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Testbericht

Sebastian Viehmann, 14. Juni 2008
Kork und Sushi verbindet man nicht unbedingt mit Mercedes. Der F 700 zeigt, wie sich die nächste S-Klasse anfühlen könnte – und sich mit Diesotto-Vierzylinder und vorausschauenden Stoßdämpfern fahren wird.

Wenn so die Zukunft des Autofahrens aussieht, muss einem nicht bange werden: Zwei Türen schwingen sanft auf, die aktive Federung hebt den Wagen zum bequemen Einstieg leicht an. Man gleitet in den körperbetonten Sessel des Passagierabteils, in dem man seinem Nachbarn schräg gegenüber sitzt. Eine edle, aber gemütliche Landschaft aus Leder und Kork-Zierleisten breitet sich vor den Fahrgästen aus. Eine Konsole trennt die beiden elektrisch verstellbaren Sitze voneinander. Wenn man das mit Kork bezogene Konsolen-Fach öffnet, kommt darunter eine gekühlte Sushi-Bar zum Vorschein.

Vor dem zweiten Sitz befindet sich ein großer 3D-Bildschirm. Die Fernbedienung dafür klemmt magnetisch an der Deckenkonsole. Das ist die Daimler-Welt von morgen – zumindest eine Vision davon. Der F 700 mag kontrovers gestylt sein - seine Technik wird nach und nach Einzug in Serienmodelle halten.

Unter der Haube steckt kein handelsüblicher Benziner oder Diesel, sondern ein Diesotto-Hybridantrieb. Das Aggregat soll, unterstützt von einem Elektromotor, die Vorteile von Diesel und Benziner vereinen. Beim Start und bei Volllast wird das Benzin-Luft-Gemisch wie bei einem normalen Ottomotor per Zündkerze zur Explosion gebracht. Im Teillastbereich bei niedrigen und mittleren Drehzahlen tritt dagegen die Raumzündung in Aktion. Das heißt: Das Gemisch aus Kraftstoff und komprimierter Luft entzündet sich wie beim Diesel von selbst. Die Verbrennung ohne Zündkerze ist zum einen sparsamer. Zum anderen entstehen bei der Raumzündverbrennung kaum noch Stickoxide. Beim Start und bei Volllast müssen wie bei einem normalen Benziner die Zündkerzen nachhelfen.

In einer S-Klasse konnte man den Diesotto bereits Probe fahren. Aus 1,8 Litern Hubraum holt der Reihenvierzylinder mit Turboaufladung 238 PS. Dazu kommen die 20 PS des Hybridmoduls. Es handelt sich um einen Mild Hybrid – der Elektromotor unterstützt den Benziner, rein elektrisch fahren kann der Wagen nicht. Der kleine Vierzylinder zieht kraftvoll an, aber man vermisst bei einer S-Klasse natürlich das satte Motorengeräusch des Achtzylinders. Hier dürfte sich eine Spielwiese für Sound-Designer auftun.

Die Siebengang-Automatik schaltet zum Teil noch etwas träge. "Da sind wir noch beim Feintuning", sagt ein Daimler-Entwickler. Der Diesotto soll den Wagen in 7,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigen und im Schnitt nur 5,3 Liter Benzin verbrauchen. Bei 200 km/h wird im F 700 elektronisch abgeregelt. Der Motor würde schon jetzt die voraussichtlich ab 2014 geltende Abgasnorm EU 6 erfüllen, sagt Mercedes.

An Bord des F 700 ist auch das "Prescan-Fahrwerk". In den Scheinwerfern befinden sich zwei Laserscanner. "Die unsichtbaren Strahlen werden über ein Spiegelsystem aufgefächert und tasten in einem Bereich zwischen 1 und 7 Meter vor dem Auto ständig die Fahrbahn ab", erklärt Entwickler Ralph Streiter das Prinzip. Ein Computer misst die Zeit, die der Laser dafür braucht, und errechnet so ein millimetergenaues Bodenprofil der Fahrbahn. Mit den Daten wird das elektrohydraulische Fahrwerk "Active Body Control" gefüttert, das es bereits in der aktuellen S-Klasse gibt. Die elektronische Regelung verstellt die Dämpfer, um schon vor einer Bodenwelle den maximalen Federungskomfort bereitzustellen.

Erfahren konnte man das System bislang in einem S-Klasse-Versuchsfahrzeug auf einem kleinen Testparcours. Dort immerhin ist das Ergebnis beeindruckend: Mit etwa 20 km/h rollt der Wagen auf zwei kleine Metallrampen zu. Ohne Pre-Scan fährt der Wagen zwar nicht unkomfortabel, aber mit einem spürbaren Rumpler über die Rampe. Mit aktiviertem Pre-Scan nimmt der Wagen deutlich sanfter das Hindernis - als würde ein Luftkissenboot darüber hinweg gleiten. Im Daimler-internen Sprachgebrauch wird das System "der fliegende Teppich" genannt. Der Teppich bestand bei einer Demonstration sogar den Weinglas-Test: Das Glas steht auf dem Dach der weinroten S-Klasse - und bei langsamer Fahrt über die Rampe schwappt nichts über.

"Pre-Scan arbeitet bis etwa 150 km/h und bringt selbst bei winzigen Unebenheiten einen besseren Fahrkomfort", sagt Ralph Streiter. Ob das auch für eine normale Straße oder eine Schotterpiste zutrifft, lässt sich freilich noch nicht beurteilen. Wann Pre-Scan serienreif ist, ist auch unklar. Ein paar Hindernisse gilt es noch zu überwinden. Bei Regen und Pfützen etwa habe das Laser-System Probleme, gibt ein Entwickler zu. Während die Daimler-Forscher die einzelnen Komponenten in verschiedenen Fahrzeugen eifrig testen, wird der F 700, der alle Systeme an Bord hat, wie ein rohes Ei behandelt. Denn für schnelle Kurven ist die schicke Zukunftsvision nicht gedacht – sogar die Felgen sind gefräste Einzelstücke und erlauben kein hohes Tempo.

Quelle: Autoplenum, 2008-06-14

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