Testbericht

Stefan Grundhoff, 16. September 2013
Es lange gedauert, bis man bei AMG auf die Idee kam, sein PS-Protze mit einem Allradantrieb zu krönen. Wie überfällig das war, zeigt eine Ausfahrt mit dem neuen Mercedes S 63 AMG 4matic.

Der beginnende Herbst zeigt sich heute von seiner üblen Seite. Im deutschen Alpenvorland schüttet es wie aus Eimern. Noch vor Monaten hätte man kaum eine Chance gehabt, die opulente Motorleistung einer AMG-Limousine bei solchen Rahmenbedingungen artgerecht auf die Straße zu bekommen. Doch die Zeiten ändern sich. Der Mercedes E 63 AMG 4matic machte den Anfang. Auf seine Kombination aus 585 PS und Allradantrieb hatten die Kunden scheinbar sehnsüchtig gewartet. "Wir verkaufen unsere AMG-E-Klasse mittlerweile zu 90 Prozent mit Allradantrieb", erklärt der scheidende AMG-Chef Ola Källenius, "dass es so viele sind, hat auch uns überrascht." Was der E-Klasse mehr als gut tut, ist der neuen S-Klasse nur billig. Auch sie wird vom 430 kW / 585 PS starken V8-Doppelturbo mit 5,5 Litern Hubraum zu sportlichsten Höchstleistungen gekitzelt. Verpuffte die Motorleistung des mit 571 PS alles andere als schwächlichen Vorgängers bei rutschiger Fahrbahn, Schnee, Eis und Regen größtenteils im Nichts, so genießt der Fahrer beim S 63 AMG 4matic traumwandlerisch sicheren Vortrieb. Dauerregen im Chiemgau und Tirol? Kein Problem - selbst bei forscher Gangart.

Herausbeschleunigen aus dem Kreisverkehr oder das Abbiegen an einer Stoppstraße - um sich in dieser Liga von den Vorzügen eines Allradantriebs überzeugen zu können, muss man keinen Meter auf eine Rennstrecke fahren oder Rasen wie von der Tarantel gestochen. "Doch wir wollten kein Untersteuer-Monster", erläutert Ola Källenius, der zukünftige Daimler-Vertriebsvorstand, "wir machen bei AMG heckbetonte Autos. Daher haben wir die Kraftverteilung von 33:67 Prozent zugunsten der Hinterachse beibehalten." Das spürt man bei flotter Kurvenfahrt auf regennasser Fahrbahn nach kurzer Zeit. Trotzdem kann der Schwabe sein Gewicht von 2,1 Tonnen gerade bei diesen Witterungsverhältnissen nicht verheimlichen. Im Grenzbereich schiebt er munter über die Vorderräder.

Für das Fahrwerk stehen die Modi Komfort und Sport zur Verfügung. Eine dritte Stufe würde dem Mercedes S 63 AMG gut zu Gesicht stehen, könnte man die anderen beiden Abstimmungen dann weiter auseinander drücken. Die Lenkung lässt es zudem etwas an Feingefühl und Direktheit vermissen. Doch als kraftvoller Langstreckencruiser geht das komfortgeneigte Gesamtpaket mit Eilzuschlag in Ordnung. Entwicklungsleiter und zukünftiger AMG-Chef Tobias Moers: "Auch bei der Fahrdynamik macht der S 63 AMG einen deutlichen Sprung nach vorn - nicht zuletzt durch die Option mit dem Performance-orientierten Allradantrieb 4matic."

Der bullige Vortrieb des aufgeladenen Sternenkreuzers könnte imposanter kaum sein. Nach einem kleinen, aber spürbaren Turboloch donnert der unscheinbare Allradler los, als ginge es um Leben und Tod. 0 auf Tempo 100 in 4,0 Sekunden - schlicht beängstigend, wenn sich die vier Räder mit dem Asphalt verzahnen. Dazu gibt es auf Abruf bis zu 300 km/h Spitze und ein maximales Drehmoment von 900 Nm, das zwischen 2.2.50 und 3.750 U/min anliegt. Kaum weniger spektakulär: der Normverbrauch von 10,3 Litern. Die auf Wunsch erhältliche Version mit kurzem Radstand und Hinterradantrieb dürfte kaum Bedeutung im Markt haben. Nur er bietet aktuell das vorausschauende Fahrwerk, das Unebenheiten per Doppelkamera im Voraus erkennt und ausgleicht.

Der Klang der vierflutigen Auspuffanlage bollert Dank exzellenter Geräuschdämmung und Doppelglas irgendwo im Nirwana. Gerade im Sportprogramm könnte die aktuell stärkste S-Klasse mehr auf den Putz hauen. Dazu sind Klappenauspuffanlagen schließlich da. Optisch hält sich der Mercedes S 63 AMG abgesehen von größeren Lufteinlässen ebenso zurück und hebt sich nur unmerklich von den schwächeren S-Klassen ab. Im Innern sieht es kaum anders aus. Die Sitze passen vorne sowie hinten gleichermaßen perfekt und lassen sich so filigran verstellen, dann man hierfür die halbe Fahrstrecke zwischen München und Frankfurt nutzen könnte. Die kugelrunde Analoguhr in der Mittelkonsole mag trotz imageträchtigem IWC-Signet nicht in ein 150.000-Euro-Auto passen. Eine visuelle Beleidigung für jeden Uhrenliebhaber; egal ob dieser Rolex, IWC, Sinn, Audemars Piguet oder Jaeger-LeCoultre am Handgelenk bewegt. Dann schon lieber einen Blick auf die großen 12,3-Zoll-Displays, die das Armaturenbrett bilden. Alles gut im Blick - alles exzellent verarbeitet.

Braucht die Mercedes S-Klasse, aktuell unangefochten die beste Luxuslimousine der Welt, nun ein AMG-Triebwerk oder reicht auch das normale Programm, was sonst beim 111.443 Euro teuren S 500 mit 4matic und langem Radstand endet? Fahrdynamisch fehlt der 585 PS starken Doppelturbo und die bekannten AMG-Dreingaben niemandem. Der 455 PS starken 500er ist perfekt motorisiert und für die reale Jagd auf Landstraße oder Langstrecke gibt es wahrlich bessere Alternativen. Doch wer sich mit einem Mercedes oder sogar mit einer S-Klasse wirklich abheben möchte, der kommt am 152.617 Euro teuren S 63 AMG 4matic kaum vorbei. Der bietet eine souveräne Symbiose aus Langstreckenlimousine und Kraftpaket - endlich auch mit Allradantrieb.
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Quelle: press-inform, 2013-09-16

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