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Testbericht

21. Dezember 2012

Mit 40 gehts abwärts – heißt es. Tatsächlich knacksen die Gelenke. Aber der Kniefall muss sein: eine Verneigung aus Ehrfurcht und kindlicher Freude, als an jenem sonnigen Tag in Hockenheim der Transporter seine Luken öffnet und eine einmalige Ladung freigibt. In Hellgelb, Sternrubinrot, Rivierablau und Carraraweiß strahlt sie, die 40-jährige Historie des Porsche Carrera RS. Auf in eine Zeitreise in die Welt der schärfsten und puristischsten 911er überhaupt – mit vier wilden Zeitzeugen, die im Hinblick auf Renneinsätze entwickelt wurden, denn ursprünglich waren die RS-Porsche lediglich als Homologationsmodell für den Motorsport gedacht.

Ur-RS ist 1972 Deutschlands schnellstes Auto Letztlich hat ihre einnehmende Art eine eigene Nische begründet. Bei RS pulsiert den Fans das Benzin im Blut. RS heißt Rennsport, steht für Askese und Purismus, für Fahrdynamik und Fahrspaß auf höchstem Niveau – straßenlegal. Schon 1972 ist der Ur-RS Deutschlands schnellstes Auto, reckt keck den legendären Bürzel in die Höhe. Er ist der erste 911 mit aerodynamischem Hilfsmittel und dem Beinamen Carrera. 40 Jahre danach, beim Stelldichein mit seinen Nachfahren der Modellreihen 964, 993 und 997, wirkt der Urvater wie eine halbe Portion. Klein und schmächtig rollt er ins weite Rund des Hockenheimrings, nur gut 1.000 Kilogramm schwer. Sein röchelnder Boxer im Heck schnauft aus 2,7 statt der damals üblichen 2,4 Liter Hubraum. Weil weniger bei einem Porsche Carrera RS seit jeher mehr bedeutet, gibt es den Leichtbau-Elfer auch mit baumelnden Stoffschlaufen statt festen Innengriffen. Ein Schalensitz bedeutet anno 1972 mehr flauschige Nussschale als packender Sitz, und von einer guten Ergonomie ist der Erste noch so weit entfernt wie von der 25 Jahre später eingeführten Wasserkühlung. Hinter dem spindeldürren Lenkrad des ersten Porsche Carrera RS zittert die Nadel des Drehzahlmessers wie ein Taktgerät zu jedem Gasstoß des heiser atmenden 210-PS-Sechszylinders, der mit der geringen Masse im wahrsten Wortsinn leichtes Spiel hat. Dafür fordern die Lenkkräfte massive Unterarme wie die von Popeye. Porsche Carrera RS mit gierigem Motor Porsche Carrera RS steht auch für eine harte, führende Fahrerhand und ein sensibles Popometer, das die Ausbruchsversuche des Hecks schon extrem früh erkennt – vor 40 Jahren noch mehr als heute. Aber die Keimzelle der RS-Faszination ist immer noch die gleiche: nämlich ein Motor, der sich gierig und spontan in die Arbeit stürzt. Schon in den wilden Siebzigern sägt der Porsche Carrera RS locker und lässig im Heck, sträubt sich nicht gegen Bummeltempo bei moderaten Drehzahlen, beißt gierig bei Attacke, bohrt sich entfesselt über 7.000 Umdrehungen. Dann aber bloß nicht den taumeligen Schaltstock in die falsche Gasse stecken und gefälligst den kräftigen Druck aufs teigige Bremspedal auch ohne Bremskraftverstärker höchst gefühlvoll definieren.

Fast 20 Jahre später steht die Pedalerie im Porsche Carrera RS noch immer, die Bremse spricht an und verzögert in Dimensionen, die auto motor und sport 1991 in den höchsten Tönen lobte. Mit der Modellreihe 964 aber verschwindet der Bürzel, stattdessen regt sich über dem 260 PS starken Sechszylinder ein elektrisch betätigtes Spoilerchen. Die Nackenhaare hingegen regen sich nach wie vor ganz von alleine, wenn der Boxer so unvermittelt zuschlägt, als wäre er nicht nur des Zweimassenschwungrades beraubt, sondern sogar von jeglicher Trägheit der Masse befreit. Je schneller, desto besser fährt er Auf knapp über 1.200 Kilogramm ist der Porsche 964 RS angewachsen, und dennoch leichtfüßiger denn je, auch weil die Käfer-typische Drehstabfederung jetzt Schraubenfedern gewichen ist – und zwar knüppelharten. Mit einem satten Klacken fällt die Tür ins Schloss. Die engen Schalensitze machen keine Kompromisse, weder beim friktionslosen Halt noch bei der leuchtenden Farbgebung Sternrubinrot. Von hinten schreit der 3,6-Liter-Boxer in allen Lebenslagen grob, kernig und unmissverständlich. Hier gibts keine halben Sachen: keinen Komfort, keine Dämmmaterialien und auch keine Servolenkung. Je schneller, desto besser fährt er. Und wenn es dann doch zu schnell wird, ist der Spaß für den Ungeübten auch schnell passé: ein Grenzbereich so schmal wie die filigranen A-Säulen von damals, als einer der auf 2.282 Stück limitierten Porsche Carrera RS 145.450 Mark kostete. Gut erhaltene Exemplare kratzen heute sogar an der 100.000-Euro-Marke. Clubsport-Varianten wie der rivierablaue Porsche 993 RS von 1995 liegen sogar noch deutlich darüber, Komfort und Wellness hingegen um ein Vielfaches darunter. Nacktes Blech, humorlose Rennschalen und ein alles überspannender Überrollkäfig sind deutliche Indizien, dass die Porsche RS-Philosophie immer noch weiter zuzuspitzen ist. Im Leerlauf rasseln Getriebe und Motor wie zehn Säcke Nüsse um die Wette. Den Rückspiegel füllt ein Spoilerbrett aus, Hosenträgergurte rauben dem Fahrer die Luft zum Atmen, beim Antritt des nun fast 3,8 Liter großen Sechszylinders bleibt auch noch die Spucke weg. Die nur drei Jahre Reifezeit zum Porsche 964 RS hat der 993 locker zu einer Dekade ausgedehnt. Schon ABS und Servolenkung machen manches leichter. Das Herbe, Bullige und Männliche ist geblieben, und dennoch ist der Porsche Carrera RS Mitte der Neunziger deutlich sensibler als einst. Nun federt er auch spürbar, die Lenkung nimmt nicht nur, sondern gibt tatsächlich ein relativ verbindliches Feedback, und die Bremse packt nochmal fester zu, so dass sich der Gedanke an eine unterentwickelte Nackenmuskulatur doch nicht ganz vom Tisch fegen lässt. Trotz der auch heute noch überzeugenden Fähigkeiten eines Porsche 993 RS endet unsere Zeitreise in einem anderen Universum. Vorbei am ersten wassergekühlten Porsche Carrera RS (Modell 996: 2003 bis 2004) und hin zum bislang letzten und in allen Belangen größten, den das legendäre Kürzel je zieren durfte. Porsche 911 GT3 RS 4.0 mit 500 gewaltigen PS Gegen den Porsche 911 GT3 RS 4.0 wirken die Vorfahren wie eine bunte Jungschar. Leichtbau und Kohlefasern stecken in jedem Winkel. 1.360 Kilogramm treffen auf die schiere Gewalt von 500 PS. Natürlich röchelt und schreit der Boxer immer noch gierig und garstig. In der Tür baumeln die altbekannten Schlaufen. Sogar der Bürzel ist wieder da, und in Verbindung mit der darüber thronenden Carbon-Biertheke generiert das dralle Heck einen Abtrieb von 60 Kilo bei 200 km/h. Ergonomie heißt 2011, den Fahrer ins System Fahrzeug fast mit einzugießen. Mit 40 Jahren nimmt ein Porsche Carrera RS die Anforderungen des Alltags mit Würde hin und reißt auf der Rennstrecke die Physik nieder. Hinten tobt ein drehwütiger Verbrennungsmotor, der seinem Namen die größte Ehre erweist und die pralle Füllung jedes einzelnen Zylinders für seinen Fahrer direkt erlebbar macht. Er schneidet Kurvenradien wie ein Präzisionsinstrument, verzögert im letzten Moment brachial, wo sein Ururgroßvater noch verzweifelt Bremsdruck sucht. Happy Birthday Porsche Carrera RS. Wir freuen uns schon auf Nachwuchs 2014. Und was jetzt noch knackst, ist die heiße Titanauspuffanlage.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2012-12-21

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