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Testbericht

24. Mai 2015
Alles für die Katz. Jahrelanges Boykottieren von Klatschblättern und Boulevard-Formaten im TV half nichts. Ein einziger Satz eines Streckenmarshalls metzelt sämtliche Mühen, das britische Königshaus zu ignorieren, nieder: "Übrigens, ganz in der Nähe wohnte bis vor Kurzem Prinz William." Na toll. Aber gut, wo wir schon dabei sind: Der adlige Bursche arbeitete als Pilot eines Rettungshubschraubers und war hier auf Anglesey stationiert.

Sportlich und luxuriös
So, genug davon, denn die 714 Quadratkilometer kleine walisische Insel, die Irland in Sichtweite hat, bietet weit mehr – zumindest für Menschen, die stark an Schafen, kniehohen, ziemlich salopp aufgeschichteten Mauern und an Wind interessiert sind. Und für Autofahrer, denn die Straßen zwischen den bröseligen Mauern wursteln sich charmant durch die angedeutet hügelige Landschaft. Ein bisschen schmal fallen sie vielleicht aus, vor allem für einen 1,94 Meter breiten Bentley Continental GT3-R, gemessen übrigens ohne Spiegel.Auch sonst fällt der Bentley Continental GT3-R aus dem traditionellen Rahmen, nicht nur aus dem der Landschaft, sondern vor allem aus dem der Marke. Aufgeputscht von dem bislang durchaus erfolgreichen GT3-Motorsport-Projekt, ließen sich die Briten zu einer auf 300 Exemplare limitierten Sonderserie hinreißen, die an das Wettbewerbsfahrzeug erinnern und mal eben das dynamischste Modell der Bentley-Historie verkörpern soll.Bis jetzt lässt sich allerdings lediglich feststellen, dass trotz modifizierten Fahrwerks und um angeblich 100 Kilogramm reduzierten Gewichts nach wie vor viel Angenehmes im Bentley Continental GT3-R steckt. Schlankere, aber dennoch sehr bequeme und vielfach elektrisch einstellbare Sitze, leider auch die noch immer etwas zu hohe Sitzposition. Dann wären da noch üppige Mengen an edlem und tadellos verarbeitetem Leder samt Alcantara sowie glänzende Türpaneele in feschem Sichtcarbon.

Bentley Continental GT3-R mit 2,2 Tonnen auf der Rennstrecke
Aber irgendwas ... ja, stimmt, die Rücksitze fehlen, die sich bislang allerdings nicht wirklich hervorgetan hätten. Und noch weiter hinten im Bentley Continental GT3-R, da donnert es. Verhalten zwar, aber doch ziemlich unheilvoll. Das Donnern kündet von der Absicht, das Dynamik-Versprechen einzulösen. Und gerade noch rechtzeitig, bevor Engel und Teufel auf deinen Schultern eine Diskussion darüber anzetteln, ob ein 2,2 Tonnen schweres Automobil überhaupt jenseits der Geraden agil sein kann, passiert der Bentley das erste Gatter der Zufahrt zum Anglesey Circuit.Was ein Glück übrigens, dass der Rundkurs nahe des 599-Einwohner-Dorfes Aberffraw liegt und nicht bei Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch im Südwesten der Insel. Dann wäre die Zieleingabe ins Navi noch immer nicht beendet. Ja, so ist er, der Brite. Im Gegensatz zum Italiener jubelt er dir nicht auf offener Straße zu, was für ein tolles Auto du gerade bewegst. Stattdessen zimmert er lieber eine Rennstrecke selbst in den hintersten Winkel seiner Insel, zur Not eben auf eine kleine Insel vor der großen Insel. Maximal 3,4 Kilometer lang lässt sich die Strecke arrangieren, insgesamt vier Varianten wären möglich. Heute gibt die Startampel den sogenannten International Circuit frei, was vielleicht ein bisschen dick aufträgt, vielleicht ist es aber auch feine britische Ironie, wer weiß. Ein bisschen verträumt wirkt alles, die Rolltore der Boxen scheppern aufgeregt vom starken Wind, der heute aufs Meer hinaus bläst und immer mal wieder eine Regenwolke vorbeischickt. Gut, dass der Bentley Continental GT3-R im Gegensatz zu seinem Motorsport-Bruder den bekannten Allradantrieb mit der Momentenverteilung von 40 zu 60 Prozent behält.

Bentley Continental GT3-R stürmisch mit 580PS
Mehr noch: Der Bentley Continental GT3-R verfügt nun über eine sogenannte Torque-Vectoring-by-Brake-Funktion. Und da das nichts anderes bedeutet, als dass die Bremsen durch gezielte Impulse das Einlenkverhalten agilisieren sollen, trägt das Sondermodell sicherheitshalber Carbon-Keramik-Scheiben, der höheren Beanspruchung wegen. Also trabt der Bentley los, schlängelt sich aus der Boxengasse, beschleunigt zornig, um gleich darauf heftig zu verzögern. Denn die erste Rechts ist ziemlich eng.Dann wieder ans Gas, das Vierliter-Triebwerk ist hellwach, spricht nahezu verzögerungsfrei an, vermutlich ein Verdienst der neuen Turbolader, deren Schaufeln nun wirklich keinen Abstand mehr zum Gehäuse aufweisen sollen. Dank des höheren Ladedrucks sowie der modifizierten Motorelektronik steigt die Leistung gegenüber dem V8 S von 528 auf 580PS, das maximale Drehmoment beträgt nun 700 statt 680 Newtonmeter – und erzählt doch nur die halbe Wahrheit.Denn wie der Bentley Continental GT3-R den Hügel hinaufstürmt, die endlosen Rechtsbogen entlang, offenbart der V8 eine ziemlich unverschämte Drehfreude. Über 6.500 Umdrehungen lässt er sich gefallen, ziemlich gerne sogar, wird weder zäh noch vibriert er ehrfürchtig, erweist sich als echter Sportsmann.

Spürbares Übergwicht in engen Kurven
Ob man ihm wohl Unmengen gekochter Nudeln in den Tank kippen muss, der Kohlenhydrate wegen? Wie auch immer, das Triebwerk zündet, und zwar gewaltig. Ihm springen noch die modifizierte Achtstufenautomatik mit ihren rücksichtslos schnellen Gangwechseln sowie die kürzere Gesamtübersetzung bei, die dem Bentley Continental GT3-R sein bislang in jeder Variante dominantes distinguiertes Wesen wesentlich dramatisieren.Hups, wo kommt jetzt auf einmal die 90-Grad-Linkskurve her? Eine ziemliche Gemeinheit, mit blindem Einlenkpunkt, oben auf der Kuppe. Doch der Bentley Continental GT3-R kann punktgenau zusammengestaucht werden, die Bremse lässt sich prima dosieren, der Druckpunkt ist klar definiert. Und um es vorwegzunehmen: Daran wird sich auch die nächsten Male nichts ändern, wenn dich diese Kurve übertölpelt. Irgendwie erwischst du sie dann doch, tastest dich an die nächste enge Rechts heran und merkst dann doch, dass der Bentley Continental GT3-R einfach nicht aus seiner schweren Haut kann. Zwar hilft die Lenkung mit geringerer Servounterstützung als üblich und tapferer Rückmeldung, treffsicher einzulenken – ja, ganz sicher bedeutend fixer als alle anderen Continental. Doch dann beginnt eben auch der GT3-R zu untersteuern, sachte nur, aber spürbar. Gezielte Lastwechsel ändern daran wenig, bringen aber ein bisschen Leben ins Heck.

Bentley Continental GT3-R mit herrlichem V8-Sound
Daher verschiebt sich der Fokus bald wieder auf den Genuss des wunderbaren Antriebs, der sich nicht nur herrlich entfesselt anfühlt, sondern auch so klingt. Das irgendwie unheilvolle Donnern schwillt definitiv ins Unheilvolle an, aus der mit den Spezialisten von Akrapovic entwickelten Titan-Abgasanlage schleudert der V8 des Bentley Continental GT3-R unablässig Geröll-Lawinen aus Bass-Gestein. Selbst beim Ausdrehen versteigt er sich nicht in halbstarke Schreiereien, brüllt stattdessen so, wie es hier einst die Kelten taten.Bentley pflegt die Achtzylinder-Kultur im GT3-R mit großer Hingabe, geht dabei Fahrer und Beifahrer nie auf die Nerven. Ja, der Klang bleibt immer präsent, bohrt sich aber nie schmerzhaft ins Ohr. Also raus auf die lange Gerade, Haarnadel, Gegengerade, rechts auf Start-Ziel, wieder schnappt der Vierlitermotor zu. Trickreich knickt die Strecke nach links weg.

Nur Zeit für das Wesentliche
Hier war der eine oder andere sicher zu schnell – viel zu schnell – und hat vielleicht auch nicht berücksichtigt, dass die Gischt des Meeres oft für ein sehr mäßiges Gripniveau sorgt. Zu schnell werden, das gelingt im Bentley Continental GT3-R sowieso mühelos, zu ungestüm beschleunigt er, verkündet aber eben auch bald mit maulenden Vorderrädern die Machtlosigkeit der vom V8 S übernommenen Abstimmung der Luftfederung samt Adaptivdämpfern.Dann wieder den Hügel hinauf, entlang der Küstenlinie, keine Zeit für das Panorama, stattdessen Achtzylinder-Zorn, Bassgewitter, Biturbo-Gewalt. Schön haben sie es hier auf Anglesey, wirklich. Mit einem Auto wie dem Bentley Continental GT3-R schrumpft der Horizont jedoch schnell, reduziert sich auf die elf Kurven der Rennstrecke mit dem Beinamen Trac Môn, was auf die walisischen Namen des Eilands Ynys Môn zurückgeht. Hat irgendwas mit Druiden zu tun. Und ist sicher interessanter als die Tatsache, dass ein gewisser William, Duke of Cambridge, um die Ecke residierte.

Info
Die Insel Anglesey und ihre RennstreckeVon florierenden Kupferminen in der Bronzezeit über Druiden in der Vorzeit bis hin zu ebenso populären wie potenziellen Thronfolgern – die Insel Anglesey, vor der Nordwestküste von Wales in der Irischen See gelegen, weist eine bewegte Geschichte auf. Die eher beschauliche Gegenwart macht sie als Reiseziel attraktiv (www.visitanglesey.co.uk). Vom gut angebundenen Flughafen Manchester dauert die Autofahrt nur gut zwei Stunden. Freies Fahren auf der Rennstrecke ist dagegen schwierig, sie wird meist nur an Gruppen vermietet. Mehr Info unter angleseycircuit.com.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-05-24

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