Testbericht

24. Juli 2006
München, 25. Juli 2006 – Sie sind wie Undercover-Agenten, die im biederen Anzug eines Büroangestellten auftreten: Kompaktwagen mit starken Motoren. Auch wenn sie sich im Detail natürlich von den zivilen Varianten unterscheiden – ganz verleugnen können sie ihre Herkunft aus der Massenproduktion nicht. Und es hat ja auch sein Gutes, dass man bei der Produktion zumindest zum Teil auf günstige Standardteile zurückgreifen kann.

Zwei Sechszylinder, ein Vierzylinder Wir haben drei Boliden für Sie getestet. Der stärkste ist der BMW 130i mit 265 PS und sechs Zylindern. Ebenso von sechs Töpfen befeuert wird der 250 PS starke VW Golf R32, den wir in der Version mit dem Doppelkupplungsgetriebe DSG getestet haben. Der einzige Vierzylinder im Feld ist der Renault Mégane Sport, der mit seinem Turbolader auf 224 PS kommt. Von der Leistung her liegen die drei Testkandidaten auf dem Niveau von echten Sportlern – wie etwa dem Porsche Cayman, der 245 PS bringt. Die Preise sind mit etwa 24.000 bis 34.000 Euro im Vergleich zu reinrassigen Sportwagen aber noch recht gemäßigt. So kostet der Porsche Cayman rund 10.000 Euro mehr.

MOTOR / GETRIEBE In puncto Motor sind sich das Topmodell der BMW-1er-Baureihe und das kompakte Spitzenmodell aus Wolfsburg einigermaßen ähnlich. Zwar besitzt der BMW einen Reihensechszylinder, während der Golf von einem V-Motor angetrieben wird. Doch hat der R32-Motor einen kleinen Zylinderwinkel von nur 15 Grad. Der 130i besitzt eine Nockenwellenverstellung auf der Ein- und Auslassseite (Bi-Vanos) und einen vollvariablen Ventiltrieb (Valvetronic). Auch der VW hat eine doppelte Nockenwellenverstellung, der Ventiltrieb ist allerdings konventionell ausgelegt.

VW kaum langsamer als BMW Auch bei den Fahrleistungen liegen die zwei Konkurrenten dicht beieinander. Mit seinen 265 PS beschleunigt der Münchner in 6,1 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht maximal 250 km/h. Der 15 PS schwächere R32 braucht für den Spurt nur eine Zehntelsekunde mehr, und auch die Spitze liegt nur um zwei Stundenkilometer niedriger. Doch ist der R32 auf 100 Kilometer immerhin etwa einen halben Liter durstiger als der starke Kompakt-BMW.

Schwächerer Turbo-Vierzylinder Deutlich schwächer als unsere beiden Sechszylinder ist mit 224 PS der Turbo-Vierzylinder im Mégane. Wie die deutsche Konkurrenz hat der 2.0 16V Sport – so lautet der komplette Name – eine variable Steuerung der Nockenwelle, jedoch nur auf der Einlassseite. Eine Besonderheit ist die Wasserkühlung für den Turbolader sowie zwei Abgaskanäle. Mit diesem Motor spurtet der Franzose in 6,5 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht maximal 236 km/h.

Nicht ganz so viel Schwungspaß Wie die beiden Sechszylinder beschleunigt der Turbo schon bei niedrigen Drehzahlen gut. Ganz so viel Schwung­spaß wie die stärkeren Modelle bietet der Mégane aber nicht. Punkten kann der Motor beim Verbrauch, der mit 8,8 Litern am niedrigsten liegt. Dass die Autos im Alltag mehr benötigen, war klar, denn wer mit solchen Rennern unterwegs ist, fährt eben selten Sprit sparend. Bei unseren Testfahrten brauchte der BMW mit 9,2 Litern auf 100 Kilometer am wenigsten. Zweiter wurde der Renault Mégane mit 11,8 Litern, während der Golf mit 14,0 Litern richtig durstig war.

DSG oder Handschaltung Unser Golf war mit dem Doppelkupplungsgetriebe DSG ausgerüstet. Doch daran kann die Schluckfreudigkeit des VW nicht liegen. Denn die Schaltbox sieht zwar für den Fahrer wie eine Automatik aus, doch ist sie sparsamer. Die DSG-Version verbraucht laut VW sogar einen vollen Liter weniger als die Variante mit dem serienmäßigen Sechsgang-Schaltgetriebe. Damit könnte sich das 1.750 Euro teure DSG sogar rein ökonomisch betrachtet rentieren.

Schwergängige BMW-Schaltung Unsere Testkandidaten von BMW und Renault sind mit Sechsgang-Schaltung ausgerüstet. Beim 130i fiel der etwas schwergängige und zum Teil sogar leicht hakelnde Hebel auf, während die Schaltung des Mégane okay war. Den Renault gibt es ausschließlich mit Handschaltung. Dagegen kann man den 130i auch mit einer Sechsgang-Automatik und Schaltwippen bestellen.

Allradler, Heck- und Fronttriebler Ein Grund für den hohen Verbrauch des Golf ist der Allradantrieb. Denn der R32 wird serienmäßig mit Vierradantrieb geliefert, wogegen der BMW über die Hinterachse und der Renault über die Vorderachse Gas gibt. So hat der Golf mit Abstand die beste Traktion: Gas voll durchdrücken und basta, heißt hier die Devise. Dagegen muss man die anderen Testlinge beim Antritt etwas sorgsamer behandeln. Besonders beim Mégane drehen schon mal die Räder durch – vor allem beim Anfahren auf nasser Fahrbahn.

Toller Sound Neben dem Beschleunigungsgefühl macht in erster Linie der Sound das Sprinten schön. Am faszinierendsten ist der Klang bei den beiden Sechszylindern. Dunkel und rau, macht hier schon die Akustik das Fahren zum Erlebnis. Besonders fällt das auf, wenn man die Fenster herunterlässt. Gegen diese beiden Soundwunder fällt der Mégane mit seinem zivilen Ton doch deutlich ab.

FAHRWERK / LENKUNG Auch beim Fahrwerk liegt der Mégane Sport hinter seinen beiden Konkurrenten zurück. Der R32 und der im Test mit dem optionalen M-Sportfahrwerk ausgerüstete Einser sind richtig bretthart, wobei uns das BMW-Fahrwerk in der Kurve noch einen Tick besser vorkam als der ebenfalls sehr gute Wolfsburger Fahruntersatz. Beim Golf fiel außerdem auf, dass das Antischleudersystem ESP recht früh eingreift – sogar bei hohem Tempo auf der Autobahn. Das sportlich-harte Fahrwerk von VW und BMW bewährt sich da, wo Sportwagen in ihrem Element sind: auf der Landstraße. Dort ermöglicht es erstaunlich hohe Geschwindigkeiten in Biegungen und verhindert, dass das Auto beim Kurvenkratzen nach außen wankt.

Schlecht für Autobahnfahrt Allerdings nerven die ständigen Erschütterungen auf die Dauer, wenn man länger geradeaus fährt. Dies trifft vor allem auf den Golf, aber in geringerem Maße auch auf den Einser zu. Mit dem Renault kann man weniger schnell in die Kurve fahren – sogar in der von uns getesteten Sport-Auto-Edition mit strafferem Fahrwerk. Dafür freundet man sich auf langen Autobahnfahrten gerne mit dem komfortabler abgestimmten Mégane an.

Golf mit bester Lenkung Bei der Lenkung gefiel uns der R32 am besten: Sie ist nicht nur schön direkt, was gut zu einem sportlichen Fahrzeug passt. Sondern sie wird auch kaum von Fahrbahneinflüssen beeindruckt. Sowohl beim BMW wie auch beim Renault traten dagegen deutliche Lenkprobleme auf unebenem Grund auf – und zwar auch dann, wenn die Autos beschleunigungslos dahinrollten. Ein Einfluss des Antriebs scheidet daher als Grund für diese Unzulänglichkeit aus. Vor allem die Lenkung des BMW folgt willig jeder Rille in der Fahrbahn; außerdem ist sie für unseren Geschmack zu schwergängig. Auch die Vorderräder des Mégane lassen sich durch Fahrbahnunebenheiten leicht aus der Spur bringen.

INNENRAUM / PLATZ Dass sportliche Autos innen anders aussehen müssen als 75-PS-Einstiegsmodelle, ist klar. Die Hersteller sehen das genauso, und deshalb bieten alle drei Fahrzeuge eine schöne Cockpit-Optik und edles Instrumentendesign. Ein wenig unpraktisch erscheint allerdings – zumindest dem Anfänger – das iDrive-Bediensystem des BMW. Wer sich in den Tiefen des Menüsystems nicht genau auskennt, hat Schwierigkeiten, zum Beispiel den Radiosender zu wechseln oder die Klangeinstellungen zu finden.

R32 mit harten Schalensitzen Wesentlicher sind für sportliche Fahrzeuge gute Sitze mit viel Seitenhalt. Denn wenn Motor und Fahrwerk hohe Kurvengeschwindigkeiten ermöglichen, sollten die Möbel mitmachen. In diesem Punkt sind alle drei Autos zu loben. Der getestete R32 geht aber mit den optionalen Schalensitzen zu weit: Sie geben zwar den Insassen extremen Seitenhalt, sind aber hart und wenig komfortabel sowie für viele Hinterteile schlicht und einfach zu schmal. Hier gefallen die Sitze im Mégane und im Einser deutlich besser.

Golf: Am meisten Platz im Fond Auch wenn bei sportlichen Fahrzeugen die Transportfähigkeit nicht im Mittelpunkt steht – einen Blick darauf wollen wir auch bei unseren Boliden werfen. Der R32 und der Mégane sind sowohl als Drei- als auch als Fünftürer bestellbar, doch der 130i ist bislang nur als Fünftürer erhältlich. Wer Kinder hat, kann immerhin bei allen drei Autos die Kleinen hinten einsteigen lassen. Auch Platz hat der Nachwuchs bei allen Testlingen, und doch gibt es große Unterschiede. Die Kniefreiheit im Fond ist klar beim Golf am besten. Beim Einser und beim Mégane enttäuscht der rückwärtige Sitzkomfort dagegen – er bleibt auf Kleinwagenniveau.

Störende Kante beim Mégane Der Kofferraum ist bei Golf und Einser sehr gut nutzbar: Hier ergibt sich nach dem Umklappen der Fondsitze eine leidlich ebene Ladefläche. Beim Mégane dagegen stören die umgeklappten Sitze beim Hineinschieben von Transportgut. Außerdem fallen hier die wackelig befestigten Sitzpolster auf. Vor dem Sitz-Umklappen müssen hier außerdem in der Regel die Vordersitze nach vorn gerückt werden. Beim Kofferraumvolumen liegen alle drei Modelle nah beieinander.

AUSSTATTUNG / PREISE Bis hierher hat uns der Mégane im Vergleich am wenigsten überzeugt. Beim Blick in die Preisliste relativiert sich das. Denn während man für R32 und 130i über 30.000 Euro hinlegen muss, ist der Franzose als Fünftürer schon für 24.700 Euro zu haben. Für den stets fünftürigen Kompaktrenner aus München bezahlt man 32.750 Euro. Unser Testwagen war mit dem M-Sportpaket für 2.100 Euro ausgestattet – zusammen kommt man auf 34.850 Euro. Beim R32 muss man für die DSG-Version des Fünftürers 34.975 Euro bezahlen.

Üppige Ausstattung Die Ausstattung ist bei allen drei Modellen recht üppig. Sechs Airbags und ESP sind bei allen drei Autos Serie. In puncto Komfort gehört neben elektrischen Fensterhebern, elektrisch einstellbaren Außenspiegeln und Zentralverriegelung mit Fernbedienung auch ein CD-Radio bei allen drei Testfahrzeugen zum Standard. BMW und Renault besitzen außerdem eine Klimaanlage, während es beim VW sogar eine Klimaautomatik ist.

18-Zöller am Golf R32 Zur Serienoptik gehören bei allen drei Autos Aluräder, wobei der R32 als einziger 18-Zöller hat, die anderen rollen auf 17-Zoll-Rädern. Der VW besitzt wie der Renault eine Scheibenwischer- und Lichtautomatik – bei BMW kostet das Aufpreis. Insgesamt braucht sich der Mégane bei der Ausstattung nicht hinter den Konkurrenten zu verstecken. Und das, obwohl er ja mit Abstand das günstigste Fahrzeug im Test ist. Der Golf ist etwas besser ausgestattet als der BMW.

VW günstiger als BMW Damit ist der VW preislich günstiger als der BMW. Denn der R32 besitzt ja auch noch den teuren Allradantrieb sowie das ebenfalls nicht billige DSG. Wer genug Geld hat, dem legen wir deshalb den Top-Golf ans Herz. Aber auch der deutlich günstigere Mégane Sport ist ein gutes Angebot. (sl)
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Technische Daten
Anzahl Gänge:6
Getriebe:Schaltung
Motor Bauart:Otto-Reihenmotor
Hubraum:2.996
Anzahl Zylinder:6
Leistung:195 kW (265 PS) bei UPM
Drehmoment:315 Nm bei 2.500 UPM
Preis
Neupreis: 32.750 €
Fazit
Der Mégane reicht von der Motorleistung und vom Sound her nicht an die beiden anderen Testfahrzeuge heran. Auch beim Fahrwerk macht der Renault weniger Freude – außer bei langen Geradeausfahrten. 130i und R32 bieten deutlich mehr Fahrspaß. Ob einem das aber runde 10.000 Euro Aufpreis wert ist, hängt vom Bankkonto ab.

Die Entscheidung zwischen R32 und 130i fällt zugunsten des Wolfsburgers aus. Der Golf bietet am meisten, unter anderem durch den Allradantrieb.

Quelle: auto-news, 2006-07-24

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