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Testbericht

15. Oktober 2015
Fotomodell Bea muss nicht lange überlegen. Für sie ist es der Fiat Barchetta, nicht der Alfa Spider. Liebe auf den ersten Blick. "Ein schönes, harmonisches Design, rundlich, ein bisschen Retro, dem Auto sieht man an, dass es gut liegt und flink beschleunigt", meint sie spontan zum Fiat.

Beim Fiat Barchetta beginnt das Glück schon beim Einsteigen
Und der AlfaSpider? "Na ja, breit und bullig, ein schroffer Keil, irgendwie schwerfällig, muss ich den wirklich für die Fotos fahren?" Bea macht aus ihrer Reserviertheit gegenüber dem silbernen Spider keinen Hehl. Die junge Dame ist autoaffin, Mercedes- und Volvo-erfahren. Mehrere T-Limousinen der Baureihen 123 und 124 und ein Volvo 240 gingen durch ihre Hände. Bea geht erwartungsvoll auf die Fiat Barchetta zu, bittet Besitzer Marco Jenz um eine Aufwärmrunde im tiefseeblauen Fiat, der sie in seiner spielzeughaften Leichtigkeit formal an den ersten Mazda MX-5 erinnert.Bei dem Fiat Barchetta beginnt das Glück schon beim Einsteigen. Bea fasst den per Knopfdruck herausschnappenden Türgriff, ein Retro-Zitat aus 50er-Jahre-Sportwagen, mit unternehmungslustiger Neugier. Schnell ist der Fahrersitz auf die große, langbeinige Frau eingestellt und die rechte Position gefunden.Der Fiat Barchetta ist auch in dieser Hinsicht einladend. Schon nach wenigen Minuten lächelt Bea dem Beifahrer entzückt zu. Sie ist begeistert, wie kraftvoll der kleine, leichte Sportwagen aus dem Drehzahlkeller antritt, wie mühelos er hochdreht und wie exakt sich das Fünfganggetriebe trotz ungünstiger Umstände wie Frontantrieb und Quermotor schalten lässt. Agil und effizient ist der kleine offene Fiat, keine Frage, da kann der üppige Alfa Spider erst einmal nicht mithalten.

Riesiger Wendekreis stört beim Rangieren
Niemals hätte Bea dem Fiat Barchetta die Leistung zugetraut, sie hätte 100PS geschätzt, aber die klassische Alfa-Spider-Zahl 131 sind in dem kleinen, nur knapp über eine Tonne schweren Bötchen eine Verheißung. Bea gefällt die schöne Aussicht auf die lange Motorhaube mit den betonten Kotflügeln: "Fast wie im Elfer", meint sie. Nur der Wendekreis trübt ihre Begeisterung ein wenig: "So riesig bei solch einem niedlichen Auto? Dagegen wenden ja Mercedes und Volvo auf der Stelle." Das Umsteigen auf den Alfa-Romeo-Keilspider fällt Bea nach der kurzweiligen Barchetta-Tour nicht leicht. Schon die weggestylten Türgriffe, ein Diktat des Designs, erschweren den Zutritt. Nach dem Öffnen der schweren Türen gilt es, beim Alfa Spider die breiten, hohen Schweller zu überwinden, um sich schließlich tief in den Ledersitz fallen zu lassen. Anders als in der Barchetta, die so konsequent offen ist wie ein Schlauchboot, kommt sich die Insassin im Alfa eingemauert vor. Die Sicht ist schlecht, die üppigen Maße sind schwer einzuschätzen. Wo hört das Auto auf?

Geräumiger Alfa Spider
Die große Windschutzscheibe steht extrem flach. Aber Bea sitzt gut in dem geräumigen Alfa Spider, und die Instrumente gefallen ihr: "Innen sieht der Alfa viel besser aus als außen, die hübsch gesteppten Ledersitze, die drei Zusatzinstrumente auf der Mittelkonsole in schöner Symmetrie gehalten, so konsequent wie die Belüftungsdüsen und die Drehschalter." Bea wollte mal Industriedesign studieren, ihr fällt so etwas auf. Nach dem ersten Schlüsseldreh spürt sie beim Beschleunigen auf der breiten Ringstraße bis in den vierten Gang das üppige Drehmoment des kraftvollen Zweiliters und freut sich an dem schönen Klang des aufwendig konstruierten Triebwerks.Es ist der gleiche Basismotor wie im Fiat Barchetta mit zwei zahnriemengetriebenen obenliegenden Nockenwellen und 16 Ventilen. Die Alfa-Ingenieure durften sich jedoch einbringen und konstruierten einen neuen Zylinderkopf mit Doppelzündung. Für einen möglichst kultivierten, vibrationsarmen Lauf sorgen Ausgleichswellen. Obwohl der revolutionäre Keilspider rigoros mit bewährten Alfa-Traditionen brach und Frontantrieb und Quermotor, gepaart mit einem futuristischen Avantgarde-Design, durchsetzte, grollt er so klangvoll wie ein Fastback in den besten Jahren. Spider und Barchetta mussten aus Kostengründen auf Großserienplattformen entstehen. Agenta hieß der letzte Fiat mit Hinterradantrieb, das ist lange her.

Fiat Barchetta gegen Alfa Spider ist auch Punto gegen Tipo
Der FIat Barchetta teilt sich die Bodengruppe mit dem ersten Fiat Punto, intern Typ 176 genannt, von dem es übrigens auch eine Cabrio-Variante gab. Der Alfa Spider nutzt wie sein Limousinen-Pendant Alfa 155 die Fiat-Plattform des heute fast vergessenen Golf-Rivalen Tipo. Allerdings wurde die Hinterachse deutlich verfeinert.Ein kompliziertes kinematisches Gebilde mit einem fahraktiven Ensemble von Quer-, Längs- und Schräglenkern, aufgehängt an einem Fahrschemel, macht den scheinbar schwerfälligen Alfa Spider im Handling so agil und leichtfüßig wie einen Hecktriebler alter Schule. Nicht nur fahrwerksseitig, sondern auch im Antrieb zeigt sich der Alfa Spider viel ehrgeiziger als der leichtlebige Fiat Barchetta, die aus dem unveränderten, recht simplen Punto-Fahrwerk Erstaunliches zaubert.Wer sich mit 155PS nicht begnügen mag, kann den Alfa Spider auch mit dem unerhört wohlklingenden, reinrassigen Alfa-Romeo-V6 wählen. Das bedeutet maximal 240PS, aber der zahmere Zweiventiler mit 192PS ist eine harmonischere Motorisierung als der optisch viel imposantere Viernockenwellen-Vierundzwanzigventiler.

Fiat und Alfa bei Beschleunigung gleichauf
Selbst der Zweiliter-Twin-Spark lässt keinen Leistungsmangel aufkommen. Er legt über 4.500/min noch mal mächtig zu, seine Drehzahlreserven sind enorm, der rote Bereich beginnt wie beim Fiat Barchetta erst bei 7.000/min. Der leer fast anderthalbmal so schwere Alfa Spider erreicht mit 24PS Mehrleistung bis 160km/h die gleichen Beschleunigungswerte wie der Fiat. Obenheraus geht der Alfa besser, dank seiner extremen Aerodynamik bringt er es auf satte 216km/h.Von solchen Sphären sind wir bei den Fotofahrten an einem heißen Junitag weit entfernt. Bea hat sich inzwischen an den Spider gewöhnt. Sie ist angenehm überrascht, dass ihr trotz der tiefen Sitzposition und der steil ansteigenden Gürtellinie der Wind kräftig durchs Haar weht.Sie lobt die direkte Lenkung und die exakte Schaltung. "Das Auto fährt sich viel besser, als es aussieht", meint sie bei einer Fotopause am Weiher und blickt auf beide Cabrios. Dann hält sie kurz inne und sinniert: "Na ja, es ist eigentlich mehr eine Skulptur als ein Auto, gewagt, anders, aber doch irgendwie ästhetisch."
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-10-15

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