Testbericht

10. September 2014
Malaga (Spanien), 11. September 2014
Wir sind Weltmeister. Das sagen nicht nur deutsche Fußball-Fans, sondern auch Ford. Denn der Focus ist derzeit die meistverkaufte Pkw-Modellreihe der Welt: Alle 90 Sekunden läuft irgendwo ein Focus vom Band, in über 140 Märkten wird der Kompakte angeboten. Nummer Eins ist der Wagen in China, in Europa liegt er auf Rang zwei und selbst in den USA rangiert er auf dem fünften Platz. Aber ein globales Produkt zu sein, bringt auch Schwierigkeiten mit sich. Jede Region hat andere Vorlieben, was Design und Motoren betrifft. Umso gespannter sind nicht nur wir auf das üppige Lifting, was Ford dem Focus nach nur drei Jahren verpasst hat.

Kräftig umgekrempelt
Schon von außen wird klar, dass die Meckerei groß gewesen sein muss. Es ist kein Facelift, das man mit der Lupe suchen muss. Selbst stark Kurzsichtige erkennen auch ohne Brille, welch Hochbetrieb in der Designabteilung geherrscht hat. Wirkte die Frontpartie bislang irgendwie unfertig, sorgt die neue Nase für einen Wow-Effekt. Der verchromte Grill ist zum Glück nicht so monströs wie bei anderen Ford-Modellen, flankiert wird er von scharf geschnittenen Scheinwerfern. Ohne Übertreibung kann in dieser Hinsicht vom "Aston Martin des kleinen Mannes" gesprochen werden. Auch das Heck hat man in Köln (wo der Focus für die ganze Welt konzipiert wird) verbessert, die unharmonischen Spiegelei-Leuchten wurden verkleinert.

Praktische Lösungen
Unangetastet blieb das Platzangebot, schließlich gab es hier auch keinen Grund zur Klage. In den Kofferraum passen beim Fünftürer zwischen 316 und 1.215 Liter (mit Notrad), beim Turnier genannten Kombi sind es 476 bis 1.502 Liter. Sehr sympathisch sind die durchdachten Detaillösungen des Focus. So gibt es an der Heckklappe des Fünftürers jeweils links und rechts einen massiven Zuziehgriff. Unbedingt bestellen sollte man den 150 Euro teuren Türkantenschutz, bei dem sich nach dem Öffnen der Türen kleine Plastikleisten um die Kanten schmiegen. Warum ist da eigentlich noch kein anderer draufgekommen?


Weniger ist mehr

Die radikalste Focus-Änderung ist sofort nach dem Einsteigen zu bemerken. Nicht nur wir hatten beim bisherigen Modell das zerklüftete, mit Knöpfen übersäte Armaturenbrett mit Winz-Monitor scharf kritisiert. Aus, vorbei, Geschichte. Jetzt ist der Arbeitsplatz im Focus sowohl deutlich hochwertiger als auch um Meilen übersichtlicher. Zentraler Dreh- und Angelpunkt ist ein Acht-Zoll-Touchscreen (1.000 Euro Aufpreis, Serie ab Business), der in vier große Bereiche unterteilt ist: Telefon, Navigation (sofern vorhanden), Musik und Klimatisierung. Das hilft bei der intuitiven Bedienung, im Zweifelsfall hilft der Druck auf die Home-Taste. Besonders stolz ist Ford auf die verbesserte Sprachsteuerung, die gemeinsam mit Microsoft entwickelt wurde. Sagt man zum Beispiel "Ich habe Hunger", sucht das System Restaurants in der Nähe samt Rufnummer heraus. Fehlen eigentlich nur noch Befehle wie "Ich muss mal" oder "Ich habe Lust". Aber Spaß beiseite: Die Kommandierung der "Sync 2" genannten Technik funktioniert gut, man sollte sich aber die Zeit nehmen, die wichtigsten Befehle einzustudieren.

Geladene Gesellschaft
Noch gibt es kein Kommando "Motor anlassen", das muss man schon selbst tun. Beliebt sind bei den Kunden die kleinen Einliter-Turbobenziner mit 100 und 125 PS, auch wir können die Dreizylinder aus Erfahrung loben. Neu sind zwei aufgeladene 1,5-Liter-Benziner mit 150 und 182 PS und auch bei den Dieseln lösen 1.500er-Maschinen mit 95 oder 120 PS die alten 1,6-Liter-Aggregate ab. Lange Rede, kurzer Sinn: Die erste Testrunde erfolgt im Focus mit 182-PS-Benziner. Ein sehr laufruhiges Aggregat, das beim Ausdrehen nicht unangenehm kernig klingt. Leider sind Drehzahlen oft notwendig, denn unterhalb von 2.000 Touren kommt der vorläufige Ober-Otto (der ST folgt in Kürze) nicht so recht aus der Knete. So ist häufiges Herunterschalten notwendig, was mit dem knackig durch die Gassen gleitenden Knüppel wenigstens keine Strafe ist.

Lieber Diesel
Auch weil der starke 1,5-Liter-Otto mit Sicherheit nicht der Bestseller im Focus-Programm sein wird, werfen wir einen Blick auf die Diesel. Hier hat Ford zu Testzwecken leider nur den Zweiliter mit 150 PS mitgebracht. Doch was heißt hier leider? Schon nach kurzer Fahrt wird klar: Dieser Motor passt perfekt zur scharfen Optik des Facelift-Modells. Anders als manch TDI aus Wolfsburg verrichtet der Ford-Selbstzünder vom Start weg leise seine Arbeit. Etwas ungewohnt ist lediglich die lange Getriebeübersetzung. Schaltfaul fahren im höchsten Gang ist damit nicht drin, bei 50 km/h muss es noch der Vierte sein. Im Gegenzug liegen bei Tempo 130 nervenschonende 2.000 Touren an. Wer partout nicht selbst schalten mag, für den bietet Ford ein Doppelkupplungsgetriebe mit sechs Stufen an. Aufpreis: 1.750 Euro.

 
Vorzügliche Abstimmung
Bei Examensarbeiten gibt es gelegentlich den Notenzusatz "mit Prädikat": Das lässt sich auch für die Lenkung und das Fahrwerk des Focus sagen. Beide treffen einen vorzüglichen Kompromiss aus Komfort und Sportlichkeit. Sehr verbindlich lässt sich der kompakte Ford in Kurven beherrschen, während die Federung selbst grobe Unebenheiten wegsteckt. Hier zeigt sich: Eine gute Abstimmung macht eine Verstellbarkeit der Lenkkraft wie bei Hyundai oder adaptive Fahrwerke wie etwa das DCC von VW überflüssig.

Erste Hilfe
Ford lässt im neuen Focus eine ganze Horde an Assistenzsystemen auf die Kunden los. Einige sind bereits bekannt und wurden verbessert: So kann das Auto jetzt bei drohender Gefahr bis 50 km/h selbsttätig bremsen, während der Tempomat mit Abstandsregelung nun bis zu 200 Sachen aktiv ist. Mit im Angebot sind auch eine Verkehrszeichener-Erkennung, ein Totwinkelwarner und eine Einparkhilfe für Parklücken, die beim Herausfahren vor Querverkehr warnt. Eine typische Ford-Spezialität ist die beheizbare Frontscheibe mit ihren feinen Drähten.

Geringer Abstand
All das hat natürlich seinen Preis. Mehr als die Hälfte aller Focus-Käufer wählt die Topausstattung namens Titanium. Inklusive sind hier der Acht-Zoll-Touchscreen (aber nur mit Audiofunktion, Navigation kostet 300 Euro zusätzlich), eine Zweizonen-Klimaautomatik, ein Tempomat und 16-Zoll-Alus. Wer sich mit dem 100-PS-Benziner zufriedengibt, zahlt beim Fünftürer 22.060 Euro. Mit dem 150-PS-Diesel unter der Haube werden 26.810 Euro aufgerufen, der Turnier kostet exakt 800 Euro mehr. Natürlich darf der obligatorische Blick auf den Klassenprimus VW Golf nicht fehlen: Als Comfortline 2.0 TDI mit ebenfalls 150 PS und hinteren Türen kostet er 27.385 Euro, also 575 Euro mehr. Selbst vergleichen können Sie ab Oktober 2014, dann steht der neue Ford Focus beim Händler.
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Technische Daten
Antrieb:Frontantrieb
Anzahl Gänge:6
Getriebe:Schaltgetriebe
Motor Bauart:Diesel mit Common-Rail-Einspritzung
Hubraum:1.997
Anzahl Ventile:4
Anzahl Zylinder:4
Leistung:110 kW (150 PS) bei UPM
Drehmoment:370 Nm bei 2.000 - 3.250 UPM
Preis
Neupreis: 26.810 € (Stand: September 2014)
Fazit
Auch nach der Überarbeitung hat der Ford Focus gute Chancen, seinen WM-Titel zu verteidigen: Scharfe Optik, moderne Motoren und ein exzellentes Fahrverhalten bilden die Grundlage. Hinzu kommen moderne Assistenzsysteme, eine viel bessere Bedienung und clevere Lösungen im Detail. Ein Superschnäppchen ist der Focus zwar nicht, aber jeden Cent wert. Die einzige Frage, die offen bleibt: Warum soll man sich jetzt noch einen VW Golf kaufen? + exakte Lenkung, sehr gutes Fahrwerk, laufruhige Motoren - etwas unübersichtliche Ausstattungspolitik
Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-news, 2014-09-10

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