Testbericht

5. Dezember 2003
Rovaniemi/Finnland, 5. Dezember 2003 – Einen Jaguar kann man als Kombi und mit Dieselmotor kaufen, Dieter Bohlen hat eine Anhängerkupplung am Ferrari und Porsche baut einen Geländewagen. Das sind keine Harald-Schmidt-Sprüche, sondern der Automobilbau im Wandel der Zeiten. Bleiben wir beim Beispiel Porsche: Bereits Ende der 60er-Jahre wich der Zuffenhausener Edelflitzer-Hersteller vom Weg ab, nur teure Sportwagen zu bauen und ließ in Zusammenarbeit mit Volkswagen den vergleichsweise billigen 914 entstehen.

924: Hausfrauen-Porsche Die Kunden in Europa mochten den 914 nicht, weil er eher ein VW als ein Porsche war. Dafür verkaufte er sich in Amerika gut. Auch das eher preiswerte Modell 924, das in den 70er-Jahren einem jüngeren Kundenkreis ermöglichen sollte, einen Sportwagen zu fahren, floppte am mangelnden Image. Der 924 wurde als „Hausfrauen-Porsche“ in die Ecke des Geschichts-Parkplatzes gestellt.

“Der läuft doch nicht!“ Als der SUV Cayenne angekündigt wurde, hatten die Zweifler wieder ihre große Stunde: „Der läuft doch nicht!“, hieß es. Doch der 450 PS starke Cayenne Turbo und sein kleinerer Bruder S mit 340 PS verkauften sich seit seiner Markteinführung im Dezember 2002 weltweit über 20.000-mal. Dabei ist Nordamerika der größte Markt, in Deutschland ist der große Allrad-Porsche in seinem Segment auf den hinteren Plätzen zu finden.

Jetzt V6 mit 250 PS Jetzt bietet Porsche für den Cayenne auch einen preiswerten 250 PS starken Sechszylinder-Motor an. Das 3,2 Liter große Aggregat stammt von Volkswagen und bekam starke Porsche-Gene eingepflanzt: Modifiziert wurden unter anderem der Ansaugtrakt und die Abgasanlage. Aus den zwei Rohren blubbert Porsche-Sound, der eigens für den Cayenne V6 komponiert wurde. Der Sechszylinder ermöglicht sportliche Fahrwerte: 9,1 Sekunden auf Hundert und Tempo 214 Spitze.

Renn-Tier auf Schnee und Eis Doch seine eigentlichen Trümpfe will der Offroader dort ausspielen, wo andere hilflos mit den Rädern wirbeln: Auf Schnee, Eis und Schlamm soll die Sportwagen-Wühlmaus zum Renn-Tier werden. Wir haben es bei 10 Grad Minus im finnischen Rovaniemi, der Heimat des Weihnachtsmannes, ausprobiert.

Traktions-Management Die erste Teststrecke führt kilometerlang durch tief verschneite Wälder. Der Weg hat eine eingefahrene Schneedecke und würde in einem normalen PKW, womöglich noch mit Heckantrieb, wohl ein ungutes Gefühl im Nacken verursachen. Der Cayenne V6 jedoch setzt sich forsch in Bewegung. Von einem Durchdrehen der Räder ist nichts zu spüren. Der Allrad-Antrieb Porsche Traction Management System (PTM) kontrolliert automatisch die Traktion jedes einzelnen Rades.

Kraft wird verteilt Im Normalfall werden die Vorderräder mit 62 Prozent und die Hinterräder mit 38 Prozent der Kraft beschickt. Drohen allerdings ein oder mehrere Räder durchzudrehen, wird das Drehmoment dorthin geleitet, wo es am dringendsten benötigt wird. Eine per Hand zuschaltbare elektronische Längssperre und eine optionale Hinterachs-Differenzialsperre ergänzen das Traktions-Management.

Technik packt im Notfall zu Einige Hundert Meter nach dem Start kommt die erste Bewährungsprobe für Fahrer und Technik: Eine Herde Rentiere muss wohl dringend zum Santa Claus und wechselt plötzlich über die Straße. Eine Vollbremsung rettet die Zugtiere des Weihnachtsmannes und auch das Blechkleid des Cayenne. Der Wagen bleibt trotz vollem Krafteinsatz beim Bremsen sauber in der Spur und kommt nach relativ kurzer Zeit zum Stehen. Nur am metallischen Poltern an der Vorderachse ist zu hören, dass ABS und Stabilitäts-Management in diesem Fall wirklich massiv eingreifen.

V6: Durchzugsstarker Motor Auf Asphalt zeigen sich die Durchzugsqualitäten des 250 PS starken Sechszylindermotors. Die Maschine zieht sauber und stark von unten hoch, die Kraft von 310 Newtonmetern ist bereits bei 2.500 Umdrehungen nachhaltig zur Stelle. Das maximale Drehmoment liegt bis 5.500 Umdrehungen an. Für Zwischenspurts ist genug Kraft vorhanden. Dabei gibt sich der Motor von der Geräuschentwicklung her eher dezent als vordergründig.

Neues Sechsgang-Schaltgetriebe Ein neues Sechsgang-Schaltgetriebe mit langen, aber knackig-exakten Schaltwegen überträgt die Kraft auf die Antriebe. Auf Wunsch gibt es eine sechsstufige Tiptronic. Den Verbrauch geben die Stuttgarter mit durchschnittlich 13,2 Litern für den Schalter und 13,5 Liter für die Tiptronic an.

Können zeigen auf der Teststrecke Auf dem Gelände des Arctic Driving Center, einem verschneiten Testgelände in Finnland, darf der Cayenne zeigen, was in ihm steckt. Im normalen Fahrbetrieb wird der SUV eher selten die Gelegenheit haben, dieses Potenzial auszuspielen.

Anfahr-Assistent für Berge Beim Anfahren am Berg, der Angstnummer jedes Führerschein-Frischlings, zeigt sich eine Neuerung: Der „Porsche Drive-Off Assistent“ (PDAO) verhindert, ähnlich einem „Hillholder“ beim Automatikgetriebe, ein Zurückrollen des Cayenne. Wenn der Motor läuft, ein Vorwärtsgang eingelegt ist und der Fahrer den Fuß von der Bremse nimmt oder die Handbremse löst, hält der Assistent solange den Bremsdruck, bis eingekuppelt ist. Wird der Anfahrvorgang unterbrochen, erhöht sich der Bremsdruck sofort wieder.

Hilfreiche Technik Auf dem Rundkurs im Testgelände, beim Slalomfahren, beim Driften im Kreisel und einer leichten Geländestrecke zeigen sich die Vorzüge des mit hilfreicher Technik vollgepackten Cayenne. Besonders das „Porsche Stability Management System“ (PSM) hat gemeinsam mit der Traktionskontrolle alle Bremsen voll zu tun, um den Cayenne beim Schleudern durch Abbremsen einzelner Räder vorsichtig wieder zu stabilisieren.

Wie gut das gelingt, zeigt sich nach Abschalten der Stabilitätskontrolle im Kreisel: Der schwere Wagen gehorcht bedingungslos den Gesetzen der Fliehkraft und schleudert aus dem Kreis.

Naturgesetze nicht außer Kraft Doch trotz aller Sicherheitstechnik kann auch der Cayenne nicht die Grundlagen der Physik außer Kraft setzen. In unserem Test hieß das: Wenn man zu schnell in eine vereiste Kurve geht, kann auch die beste Elektronik nichts mehr ausrichten. Dass in unserem Fall nur der Beifahrer ausstieg um die umgefahrenen Pylonen wieder aufzustellen, ist dem Testkurs zu verdanken. Im Straßenverkehr kann dergleichen böse enden.

Ab 47.592 Euro Mit einem Preis von 47.592 Euro ist der Cayenne V6 nahezu ein Schnäppchen. Dazu kommt eine erstklassige Ausstattung, die sogar die Lederbezüge für das Cockpit und die Sitze, die Klimaanlage und ein CD-Radio mit Doppeltuner und zwölf Lautsprechern umfasst.

Der Cayenne S kostet immerhin 60.352 Euro und der Turbo ist ab 100.024 Euro zu haben. Der bauähnliche VW Touareg steht mit dem V6-Motor übrigens mit 39.950 Euro in der Liste, leistet aber auch nur 220 PS.

5.000 Stück im ersten Jahr Porsche plant, im ersten Geschäftsjahr weltweit 5.000 der Sechszylinder-SUV abzusetzen. Das Volumenmodell der Cayenne-Reihe soll der kleine Benziner jedoch nicht werden: Im letzten Jahr hatten 77 Prozent aller verkauften Gelände-Porsche ein S auf dem Rücken.

Wir dürfen gespannt sein, welche Ausführungen des Cayenne es noch geben wird. Porsche-Pressechef Anton Hunger: „Die Phantasie der Ingenieure ist mit diesen drei Varianten noch nicht erschöpft“.
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Technische Daten
Motor Bauart:V6, 24V, vier obenliegende Nockenwellen
Hubraum:3.189
Leistung:184 kW (250 PS) bei UPM
Drehmoment:310 Nm bei 2.500-5.500 UPM
Preis
Neupreis: 47.592 € (Stand: Dezember 2003)
Fazit
Mit den neuen Sechszylindermotor ist der Porsche Cayenne satt motorisiert. Zwar verleiht das Aggregat dem SUV keine Flügel, macht es aber für den normalen Straßenbetrieb zur ernsthaften Konkurrenz zu den wesentlich stärkeren (und viel teureren) Cayenne-Varianten.

Sein prall gefülltes Technik-Paket, das im Ernstfall helfend eingreifen kann, ist zudem ein weiterer Pluspunkt für die große Wühlmaus.

Ein entscheidendes Kaufargument aber dürfte der Preis sein: Mit seinen 47.592 ist er das zweitbilligste von derzeit 19 angebotenen Porsche-Modellen. Nur der Boxster liegt mit 42.256 Euro noch drunter. Aber der macht auf einer Schnee-Straße längst keine so gute Figur. (hd)

Quelle: auto-news, 2003-12-05

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