Testbericht

1. Mai 2016
Florenz (Italien), 2. Mai 2016 - Verehrte Fans des krawallig-knuddeligen Frisuren-Mikados, sagen Sie Hallo zum brandneuen Mini John Cooper Works Cabrio. Ich erinnere mich, das neue Range Rover Evoque Cabrio vor Kurzem als Barbies perfektes Outdoor-Abenteuer-Gefährt bezeichnet zu haben. Aber wenn das blonde Gift sich selbst wirklich treu bleiben will, dann kommt für sie nur ein Schlitten in Frage und der ist klein, offen und hat süße Glubschaugen. Tja, und sollte Barbie über einen recht schweren Gasfuß verfügen (oder wenn der gute Ken zufällig auch mal mitreden darf), dann landen wir genau hier, bei Minis magischen drei Buchstaben J, C und W. Gut 100 Kilo mehr Gemeine Menschen würden behaupten, auch mit den dick geschwollenen Schürzen, der Kampfbemalung (Streifen, unzählige JCW-Logos) und dem recht opulenten Doppel-Endrohr des John Cooper Works seien durchaus noch Reste der Mini-Cabrio-typischen Rosa-Glitter-Zuckerwatte-Herrlichkeit vorhanden. Auf der anderen Seite haben wir es hier aber mit einem reichlich seriösen Stück Wind-durchtränkter Kleinwagen-Performance zu tun. Optimierungen an Kolben, Turbo, Ladeluftkühler und Auspuffanlage verhelfen dem Zweiliter-Vierzylinder gegenüber dem Cooper S zu einer Mehrleistung von 39 PS und 40 Newtonmeter. Insgesamt stehen nun also 231 PS und 320 Newtonmeter bereit (wenn Sie ähnlich viel Oben-ohne-Dampf wollen, müssen Sie schon in Richtung Audi TT Roadster oder BMW 2er Cabrio schielen). Nicht gänzlich überraschend sind das die gleichen Werte wie beim Mini JCW-Dreitürer. Demgegenüber trägt das Cabrio einen Versteifungs- und Verdeck-Rucksack von knapp 100 Kilo mit sich herum. Kaum langsamer Die Fahrleistungen werden dadurch nicht in bedrohlichem Maße beeinflusst. Das Mini John Cooper Works Cabrio geht handgeschaltet in 6,6 Sekunden von 0-100 km/h und schafft eine Höchstgeschwindigkeit von 242 km/h. Das sind 0,3 Sekunden mehr beziehungsweise vier km/h weniger als beim Works mit festem Dach. Den Verbrauch gibt Mini mit 6,5 Liter an. Mein Bordcomputer zeigte nach durchaus JCW-würdiger Fahrt um die neun Liter an.
Mittig sehr kräftig Der Motor selbst ist auch im schwereren Cabrio ein kerngesunder Bursche mit einem ordentlichen rechten Haken. Im Normalbetrieb gibt sich der Vierzylinder akustisch erstaunlich zurückhaltend. Erst wenn Sie ihn ein bisschen kitzeln, wird er wepsiger und belohnt ihr Temperament mit viel bassiger Trompeterei. Das Ding ist nur: Trotz des wunderbaren Sechsgang-Schaltgetriebes (nicht übermäßig schwergängig oder ultrakurz klickend, einfach nur genau richtig), werden Sie ihn nicht wirklich oft ausdrehen wollen, weil schon bei 6.500 Touren Ende ist und ihm über 5.800 U/min spürbar die Luft ausgeht. Arbeiten Sie dafür lieber mit den fetten Kraftreserven im mittleren Drehzahlbereich und staunen Sie, wie schnell im Tacho die Nadel nach rechts wandert. Für etwas mehr emotionale Unterfütterung empfiehlt sich der Sport-Modus (der dritte neben "Normal" und "Green"), der bei jedem Gaslupfer rabbiateste Brabbel-, Knall- und Peng-Laute durch die beiden Auspuffrohre jagt. Außerdem unterstützt er mit einer ordentlichen Prise Zwischengas bei jedem Runterschalten. Sollten Sie also in letzter Zeit häufiger Ihr Hacke-Spitze-Traning geschwänzt haben, hilft Ihnen der JCW gerne aus der Patsche. Adaptive Dämpfer? Nehmen! Für die meisten JCW-Interessenten (beim Cabrio macht das Top-Modell immerhin fünf Prozent des Geamtanteils aus) dürfte aber auch das Verhalten in der Kurve nicht ganz unwichtig sein. Wie der Dreitürer erhält auch das Cabrio eine etwas handfestere Fahrwerksabstimmung, eine Vier-Kolben-Festsattelbremse von Brembo und serienmäßige 17-Zöller mit 205er-Reifen. Wer sich für das adaptive Fahrwerk entscheidet, kriegt im Normal-Modus in etwa die Straffheit und Verbindlichkeit, die der Cooper S im Sport-Modus an den Tag legt. Zumindest meiner bescheidenen Meinung nach sind die überschaubaren 500 Euro für die elektronischen Dämpfer gut angelegtes Geld. Die Spreitzung zwischen dem gut bekömmlichen Normal- und dem recht krossen Sport-Modus ist hier wirklich deutlich spürbar. Außerdem ist das normale, nicht einstellbare Serien-Sportfahrwerk auf Dauer vielleicht doch etwas zu rabaukenhaft unterwegs. Es fehlt etwas Biss Gerade auf kleinen Land- oder Bergstraßen, die ihre besten Tage schon weit hinter sich haben, macht der entspanntere Normalmodus Sinn. Das John Cooper Works Cabrio fließt dann einfach besser, ohne gravierend an Schärfe einzubüßen. Was die Schärfe selbst betrifft, bugsiert mich der offene Über-Mini hingegen in einen kleinen Zwiespalt. Ich weiß, er ist ein Cabrio und ich weiß, dass sowas mehr Gewicht und generelle Gelassenheit mit sich bringt. Aber dieses Hyperagile, dieses "Der lenkt schon, bevor ich nur lenken gedacht habe", das fehlt hier ein wenig. Im Sport-Modus, wo die Lenkung fester und der Works merklich straffer wird, ist es besser, aber nach wie vor nicht perfekt.
Eigentlich hochtalentiert Etwas mehr Biss beim Einlenken und generell etwas mehr Kommunikation zwischen Lenkrad und Straße könnten helfen. Auch die schmalen 205er-Reifen (selbst mit den optionalen 18-Zöllern kriegt man nur 20,5 Zentimeter Gummi) sind wohl nicht unbedingt die Bestbesetzung, um an der Vorderachse richtig Feuer zu entfachen. All das klingt letztlich schlimmer, als es wirklich ist und wird wohl nur sehr ambitionierten Fahrern auffallen. Mich ärgerte es eben ein wenig, gerade weil der ganze Rest dieses Mini John Cooper Works Cabrios so hochveranlagt und irre gut ausbalanciert daherkommt. In der Kurve lässt sich das Auto herrlich spielerisch und narrensicher justieren, sprich: Auch hier schärft das Heck die Linie ganz gerne selbst und schwingt schön mit, ohne gleich die blanke Panik ausbrechen zu lassen. Und die größere Bremse ist auch hier eine brachial zupackende, gut zu dosierende Wucht. Keine Cabrio-Krankheit Darüber hinaus hat das John Cooper Works Cabrio natürlich all die noblen Annehmlichkeiten zu bieten, die bereits das normale Mini-Cabrio so klassenlos machen. Das hervorragend gedämmte Verdeck öffnet und schließt rein elektrisch in 18 Sekunden (bis 30 km/h) und hat eine Art Schiebedachfunktion - falls man sich nicht so ganz sicher ist, wie viel Verwirbelung das eigene Haar gerade verträgt. Allerdings ist das Haupt mit dem optionalen Windschott auch offen sehr gut geschützt und selbst auf den teils beschämend schlechten toskanischen Straßen zeigte sich der offene Works absolut klapper- und verwindungsresistent. Gehen Sie mal davon aus, dass Sie nach wie vor keinen ausgedehnten Familienurlaub in Angriff nehmen sollten, aber natürlich profitiert auch der Works von der Größenexplosion der dritten Cabrio-Generation. 160 bis 215 Liter Kofferraum reichen mit etwas Faltkunst immerhin für zwei mittelgroße Reisekoffer. Boxengasse meets Boutiqe Es ist schon immer noch eine ziemlich einzigartige Mixtur, die Mini mit dem John Cooper Works Cabrio auf wohlsituierte Kompakt-Frischluft-Fans loslässt. Irgendwo zwischen Formel-1-Vip-Lounge und Privat-Highschool in Beverly Hills. Das todschicke, rot-schwarze Cockpit mit seinen absolut großartigen Schalensitzen und dem lächerlich kleinen Drehzahlmesser wirkt ein bisschen, als hätten Heidi und ihre Topmodels ein Rennwagen-Interieur designt, aber alles sitzt, passt und bedient sich prächtig. Zudem gibt es diverse Extras, die man in dieser Klasse sonst absolut vergeblich sucht. Ein Head-up-Display zum Beispiel, die komplette Armada an topaktuellen Assistenzsystemen oder - hier wären wir dann wieder bei Heidi und den Girls - ein ins Stoffdach eingewebter Union Jack. Dass der ganze Spaß seinen Preis hat, können Sie sich wahrscheinlich denken. Im vorliegenden Fall sind es mindestens 33.500 Euro. Immerhin gibt es LED-Scheinwerfer, Klima und Parkpiepser serienmäßig. Ob das 192 PS starke Mini Cooper S Cabrio wirklich 6.000 Euro schlechter ist, müssen Sie wie so oft selbst entscheiden. Fahrdynamisch sind die Unterschiede wohl geringer, als man vermuten würde. Den Boxengasse-meets-Luxusboutiqe-Charme kriegt aber wohl keiner besser hin als der offene John Cooper Works.
Technische Daten
Antrieb:Vorderradantrieb
Anzahl Gänge:6
Getriebe:Schaltgetriebe
Motor Bauart:Reihenmotor, Turbo
Hubraum:1.998
Anzahl Ventile:4
Anzahl Zylinder:4
Leistung:170 kW (231 PS) bei UPM
Drehmoment:320 Nm bei 1.250-4.800 UPM
Preis
Neupreis: 33.500 € (Stand: Mai 2016)
Fazit
Das neue Mini John Cooper Works Cabrio mag nicht ganz so zackig und kompromisslos sein, wie man das von einem Auto mit JCW-Logo vielleicht erwartet hätte. Aber es ist ein sehr schnelles, sehr stabiles, sehr luxuriöses und nach wie vor sehr fahrdynamisches kleines Cabrio, das offen wie geschlossen einen sehr reifen, erwachsenen Eindruck hinterlässt. Die tolle Qualität, das starke Aggregat und die noble Ausstattung lässt sich Mini aber auch fürstlich bezahlen. + sehr durchzugsstarker Motor, gieriger Sound, gute Fahrdynamik, sehr hohe Qualität - könnte etwas zackiger sein; schlechte Sicht nach hinten; hoher Preis
Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-news, 2016-05-01

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