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Testbericht

25. März 2015
Wenn ich einem Oldtimer-Neuling einen Klassiker empfehlen soll, sage ich gern Volvo Amazon. Ich tue dies aus Überzeugung, denn die erste Liebe darf keine Enttäuschung werden. Vertrauen ist da sehr wichtig, und der verlässliche Volvo enttäuscht niemanden, er gibt einem Geborgenheit und das gute Gefühl, überall anzukommen. Seine konventionelle Technik mit Motor vorn, Antrieb hinten ist bar jeder konstruktiven Brillanz, aber auch ohne Tücken. Jeder Landmaschinenmechaniker kann ihn reparieren, vorausgesetzt, er hat Zollwerkzeug für den Motor.

Unzerstörbarer Volvo Amazon-Motor
Aber muss man den unzerstörbaren eisernen Gustaf, der ab B18 fünf Kurbelwellenlager hat, vor einer halben Million Kilometern überhaupt öffnen? Eher nicht, wenn man sein sportliches Alter Ego nicht zu sehr mit Tuning strapaziert. So ein Volvo Amazon ist ein dankbarer Kumpel, er kann alles, außer offen Cabrio spielen, aber nichts besonders gut. Trotzdem verzeiht man ihm diese Mittelmäßigkeit, die von Charakterstärke überstrahlt wird und die – anders als etwa beim zeitgenössischen Opel Rekord - auch Frauen anspricht und mit einem Hauch schwedischer Romantik kokettiert.Seine Form macht vieles wett, sie ist so typisch 50er-Jahre, ganz und gar rundlicher, entzückender Ponton mit schüchtern eingesetzten kleinen Heckflossen, ohne verkitscht zu wirken. Innen ist es trotz kühler Skai-Sitzbezüge dank Breitbandtacho und Hupring gemütlich genug, um sich wohlzufühlen. Eigentlich müsste der Volvo Amazon in Lenkradschaltung und Sitzbank schwelgen, aber er hat ja auch keine Blattfedern, sondern eine ordentlich an Längslenkern geführte, schraubengefederte Starrachse. Denn er ist weder modisch noch primitiv. Der alte Schwede wurde auf Langlebigkeit programmiert. Seine Türen fallen satt ins Schloss, die Blechstärke des Kiruna-Stahls liegt bei respektablen 1,2 Millimetern.Trotzdem kann der Volvo Amazon in der Disziplin Rostresistenz keine ewigen Wunder vollbringen, dazu fehlt ihm der solide Kastenrahmen, den schon sein Vorgänger, der Buckel-Volvo, nicht hatte, obwohl er so aussah.

Typisch rasselnder Volvo-Klang
Sein stets rot gelackter Vierzylindermotor hatte anfangs als 1600 drei Kurbelwellenlager, später ab B18 waren es fünf. Das archaisch konstruierte Triebwerk des Volvo Amazon rasselt vernehmlich. Es hat in seiner Knorrigkeit britische Züge, hohe Drehzahlen mag es nicht. Erst wenn ein bisschen Tuning den Gaswechsel optimiert, schwingt sich das Stoßstangen-Triebwerk zu respektablen 6.000 Touren hoch.Dann stecken plötzlich hohe Leistungsreserven in dem roten Klotz, die den Volvo Amazon mit seinem ausdauernden Wesen zum Siegertyp machen. Er kämpft auf Rallyes verbissen, gewinnt mit unerwarteter Dynamik, aber auch passiv, indem er nicht ausfällt.

Robustes Starrachs-Fahrwerk
Das robuste Starrachs-Fahrwerk des Volvo Amazon federt alles andere als weich, der Wagen untersteuert trotz Hinterradantrieb in der Werksauslegung stark, damit ungeübte Fahrer nicht überfordert sind. Sicherheit gehört schließlich seit jeher zum Volvo-Image.Der besondere Reiz des Volvo Amazon liegt in seiner großartigen Balance von Vernunft und Leidenschaft. Vernunft deshalb, weil er sich leicht reparieren lässt und sein Besitzer die Wartung selber machen kann. Leidenschaft deshalb, weil man ihn schön finden kann und stilvoll. Weil die Zuneigung mit jeder Ausfahrt wächst, weil er eine ehrliche Haut ist und kein Blender. Die Sitzposition hinter dem steilen Lenkrad verdient das Prädikat "geborgen", die hohe Gürtellinie unterstreicht dies. Der Volvo kann sehr schaltfaul gefahren werden. Wenn man die Gänge ausdreht, fühlt er sich gar spritzig an, wenn nicht, sorgt eine zarte Drehmomentwoge schon bei doppelter Leerlaufdrehzahl für spürbaren Antritt.

Alltagsklassiker mit Rallye-Qualitäten
Der Volvo Amazon P 122 S nimmt Alltagsfahrten im Stop-and-go der Großstadt nicht übel, quittiert sie noch nicht einmal mit erhöhter Temperatur. Trotz indirekter Lenkung fühlt er sich handlich an, sein Wendekreis ist minimal. Ein Radstand von 2,60 Metern schafft zwar kein Raumwunder, aber es reicht für einen familienfreundlichen Viersitzer. Der Kofferraum ist riesig. Neben üppigem Reisegepäck ist noch Platz für ein zweites Ersatzrad, ein paar Birnchen und einen Keilriemen.Mehr brauchen wir nicht. Dann fahren wir mit dem Volvo Amazon vom heimischen Supermarkt-Parkplatz geradewegs auf die Britischen Inseln in die Startreihe von Le Jog. Nummer draufkleben und in Schottland ankommen.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-03-25

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