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Testbericht

19. August 2016
Diese Geschichte spielt in den Hügeln des Apennins. Dort, im norditalienischen Hinterland, ist es schön, ruhig – und kurvig. Eine Gegend wie geschaffen für den drahtig-agilen Alfa Romeo Giulia. Für die neue Giulia übrigens ebenso wie für die alte, hier als Giulia Super von 1965. Ein Generationentreffen mitten auf der Ideallinie. Stolz präsentiert Antonio Coppede aus Bologna sein 51 Jahre altes Schätzchen. Man könnte ihn als Paradebeispiel eines Alfista bezeichnen. Coppede ist eines der ersten Mitglieder beim Registro Giulia, einer Art Owners Club. Er hegt und pflegt seine Super, hat sie während 17 langer Jahre bis ins letzte Detail verbessert – natürlich ausschließlich mit Originalteilen, wie er betont.Der Oldtimer wurde aufpoliert und zum Strahlen gebracht für seinen großen Auftritt beim 100- jährigen Alfa-Jubiläum 2010. Doch seitdem sperrt der Alfista seine Giulia nicht wie ein Museumsstück in eine Vitrine, sondern gibt ihr regelmäßig Auslauf. So wie heute in den Hügeln. Genau dort, wo es schön und ruhig ist und nur ab und an geradeaus geht.

Alfa Romeo Giulia endlich zurück bei den Antriebswurzeln
Die hinterradgetriebenen Alfa taugten schon immer zum Kurvenglühen. Antonio Coppede sortiert sich fleißig durch die fünf Gänge, lässt die vier Kolben tanzen, setzt die 98 PS effektiv ein. Die putzige Super folgt der neuen Giulia auf den Fersen, hält sich im breiten Windschatten. Als wir für weitere Fotomotive die Reihenfolge umdrehen, blicken wir auf die tanzende Starrachse des Oldies. Sie hat viel zu tun, hier oben auf den vernachlässigten Straßen. Der Aufbau hüpft aufgeregt im Takt der Bodenwellen, die in der neuen Giulia nur teilweise zu erahnen sind – abgemildert vom Verbund aus Schraubenfedern, Schwingungsdämpfern und Einzelradaufhängung. Gerade in Sachen Fahrwerk hat sich über die Jahrzehnte viel getan, was der Pilota genau dann spürt, wenn er wenig spürt: beim Federungskomfort. Während eines halben Jahrhunderts Autoentwicklung hat sich auch bei den Größenverhältnissen einiges geändert, doch die Ur-Giulia wirkt innen noch immer geräumiger als von außen angenommen. In die neue dagegen passt man wie angegossen. Die Giulia sitzt, ohne zu zwicken, das Cockpit schmiegt sich um den Fahrer, platziert ihn wie selbstverständlich ins Zentrum des Geschehens. Natürliche und damit glaubhaft vorgetragene Sportlichkeit. Dabei haben wir nicht einmal die Quadrifoglio-Version am Start, jenes V6-Topmodell mit 510 PS, das früher als GTA auf den Markt gekommen wäre.

Ruhig und gelassen um die Kehren wedeln
Nein, es ist der 180-PS-Diesel. Drehmoment fürs Volk, wenn man so will. Auch das neue Modell hört übrigens auf den Beinamen Super – so heißt heute die mittlere der drei Ausstattungslinien. Die Nuova Super verschleift ihre 450 Newtonmeter gekonnt über eine Achtgangautomatik von ZF (Option). Wer will, greift über die hervorragend zu erreichenden Lenkradpaddel ins Geschehen ein. Wir wollen – nicht weil wir müssen, sondern weil es Spaß macht. Flap, flap, flap, hoch und vor der nächsten Kurve wieder herunter. Surfen auf der Drehmomentwelle, die uns punktgenau in die nächste Brandungszone spült. Es ist eine unvergleichliche Leichtigkeit des Autofahrens, jene versammelte Handlichkeit, die Tempo ganz beiläufig aus dem Ärmel schüttelt und es ebenso wieder punktgenau reduziert. Genau das Richtige für das tektonisch anspruchsvolle Gebiet zu Füßen des Wintersportgebiets in der Provinz Modena. Ruhig und gelassen wedelt die Giulia durch den Riesenslalom des Apennins, geführt von einer leichtgängigen und dennoch präzisen Lenkung, übermittelt via Doppelquerlenker. Der selbstverständliche Grip an der Vorderachse vermittelt traumwandlerisches Gespür für das, was geht.

Ein handliches Spaßauto für die Hürden des Alltags
Schon im zeitgenössischen Test in auto motor und sport 17/1965 pries der Autor das "fahrerische Vergnügen“ der Giulia Super. Man müsse "niemals besondere Kraft aufwenden, um zu lenken“, und die Lenkung ermögliche "ein genaues Fahren“. In einem Zwischenresümee heißt es: "Was die Handlichkeit und die Fahrleistungen angeht, ist die Giulia Super der Idealfall einer sportlichen Limousine.“ Nun, 51 Jahre danach, könnte man es kaum treffender für die neue Version formulieren. Bei all ihrer Agilität geht der Giulia Nuova jedoch jegliche Hektik ab. Ohne Wenn und Aber kommt sie ihren alltäglichen Pflichten als Fortbewegungsmittel nach, bewältigt die Pendler-Routine, spult klaglos die Distanz zu fernen Urlaubszielen herunter. Kein zu straffes Fahrwerk, keine hibbelige Lenkübersetzung – hier bleibt die Limousine ganz Mittelklassewagen. Und so ist die Giulia heute, was ihre Vorgängerin in den 60ern bereits war: ein handliches Spaßauto, das einem Pilota auf seiner Lieblingsstrecke das Cuore sportivo aufgehen lässt, genauso leichtfüßig aber auch über die Hürden des Alltags hüpft und klaglos eine Familie samt Urlaubszubehör transportiert.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-08-19

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