschritt überholt worden. Wer schnell auf kurvenreichen Straßen unterwegs ist, wird die spontanen Reaktionen und die blitzschnellen Schaltvorgänge schätzen lernen, aber selbst unter diesen Idealumständen stört die zwangsläufige Zugkraftunterbrechung beim Wechsel der Übersetzung. Schaltkomfort hat hier keine Priorität - das wird erst recht deutlich, wenn die Verkehrsverhältnisse es nahelegen, das Getriebe in Position D sich selbst zu überlassen. Als Automatik-Ersatz bildet das M5-Getriebe nur eine Notlösung, wie die Insassen mit freundlichem Kopfnicken bei jedem Schaltvorgang zu erkennen geben. Der Jaguar XF R präsentiert sich als Limousine mit Sportwagenleistung Die Automatik des Jaguar, obschon ebenfalls keine ganz junge Konstruktion mehr, mimt auf Wunsch ganz gekonnt das Schaltgetriebe, wenn der Fahrer darauf besteht, mit den Paddeln am Lenkrad die Übersetzung vorzugeben. Was in der Praxis freilich die Ausnahme bleiben wird, denn bei einem derart üppigen Drehmoment muss man sich nicht ein jeglicher Sportlichkeit abholdes Faultier nennen, wenn man Wandler & Company sich selbst überlässt. Das Getriebe reagiert schnell und korrekt, wobei seine Arbeit auch dadurch erleichtert wird, dass es dem bullenstarken Motor ziemlich gleichgültig ist, in welchem Gang er gerade beschleunigen soll. Der Jaguar präsentiert sich als Limousine mit Sportwagenleistung und verwöhnt seinen Fahrer deshalb auch mit einem geschmeidigen Federungskomfort. Dem BMW als Sportwagen im Limousinenformat sind derartige Zugeständnisse fremd - er lässt die Straße spüren, auf kurzen Unregelmäßigkeiten mit nervendem Stolpern und auf den langen Autobahnwellen mit trocken und ansatzlos geschlagenen Vertikalhieben. Dafür zeigt er unter den extremen Bedingungen der Fahrdynamik-Versuche den M-gemäßen Vorsprung und beweist mit der freizügigen Auslegung seines ESP, dass er seinem Fahrer viel Freiraum lassen will.

Die Verbindung aus Komfort und Leistung beschert dem Jaguar XF R den Sieg Der Jaguar ist nicht weniger fahrsicher. Er wedelt ebenso handlich, aber nicht ganz so schnell um Kurven, seine Fahrwerkselektronik greift auch im anwählbaren Sportmodus nachdrücklicher und früher ein. Seine Lenkung ist nicht ganz so gefühlvoll wie die des BMW, erfordert dafür aber weniger Kraftaufwand. Die komfortable Verbindlichkeit, in die der Jaguar die Hochleistung verpackt, sorgt in einem Vergleich, der sich nicht nur auf die rein sportlichen Aspekte beschränken kann, dafür, dass er ein paar Punkte mehr auf seinem Konto versammelt als der M5. Da darf man in Britannien - und beim neuen Besitzer Tata in Indien - die Champagner-Korken knallen lassen. Bis die Karten neu gemischt werden. 2011 präsentiert die M-Crew den Nachfolger des Sport-5ers.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2010-02-11

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