Testbericht

Wolfgang Gomoll, 14. Juni 2015
Nissans GT-R LM Nismo ist das extravaganteste Auto beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Das Batmobil setzt entgegen jeder Motorsportweisheit auf Frontantrieb. Hinter dem vermeintlichen Anachronismus steckt ein Kalkül, das auch den Serienfahrzeugen zugutekommen soll.

Der Audi Manager besteht darauf, anonym zu bleiben. Als ihm das Siegel der Verschwiegenheit garantiert wird, schmunzelt er: "Was Nissan in Le Mans macht, ist ein gewagtes Unternehmen." Das ist noch höflich ausgedrückt. Andere Experten lästern über "Frontkratzer, die als rollende Schikanen" dem Feld hinterherhecheln. Gemeint ist das Batmobil, der Nissan GT-R LM Nismo, das coolste Auto bei den 24 Stunden von Le Mans, aber sicher nicht das schnellste. Im Qualifying hinkte der schnellste Nissan 20 Sekunden hinter dem Poleposition-Porsche her. Selbst Teams wie Rebellion und Bykolles zeigten den Japanern die Hinterräder.

Die Kritiker sehen sich angesichts dieser Fakten bestätigt: Frontantrieb mag in der seriennahen WTCC-Serie funktionieren, aber nicht bei den Hightech-Boliden der LMP1. Nissan selbst ist sich der Lage durchaus bewusst: "Wir stehen am Anfang des Programms und sind hier, um Erfahrungen zu sammeln", sagt der technische Direktor Ben Bowlby und beharrt darauf, dass Nissan einen Plan hat, egal, was alle anderen denken. Die Idee dahinter ist zumindest nachvollziehbar: "Wir haben das Prinzip der anderen Autos auf den Kopf gestellt", erklärt Bowlby. Bei den Autos der LMP1 spielt die Aerodynamik eine große Rolle. Audi hat für das Rennen in Le Mans ein spezielles Aerodynamik-Paket konzipiert, dass rund 30 km/h mehr Top-Speed bringt.

Viel dieser Aerodynamik spielt sich im Heck ab, wo bei den Porsches und Audis der Motor sitzt. Das beschränkt die gestalterischen Freiheiten, während die Vorderräder vom Hybrid angetrieben werden. Der Nissan-Quattro funktioniert genau andersherum: Bei den Japanern befinden sich der Motor sowie die Rekuperation vorne und der E-Antrieb hinten, wo die meiste Traktion ist. Dieses Hybrid-Konzept soll in ähnlicher Form beim nächsten Krawall-Sportler Nissan GT-R für Fahrdynamik sorgen, die den Porsches wieder Angst und Schrecken einjagt. Der 3,8-Liter-Motor ist übrigens, technisch gesehen, ein Nachfolger des GTR-Triebwerks und wird wohl auch seinen Weg in den Sportwagen zurückfinden.

Aufgrund dieser Bauweise versprechen sich die Nissan-Ingenieure bei der LMP1 aerodynamische Vorteile, weil sie unter anderem in der Lage sind, Kanäle durch das Auto zu führen und so die Luft so zu leiten, um möglichst großen Abtrieb bei wenig Widerstand zu generieren. Das Problem ist, dass der elektrische Anteil des Hybrids nicht wie gewünscht funktioniert und die Nissan-Fahrer statt mit einem kräftigen Acht-Mejajoule-Hybrid-Mobil im Grunde mit einem reinen Frontriebler unterwegs sind und kein Land sehen.

Für Nissan-Werksfahrer Michael Krumm ist dieses Handicap kein großes Thema. Er kennt das Frontantriebs-Höchstgeschwindigkeitsagieren aus seiner Zeit bei den Tourenwagen, während der er einige Waffengänge mit Heckantrieblern absolviert und nicht wenige für sich entschieden hat. "Ein Frontantriebs-Auto ist nicht immer langsamer", erklärt der 45jährige. Bei Regen oder rutschigen Verhältnissen zieht das Konzept das Vehikel quasi durch das Schlamassel. Wichtig ist nur, dass man auf dem Gas bleibt. Unter Frontantriebs-Profis gilt die Regel: "when in doubt, flat out" (dt. wenn es eng wird, draufbleiben). Das bedeutet, wenn das Heck instabil wird, rauf aufs Gas um das Hinterteil wieder einzufangen.

Das Ganze muss natürlich mit Bedacht und sehr feinfühlig geschehen. Auch bei einem gutmütigen Frontriebler führt ein zu schwerer Gasfuss unweigerlich zum Kontakt mit der Leitplanke. Das bedeutet aber auch, dass man im Rennen, wie auf der Straße seinen Fahrstil umstellen muss. Tief in Kurven reinbremsen, wie das bei Vehikel mit Hinterradantrieb üblich ist, führt bei Fronttrieblern nicht immer zur schnellsten Rundenzeit. Hier heisst es frühzeitig bremsen und die Kurve gefühlvoll auf Zug, sprich feinem Gas, zu durcheilen. Mit dieser Taktik haben die Nissans in den Ecken bei Testfahrten auch mit den Top-Favoriten aus Ingolstadt und Zuffenhausen mithalten können. Beim Herausbeschleunigen fehlte dann aber die Traktion, die eigentlich der E-Motor auf die Hinterräder herstellen sollte. Aber die Japaner wollen an ihrem Konzept festhalten und den Favoriten nächstes Jahr einen heissen Kampf liefern. Bis dahin sind die Rad-an-Rad-Duelle des Nissan GT-R LM Nismo auf dem Circuit de la Sarthe ein Anschauungsunterricht für jeden Autofahrer, der mit Frontantrieb unterwegs ist.
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Quelle: press-inform, 2015-06-14

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