Testbericht

automobil-magazin.de, 16. Februar 2010
Die Präsentation eines noch potenteren 3,0 Liter-Diesels dürfte so manchen XF Diesel-Fahrer der ersten Stunde kräftig geärgert haben. Zu recht. Fahrbericht: Jaguar XF 3.0 D.

Über die vollsouveräne Sechsgang-Automatik brandet das schwellgerische Drehmoment, 600 Newtonmeter, Welle für Welle. Beim Kaltstart genehmigt sich der S noch eine geschwinde Vorglühsekunde, lässt die sechs Kolben im Motorraum noch tief pochen, um darauf nur noch akustisch zudringlich zu reagieren, wenn die bulligen 275 Diesel-PS mit dem rechten Pedal – wegen der frühen Drehmomentfülle ziemlich unpassend – zum Ausdrehen genötigt werden. Ansonsten? Ein Hintergrund. Eine Welle. Ein Schub.

180 km/h und kein Ende. Der wie der alte, schon sehr überzeugende 2,7 Liter-Biturbo-D sehr effektiv aufladende neue 3,0 Liter-V6-Diesel drückt den 1,8 Tonnen schweren Jaguar hinweg kraftvoll durch den Wind. Schnellfahren – oft Stress – ist hier Genuss. Verlockend und unangestrengt, weil die Servolenkung (auch fern des direkteren „Dynamic“-Modus) mit hoher Verbindlichkeit agiert. Und souverän, weil das sportlichere „Diesel S Fahrwerk-Paket“ noch straffer und verbindlicher als im Basisdiesel ausfällt (245 PS), und die Winterreifen des Testwagens (Pirelli Sottozero) äußerst breit sind: 255/35er-Pneus an der Vorder- und 285/30er auf der Hinterachse - wupps.

Der erhebliche Niederquerschnitt gibt mancher Unebenheit ein Wort, die mit braveren Serienreifen sicherlich geschwiegen hätte, zaubert so manche Bodenunebenheit hervor, auf deren Zauber man in einer annährend fünf Meter langen Limousine gerne verzichtet hätte – sagt der Verstand, nicht das Auge: „Die Schuhe machen den Mann“, heißt es doch so schön. Die Schuhgröße 20 (20 Zoll) steht dem XF verdammt gut.
Wäre diese Leistungsgesellschaft nicht ESP-gesichert, würde sie, etwa bei Nässe, auf der Hinterachse barsch und unfromm auskeilen. Forcierte Haftreibung, die sich mit „S“ am Automatikregler und der Zielflaggenumzierten Dynamic-Taste (auf der Mittelkonsole) noch verstärken lässt.

Der Pilot dirigiert das Getriebe im M-Modus mit den Schaltwippen. Die Schaltstufen greifen schnell und strikt, die Getriebelogik genehmigt nun volles Ausdrehen, der Antrieb sich ein flottes Tausend U/min mehr. Die Servolenkung gewinnt an Direktheit und vorallem an Lenkwiderstand, den man vorher vielleicht noch etwas vermisst hat. Der wohl definierte Bremspedalwiderstand, das klare Ansprechen und die souveräne Umsetzung auf dem Asphalt passen gut zum Diesel S.

Die bequemen Sportsitze, mit mehr Seitenführung als die Seriensitze, sind eine gute Wahl, auch weil sich die Kopfstütze für mehr Bequemlichkeit und Sicherheit nach dem Druck auf den hübschen Chrombutton nah zum Kopf neigen lässt. Vor dem Bestellen sollte man als Sitzriese beachten, dass das optionale Glasschiebedach die entscheidenden Zentimeter Kopffreiheit kosten kann.
Köpfen hoher Erwachsener kann der Dachhimmel im Fond, als Nebeneffekt des lasziv dahin fließenden Karosserielinie (die auch die Kofferraumluke deutlich schmälert), ebenso recht nahe kommen. Das selten auftretende leichte Knistern im hinteren Teil des Dachhimmels (festgestellt bei Parkvorgängen über hohe Bordsteinkanten) und das erst aufgetretene, bis zum Testende aber wieder verschwundene Geräusch an der Scheibenwischeraufhängung gaben im 5.695 km jungen Testwagen ein eher unwillkommenes Begleitkonzert.

Das Kofferabteil, unter dem auch die Batterie sitzt, ist ausreichend voluminös und ein gutes Stück Variabilität ist dank der umlegbaren Rücksitzbank auch mit an Bord.
Im gleichen Maß erleichtern andere Details den Verkehr mit dem Verkehr: die Rückfahrkamera (die das unübersichtliche Heck entschärft) oder der Totwinkelassistent in beiden Außenspiegeln, dessen LEDs in den Spiegelgläsern mehr ins Auge fallen als die Lösung mit dem Warnsignal am Spiegelfuß im neuen BMW 5er.
Viele besondere Antworten auf das Thema obere Mittelklasse finden sich im Innenraum des XF: der pulsierende Start-Stopp-Button, die elektrisch öffnenden Lüftungslamellen, der aus der Mittelkonsole aufsteigende Automatik-Drehregler, die hypersensiblen Sensoren des Kartenlichts … Der Art Déco-Ansatz in Design und farbiger Hinterleuchtung räumt alles bei Jaguar bisher da gewesene mal ganz nonchalant, elegant wie cool beiseite. Und den mit dem Touchscreen schalterbefreiten Purismus des Interieurs wissen speziell jene Realisten zu schätzen, die eine Mittelkonsole mit zuvielen Schaltern und Knöpfen (wie im alten XJ) ergonomisch nicht wirklich überzeugt.

Aus Freude am Fahren? Der neue 3.0 D nimmt ein. Der Fahrer surft eine Drehmomentwelle mit enorm hohem Kamm. Mit Freude und ohne schlechtes Gewissen. 9,2 Liter nippt der Diesel S im Testbetrieb aus dem Tank, 7,2 Liter bei braver Fahrt mit Tempomat und 120 km/h. Das ist sogar etwas weniger als der alte und schwächere 2.7 D (9,6 l). Es gibt also wirklich nur einen Hauptgrund, sich über diesen XF Diesel zu ärgern: Es parkt schon einer in der Garage. Der alte.


(le)
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: automobilmagazin, 2010-02-16

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