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Testbericht

22. April 2013
Wenn in England, wo sich Stammbäume ja gern bis zu Wilhelm dem Eroberer zurückverfolgen lassen, etwas 100 Jahre alt wird, ist das an und für sich nichts Besonderes. Für eine kleine Autofirma, die in dieser Zeit weniger Autos gebaut hat als VW in einer Arbeitswoche, ist es dennoch Grund zu feiern. Aston Martin wurde – unter anderem Namen – 1913 gegründet, etwa 65.000 Autos entstanden seither. All das sollte man wissen, will man verstehen, wieso der viertürige Aston Martin Rapide nach vier Jahren Bauzeit ein Facelift erhält, das ihm neben einem S im Namenszug 81 Zusatz-PS, einen kleinen Schwung mehr Newtonmeter und adaptive Dämpfer beschert. Als hätten Aston Martin Rapide-Piloten in der Vergangenheit über mangelnde Leistung geklagt. Mehrleistung im Aston Martin Rapide S kaum zu spüren Haben sie natürlich nicht, mit dem 477PS starken Sechsliter-V12 war der Rapide bisher ordentlich motorisiert. 558 hat der mächtige Sauger im Aston Martin Rapide S nun, und nur ganz besonders Feinsinnige dürften bemerken, dass das erstarkte Triebwerk heftiger anschiebt. Auf der Stoppuhr ergeben sich Unterschiede im Zehntelbereich – nichts, wovon sich groß zu schreiben lohnte. Auch nicht darüber, dass der Aston Martin Rapide jetzt in die 300-km/h-Klasse aufgerückt ist. Denn wir Feinsinnigen wissen längst, dass der wahre Luxus nicht darin liegt, von allem zu viel, sondern nur etwas mehr als unbedingt nötig zu haben. Das etwas mehr beschränkt sich beim Aston Martin Rapide S freilich nicht auf die Fahrleistungen. Durch das leicht nachgeschärfte Design in Front- und Heckbereich hat er an Profil gewonnen, blickt jetzt strenger mit seinen LED-gerahmten Xenonaugen, und der Schwerpunkt wanderte mit dem Motor ein paar Millimeter nach unten. Nicht nach unten wanderte das Gewicht des Aston Martin Rapide, es beträgt rund 2 Tonnen, ohne Insassen. Das ist gut kaschiert, denn die Karosserie schmiegt sich über die VH-Plattform wie ein feines Abendkleid, das nur dem sehr guten Auge verrät, dass es Größe 42 hat. Mit geschickt gesetzten Lichtkanten und Charakterlinien verbirgt der viertürige Aston seine gewaltigen Ausmaße (2.989 Millimeter Radstand, 5.020 Millimeter Gesamtlänge). Kaum Platz im Fond Nur wenig davon kommt den Fondinsassen des Aston Martin Rapide zugute, das war schon bisher so. Für Erwachsene sind die beiden hinteren Sitznischen kein erquicklicher Aufenthaltsort, trotz gut ausgeformter, beheiz- und klappbarer Polster und optionalen Entertainments. Der Einstieg durch die kleinen Türen ist beschwerlich, Kopffreiheit, Knie- und Fußraum sind sehr beengt. Ohnehin versteht Aston Martin den Rapide weniger als vollwertigen Viersitzer denn als schnellen Reise-GT für zwei, der mit seinen hinteren Türen etwas Flexibilität bietet. Das wahre Entertainment gibt es auch beim Viersitzigsten aller Aston nur hinter dem Lenkrad. Seine Größe lässt sich nur sehr unvollkommen in Sekunden oder zurückgelegten Wegstrecken und schon gar nicht in Millimetern und Kilogramm messen. Einlenkverhalten, Rückmeldung von Lenkung, Bremsen und Fahrwerk, Sound und Speed, der unverwechselbare Druck eines großvolumigen Saugers – das alles fühlt sich im Aston Martin Rapide S so lebendig und direkt an, dass Zusatztüren und Fondsitze schon nach wenigen Kurven vergessen sind, bis zum nächsten Blick in den Innenspiegel. Und falls Sie jetzt wissen wollen, was so ein Spaß kostet: genau 189.950 Euro. Dafür sind Nettigkeiten wie Touchtronic-Automatik, adaptives Fahrwerk, 20-Zoll-Aluräder, Navigationssystem und Regenschirm im Kofferraum schon an Bord, doch wegen der ebenso reichhaltigen wie verlockenden Optionsliste wird vermutlich kaum ein Aston Martin Rapide S vom Band laufen, der weniger als 200.000 Euro kostet. Schließlich hat sich in den 100 wechselvollen Jahren der Firmengeschichte eines nicht geändert: Wer nach dem Preis fragt, kann ihn sich meist nicht leisten.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2013-04-22

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