Testbericht

Stefan Grundhoff, 30. Juni 2015
Mini wagt einen Neustart. Mit dem sechstürigen Clubman soll für Mini die Briten ein neues Zeitalter beginnen. Statt Trend und Szene allein soll die kleine Markenschwester von BMW eine neue Ernsthaftigkeit bekommen.

An sich sollte die Mini-Veranstaltung im Herzen von London stattfinden. Doch die coolen Locations waren Monate vorher ausgebucht und so sattelte man kurzfristig auf Berlin um. Im Osten der Stadt sollte die Trendmarke unter dem Dach der BMW Group einen Neustart erleben - stilecht und cool im Osten der Stadt nur rund einen Kilometer von der Oberbaumbrücke entfernt in einer alten Teppichfabrik, die in den letzten Jahren schon eine Reihe von ungewöhnlichen Partys erlebt hat. Das düstere schwarz im Markenumfeld ist verschwunden. Neues Logo, neue Klarheit, neue Richtung. Aha! Ehe die Mini-Verantwortlichen mit dem Clubman das nächste Modellprunkstück entfesseln, unterstreicht Mini-Vorstand Peter Schwarzenbauer die Bedeutung von Marke, Modellen und Ausrichtung. "Wir öffnen uns für neue Ideen und neue Geschäftsfelder. Wir entwickeln das visuelle Erscheinungsbild der Marke weiter. Wir steigen in die Premium Kompaktklasse ein. Damit werden wir mehr Menschen zu begeisterten Fans der Marke machen. Ich bin überzeugt, dass wir mit der nun begonnenen umfassenden Neuausrichtung von Mini die einzigartige Erfolgsgeschichte der Marke fortschreiben werden."

Das Modellportfolio ist bereits gestrafft. Aus den ehemaligen Siebenlingen wird erst einmal ein sparsames Quintett. "Der neue Clubman ist einer dieser Superheroes, die wir brauchen", sagt Peter Schwarzenbauer. Der 4,25 Meter lange Sechstürer soll belegen, dass eine nie bekannte Produktsubstanz anrollt. Ging es bisher in erster Linie um Design, Fahrspaß und britischen Retrochic, so will sich Mini mehr denn je auch in der breiten Masse weiden, ohne dabei seine markigen Kernwerte zu verlieren. Ein schwieriges Unterfangen, doch unvermeidlich, wenn man nennenswert über jene rund 300.000 Verkäufe kommen will, die man zuletzt pro Jahr verwirklichte. Mehr Verkäufe mit weniger Modellen ist für die BMW Group dabei durchaus überraschender Weg. BMW, BMW Motorrad und auch Rolls-Royce gehen in höchst unterschiedlichen Dimensionen in andere Richtungen. Gerade BMW erntete in den letzten Jahren viel Kritik für das zunehmende Abwenden von den Kernkompetenzen Hinterradantrieb, Fahrspaß und Reihensechszylinder und das Öffnen der Marke für jedermann. Und auch wenn frische Kundengruppen strömen und deren Verkäufe in diesem Jahr wieder über die Zwei-Millionen-Marke drücken werden, fallen viele eingefleischte BMW-Fans beim polarisierenden Van-Doppelpack aus 2er Active und Grand Tourer, dem Grobklotz 5er GT sowie der zunehmenden Ausweitung von Drei- und Vierzylindermotoren vom Glauben ab.

Der Mini Clubman, in seiner ersten Generation ein ebenso witziger wie schicker, aber höchst unpraktischer Shooting Brake, soll die Marke mehr als jedes andere Mini Modell umkrempeln. Endlich einmal einer, der nicht nur mit Kurvenräuberei, maximaler Individualisierung und exzellenter Vernetzung seine urbanen Kunden lockt, sondern einer, der ernsthaft gegen VW Golf, Audi A3 Sportback oder Mercedes A-Klasse ankämpfen soll und intern natürlich auch den 1er BMW unter Druck setzt. Ein Komplettpaket an Fahrerassistenzsystemen, modernste Turbotriebwerke und Fahrspaß ohne Grenzen gab es im schicken Brit-Package bereits mit der F56er-Auflage des aktuellen Mini und der noch jungen fünftürigen Variante. Doch erstmals gibt es im variablen Clubman zufriedenstellende Platzverhältnisse, Komfortdetails wie elektrische Sitze, eine moderne Achtstufenautomatik und praktisch aufspringende Doppeltüren im Heck. Auch wenn allein zwei Benziner (136 und 192 PS) sowie ein 150 PS starker Dieselmotor den Anfang machen, wird das Motorenportfolio schnell nach oben und unten ausgeweitet. Im nächsten Jahr soll der Mini Clubman zudem mit einem optionalen Allradantrieb noch konkurrenzfähiger sein.

So wird der Clubman ab Herbst der neue Star der Mini-Familie. Die weiteren Superheroes: Dreitürer, Fünftürer, Cabrio und dann der neue Countryman. Für die Modelle Paceman, Coupé und Roadster gibt es zumindest erst einmal keine Zukunft, auch wenn Peter Schwarzenbauer ebenso wie Chefdesigner Anders Warming ohne große Zurückhaltung von einem hybriden Doppelsitzer träumen, wie er vergangenes Jahr am Comer See enthüllt wurde. Was bisher fehlt, ist die rechte Plattform und ein Geschäftsmodell. Denn die Roadster stehen abgesehen vom gerade neu aufgelegten Mazda MX-5 wie Blei in den weltweiten Verkaufsräumen. Ein scharfes Design dürfte für das Warming-Team kein Problem sein, wenn man sich die lässige 2014er-Studie des Mini Superleggera Vision anschaut. Doch ein echter Spaßroadster müsste ein Modell mit Hinterradantrieb sein und allzu gerne sollte er nach Mini-Ansicht dann noch über ein Hybridmodul verfügen. Große Ziele, die finanziell und mit entsprechenden Stückzahlen wohl nur kaum zu realisieren sind.

Ein Plug-In-Mini dürfte allenfalls im nächsten Mini Countryman darstellbar sein, der 2017 seine Premiere feiern wird. Der Countryman, von Magna in Graz produziert, hat sich mit jährlich mehr als 100.000 verkauften Modellen neben dem dreitürigen Kernmodell zur zweiten Säule des Portfolios gemacht. Vorher gibt es im kommenden Jahr die Neuauflage des insbesondere bei der Damenwelt beliebten Mini Cabrios. Was seit Jahren jedoch fehlt, sind weniger die lange Jahre im Gespräch befindlichen Van- oder Limousinen-Varianten sondern der Mikro-Mini. 2011 wurde auf dem Genfer Salon die viel beachtete Studie des Mini Rocketman gezeigt. Das 3,40 Meter lange Kleinstmobil, seinerzeit aus der Feder von Oliver Siegwart, hatte aber keine Plattform und ebenfalls kein Geschäftsmodell, weil die Einstiegspreise des normalen Minis bei knapp über 15.000 Euro beginnen. Auch die Kooperationsgespräche mit Toyota brachten bislang keine Rechenbasis. Doch vielleicht gibt es irgendwann noch einen Superheroe - einen ganz kleinen.

Quelle: press-inform, 2015-06-30

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