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Testbericht

29. August 2015
Vieles ist ja irgendwie relativ: Sätze können es sein, Schönheit, selbst die Liebe, sagt man. Besonders gescheite Menschen haben sogar Theorien über die Relativität verfasst. Und auch hier kommen wir ohne sie nicht weiter. Denn beide, der Audi S8 genauso wie der Mercedes-AMG S 63, gehören – ganz offensichtlich – nicht zu denjenigen, die zum Zwecke der Fahrdynamik entstanden sind. Nicht hauptsächlich und erst recht nicht ausschließlich.Mit anderen Worten: Ihre Performance ist nicht angeboren, sondern nachträglich herausgezüchtet und deswegen immer auch ein bisschen relativ: relativ zu ihrer Ausgangsbasis, relativ zu ihrem Format, zu ihrem Gewicht, zu ihrem Ruf – und am Ende doch absolut beeindruckend. Dennoch: Ein warmer Empfang ist es für die beiden nicht. Erwartungsgemäß, seit die Mafiosi vom Wettbüro nebenan ihre Kisten zu uns in die Tiefgarage stellen dürfen, lästert ein Kollege. Ein anderer nennt sie despektierlich nur "die Dicken", sogar wenn er in ihrem Beisein über sie spricht. Und selbst der Autor, der sich diesen Wellness-Urlaub ehrlich gesagt selbst verordnet hat, wurde dabei ertappt, wie er sich lieber mit dem RS 3 in den Feierabend verkrümeln wollte: "Stopp, Freunderl, so geht's nicht. Du nimmst jetzt schön den S8!"Doch Glück ist manchmal eben etwas, zu dem man gezwungen wird. Denn sobald dich der Audi S8 mal ein paar Kilometer durchs Verkehrsdickicht begleitet hat, ergibt der ganze Unsinn um einen herum auf einmal Sinn: die in die Sitze eingebaute Physiotherapie; die sogenannte Noise-Cancellation, die negative Motorschwingungen in Phasen der Zylinderabschaltung eliminiert; und der viele Samt in den Antriebskomponenten.

Audi S8 mit Motor und Getriebe aus dem RS6
Das Duett aus Vierliter-Biturbo-V8 und Achtstufenautomat ist prinzipiell dasselbe wie im RS 6, nur dass es sich hier etwas zurücknimmt. Nominell ebenso wie im Auftritt. Denn trotz der Wucht seiner maximal 650Nm fühlt sich der Vortrieb immer eher nach Schaumbad als nach Dampfstrahler an. Scheinbar mühelos strömen die 2.071 Kilo voran, im Hintergrund wabert das Brodeln der Sportabgasanlage, während eine Fahrstufe nach der anderen in den Kraftfluss tröpfelt. Bei 250km/h brandet der Vortrieb schließlich gegen den Begrenzer – und das derart, dass man glaubt, irgendwer habe einem plötzlich den Hahn zugedreht.Beim Mercedes ist der Bremseffekt 50km/h später sogar noch fast genauso groß, das Überraschungsmoment hingegen fällt etwas gedämpfter aus. Nicht dass der Fünffünfer des S 63 AMG in der Entfaltung seiner 900Nm irgendwie gelassener wäre, im Gegenteil, nur stellt er sich und seine Potenz von Anfang an stärker zur Schau. Bereits beim Anlassen räuspert er recht unverhohlen durch die Abgasanlage, knurrt, während er Drehzahl aufnimmt, und unter Vollast dringt sogar ein leichtes Trommeln in den Innenraum – nicht aufdringlich, aber präsent. Keine Frage, er positioniert sich deutlich aggressiver. Einerseits logisch, da er sich im Gegensatz zum Audi als Vollblut-Sportmodell versteht, andererseits aber auch ein bisschen überraschend, wenn man bedenkt, dass sich eine S-Klasse seit jeher vor allem aus allerbesten Manieren destilliert.

Mercedes AMG S 63 4Matic nur als Langversion erhältlich
Nicht falsch verstehen: Eine richtige Rampensau wie manche seiner Kollegen weiter unten im Alphabet ist er nicht, aber einer, der das mit der Sportlichkeit schon etwas ernster nimmt. Ernster als der Audi und auch ernster als jeder andere seiner Dynastie zuvor. Das merkt man im Fahrwerk, das die 20-Zöller schon sehr definiert in Verwerfungen rasten lässt; und man merkt es daran, dass sie sich in Affalterbach endlich seiner Problemzone angenommen haben: der Traktion. Was war das mit den heckgetriebenen 63ern früher immer für ein Kreuz: Entweder die Newtonmeter zappelten bis weit in den zweiten Gang im Netz des ESP, oder dir ist im Zwischenspurt gleich der ganze Südflügel verrutscht. Egal: Jetzt, mit dem optionalen Allradantrieb, ist beides passé. Einzige Einschränkung: Es gibt ihn ausschließlich in der Langversion.Die logische Folge ist ein Gewichtsnachteil von gut 90 Kilo gegenüber dem 14 Zentimeter kürzeren Audi S8, den die 585PS aber recht locker aufwiegen – wenigstens in der Theorie. In der Praxis knöpft ihm der Audi im Sprint auf 100 dann aber doch ein Zehntel ab. Okay, von allzu großer Relevanz mag das nicht sein, ärgerlich ist es allemal, schon weil es anders im Drehbuch steht.

Bis 160km/h sind beide fast gleichauf
Das Drehbuch ist im konkreten Fall ein laminierter Beipackzettel im Handschuhfach, auf dem der ideale Startvorgang liebevoll beschrieben ist. Und – Hand aufs Herz – wir haben es genau so gemacht, mehrfach, mit mehreren Piloten, trotzdem knickt dem Biturbo-V8 kurz nach dem Anfahren immer wieder für einen klitzekleinen Moment die Leistung weg, während der Audi von allem unbeeindruckt lostaifunt. Immerhin: Es ist eine vorübergehende Niederlage. Bei 160km/h hat der Mercedes-AMG S 63 den Rückstand wieder reingeholt, um danach recht locker davonzubüffeln. Sagen wir's so: Es gibt Dinge im Umgang mit der S-Klasse, die weitaus schwieriger zu beherrschen sind als bei einem S8. Vor allem beim Cockpit kommt man sich am Anfang erst mal ziemlich verloren vor. Und das nicht nur wegen der Weitläufigkeit des Innenraums an sich, sondern weil man sich schlicht in der Bedienstruktur verläuft. Die S-Klasse kann so viel: die Farbe der Ambientebeleuchtung verändern zum Beispiel, den Innenraum beduften oder die Sitzseitenwangen der Fliehkraft entsprechend ausfahren – vieles davon jedoch wird womöglich nie entdeckt.Doch unabhängig davon, wie viele Menüs am Ende unerforscht geblieben sind: Das Gefühl in einer S-Klasse bleibt ein besonderes – allein deshalb, weil der S 63 inmitten einer wachsenden Zahl an AMG-Versionen der Allerletzte ist, der den Stern noch als Fadenkreuz auf der Haube tragen darf. Das war's dann aber auch schon mit alter Väter Sitte. Denn was der Mercedes auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim abzieht, hat weniger mit Tradition als vielmehr mit Irrwitz zu tun. Bisher ging S 63 so: auf den Geraden Feuer machen, dann zusehen, dass man halbwegs unbeschadet durch die folgende Kurve kommt.

Mercedes S63 AMG 4Matic verblüfft mit Querdynamik-Talenten
An Teil eins dieser Systematik hat sich nichts geändert bis auf die Tatsache, dass die Beschleunigungsorgie aufgrund des Allradantriebs nun schon etwas zeitiger beginnt – logo. Was verblüfft, ist jedoch die Art und Weise, wie er sich mit seinen fünf Meter dreißig nun in Ecken schmeißt. Neutral, zielsicher und trotz des lulatschigen Radstands sehr schnell. Die Nordkurve zum Beispiel geht mit 121km/h. Nur zum Verständnis: Ein BMW M4 schafft dort nur vier Stundenkilometer mehr. Ja, das muss man erst mal sacken lassen.Ob es aus fahrerischer Perspektive nun eine Offenbarung ist, einen Luxuskreuzer durch einen Gebirgsbach zu wursteln, sei mal dahingestellt, das Ergebnis jedoch ist es definitiv: 1.15,5 min vergehen von Zielstrich bis Ziel strich. Meine Damen und Herren: Das ist das Niveau eines Lotus Elise S Clubracer. Und schlussendlich auch schneller als der S8. Der Audi ist im Fahrwerk nachgiebiger als der AMG, auf den Geraden nicht ganz so fulminant und am Ende acht Zehntel hinterher. Beim Einlenken jedoch könnte er dem Mercedes eigentlich eins auswischen. "Könnte" deshalb, weil man den pfiffigen Eindrehimpuls seines Sportdifferenzials zwar spürt, er aber nicht zur Entfaltung kommt. Erst fehlt der Vorderachse der nötige Grip, um das Heck herumzuhebeln, und dann, wenn man über die Lenkung mal Schwung in die Hüfte gebracht hat, unterbindet die nicht abschaltbare Elektronik jegliche "Quer-Dynamik". Im Slalom und auf der Bremse spielt der Audi S8 seine anatomischen Vorteile aber aus, um den Spieß über das Preiskapitel schließlich umzudrehen – 40.000 Euro beträgt die Differenz. Zu viel, als dass sie sich mit der Performance relativieren ließe.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-08-29

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