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Testbericht

15. Juli 2014
Es soll Revolutionen gegeben haben, die weit euphorischer gefeiert wurden: Alphabetisch korrekt eingeordnet auf Seite 31 zwischen "Modellschriftzug-Entfall" und "Niveauregulierung" taucht in der Preisliste des BMW 7er vor genau 20 Jahren zum ersten Mal die Option "Navigationssystem" auf. Für 6.900 Mark lässt sich ein harmonisch ins Cockpit integrierter Routenführer bestellen – Technik, mit der sich bis dahin nur Nerds beschäftigen, auch wenn es diesen Begriff damals noch gar nicht gab. Das von Philips entwickelte System Carin (Car Information and Navigation) begeistert hingegen jeden Autofahrer auf Anhieb, der es einmal live erleben darf. "Das Verfranzen in fremden Städten hat ein Ende", jubelt auch automotorundsport.

Das iPhone 1 unter den Navis Obwohl seine CD-ROM anfangs gerade einmal zu 20 Prozent belegt ist, kennt der Navigationsrechner im Kofferraum bereits die wichtigsten Straßen, zeigt sie auf dem farbigen Kartenbildschirm an und führt mit blecherner Stimme durchs wiedervereinte Deutschland. Konkurrent Mercedes kontert in der S-Klasse ein Jahr später mit einer schlichten Pfeilnavigation, die Karte kommt erst 1998 mit dem Nachfolger W220. Die Aussicht auf ein Wiedersehen mit dem iPhone 1 unter den Navis sorgt daher für Vorfreude und Kribbeln: Während unser 7er aus der E38-Baureihe immer noch frisch wirkt und im Straßenbild kein bisschen auffällt, ist Carin seit dem letzten Treffen erschreckend alt geworden. Ihr pixeliges Display im Röhrenfernseher-Format 4:3 und die in schrägem Braun gehaltenen Menüs erinnern an Commodore-64-Klassiker wie "Space Taxi" oder "Pitstop". Auch zum Rechnen braucht Carin Zeit: Eine Route von Stuttgart nach Berlin auszuknobeln, beschäftigt sie zwei Minuten. Noch schlimmer: Wer in der Stadt einen Abzweig verpasst, hält lieber sofort an. Bis die neue Route steht, ist man sonst auch an den Folgekreuzungen vorbei. Dabei hat unsere Carin bereits einige Updates erhalten, wie die CD-ROM-Hülle von 2004 im Kofferraum verrät. Selbst im Stuttgarter Umland sind die meisten Straßen eingezeichnet. Mitte der Neunziger erleben Navi-Tester hingegen noch Abenteuer: Wenn nicht nur Straßen, sondern ganze Dörfer fehlen, Routen durch Gutshöfe führen und Panik unter den freilaufenden Hühnern auslösen. Oder wenn ein paar Meter vor dem Ziel "digitale Gräben" zu abstrusen Umwegen zwingen, nur weil Kartografen vergessen hatten, zwei Wegepunkte zu verbinden. Zeitungen amüsieren sich zu der Zeit über Autofahrer, die blind ihrer Navi folgen, in Flüsse abbiegen oder auf Treppen stranden. Nicht minder nostalgisch stimmt der Schlitz neben dem Bildschirm. Er ist für Kassetten gedacht, die man mal für "Compact" hielt, was jedoch nur im Vergleich zur Schallplatte stimmte. Heutige Führerscheinneulinge kennen sie noch als Hülle fürs iPhone, in dessen Speicher sie Musik von 10.000 Kassetten mit sich tragen. HiFi-Fans treiben im 20. Jahrhundert hingegen einen irren Aufwand, um alles aus dem Bändchen rauszukitzeln, streiten, ob Maxell oder TDK besser klingt, und unterdrücken Rauschen per Dolby. Dolby B beherrscht jedes gewöhnliche VW Gamma, unser Laufwerk adelt hingegen ein Dolby-C-Schriftzug. Es klingt immer noch verblüffend gut. Wer Musik ausschließlich über seelentote 128 Kilobit-Files konsumiert, wird sich wundern. Kassette und Navi-Bildschirm packt Carin in ein Stück Wurzelholz-Imitat und vereint damit analoge und digitale Welt, Vergangenheit und Zukunft. Seit den Neunzigern machen sich immer größere Displays in den Cockpits breit, das Autoradio wird aus seinem DIN-Gehäuse verdrängt und quer übers Armaturenbrett verstreut.

Statusobjekt Autotelefon Auch das Telefon ist zum Menüpunkt geschrumpft. 1994 wird es noch von zwei ledernen Armauflagen gerahmt und von einer Dachantenne beim Senden unterstützt. Wer telefonieren will, greift zum Hörer, auch während der Fahrt, was noch keine 80 Euro plus einen Punkt kostet und trotzdem für Aufsehen sorgt: Wichtigtuer protzen im Stand bei offener Fahrertür. Den Aktionsradius limitiert jedoch das Spiralkabel, das nach einem Meter die Zügel anzieht. Am meisten überrascht uns Carin jedoch mit ihrer problemlosen Bedienung: Für die Hauptfunktionen gibt es Tasten, im schlanken Menü wird per Drehregler ausgewählt. Nach dem ersten iDrive-Schock braucht BMW Jahre, um die Bedienung wieder so einfach zu machen, wie sie 1994 schon war. Doch der Vergleich hinkt, außer Kassette, Navigation und Radio gibt es nicht viel zu bedienen, was spätestens beim Umstieg in den aktuellen 7er auffällt. Der kennt jeden Feldweg Europas, zieht sich Musik von Festplatte, Smartphone oder gleich aus dem Internet. Längst ist das Auto zum mobilen Endgerät geworden, wobei BMW seine Führerschaft verteidigt hat: Wo sich der nächste Briefkasten befindet und wann er geleert wird? Ob es sich auf dem Heimweg staut oder am Ausflugsziel regnet? Frag den BMW, er kennt die Antworten. Navi-Ziele nimmt er per Touchpad-Gekritzel oder Sprachbefehl an, spiegelt Abbiegepfeile über sein Head-up-Display ins Sichtfeld und erleichtert mit 3-D-Ansichten die Orientierung. Eine banale Routenführung schüttelt 2014 jedes Handy aus dem Display, das Auto muss mehr bieten. Der 7er tut es auch. Wo 1994 noch eine Zeile in der Preisliste reichte, braucht es heute drei Seiten, um alle Funktionen von Navi & Co. aufzuzählen. Nur beim Preis scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Mit 3.400 Euro kostet das Komplettpaket heute fast genauso viel wie einst Oma Carin.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2014-07-15

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