Testbericht

Stefan Grundhoff, 14. Januar 2012
Die neue Mercedes M-Klasse ist gerade erst ein paar Monate auf dem Markt, da legt AMG die bullige Sportversion ML 63 AMG nach. Unterwegs im Land der unbegrenzten Möglichkeiten – mit 557 PS.

Kaum zu glauben, dass man mit einer Mercedes M-Klasse noch auffallen kann. Und dann sogar im alternativ angehauchten Los-Angeles-Dörfchen Venice. Während in Europa immer wieder über mächtige PS-Protze die Nase gerümpft wird, sieht das nicht nur in Amerikas Öko-Vorzeigestaat Kalifornien ganz anders aus. Auch wenn die Straßen hier mit Toyota Prius, alten VW Bully und Volvo-Modellen überquellen, der dunkle ML 63 AMG ist ein Hingucker. Im Gegensatz zum zahmen Serien-Geländegänger mit Produktionsstandort Tuscaloosa / Alabama gibt es beim Topmodell die bekannten AMG-Zutaten: Schürzen, Schweller, dicke Backen mit mächtigen Rädern, eine vierflutige Aufpuffanlage und im Innern ein eindrucksvolles Lederornat – fertig ist der ML-Hammer.

Eine Diskussion über einen derart PS-starken Geländewagen muss man schon lange nicht mehr anstoßen. Die Nachfrage nach üppig dimensionierten Klettermaxen und Crossovern ist weltweit gigantisch. Kaum eine andere Fahrzeugklasse wächst in ähnlichem Ausmaß. Abheben kann man sich da allenfalls noch mit einem extravaganten SUV-Ableger wie dem BMW X6 oder eben einer leistungsstarken Sportversion. Hier geben BMW und Mercedes mit ihren Modellen der M GmbH und von AMG neben Porsche die Schlagzahl vor. Neuester Kraftprotz im Stall ist der Mercedes ML 63 AMG. Zwangsbeatmet von zwei Turboladern kennen dessen V8-Wutausbrüche im 5,5 Liter großen Brennraum kaum Grenzen. Untermalt wird der grandiose Vortrieb von einem trommelnden Stakkato, insbesondere wenn der Drehzahlmesser die 4.500 Touren erst einmal übersprungen hat. "Ich war zwischen Weihnachten und Neujahr mit einem ML 63 AMG im Winterurlaub in der Schweiz", plaudert AMG-Chef Ola Källenius aus dem Nähkästchen, "bei diesem Schnee kam auf über 2.000 Meter kein Auto mehr durch. Außer meinem ML 63 AMG – mit Ketten." Dem AMG-Mann sieht man die Begeisterung für das eigene Produkt an. Der Familienausflug in die Alpen war scheinbar überzeugender als jegliche Erprobungsfahrten auf der Rennstrecke.

Das neue AMG-Schlachtschiff wird sich für die meisten Kunden jedoch auf der Straße seine Meriten verdienen müssen. Mit Sportfahrwerk, Schwellern, Trittbretter und Race-Timer ist der 557 PS starke Achtzylinder jedoch kaum mehr ein echter Geländewagen, sondern ein Rennwagen. Wer sich für das optionale Performance-Paket entscheidet, bekommt Dank 0,3 bar mehr Ladedruck 557 statt 525 PS, 760 Nm maximales Drehmoment, 0 auf Tempo 100 in 4,7 Sekunden und mit 250 km/h eine weitgehend sinnfrei abgeregelte Durchschlagskraft, die jene der meisten Sportwagen alt aussehen lässt. Damit die Power auf die Straße kommt, gibt es breite 21-Zoll-Walzen, ein exzellent abgestimmtes Sportfahrwerk und eine Wankstabilisierung, die schnell durchpflügten Kunden den Schrecken nimmt.

Über die Sinnhaftigkeit einer Start-Stopp-Automatik kann man bei einem solchen Kraftprotz getrost streiten. Doch es wird auch jenseits der 500 PS um jede Stelle hinter dem Komma gekämpft. Angesichts solcher Fahrleistungen kann sich der in Aussicht gestellte Verbrauch von 11,8 Litern sehen lassen. Der schwächere und rund 50 Kilogramm schwerere Vorgänger des Mercedes ML verbrauchte mehr als 16 Liter. Wer im Eco-Modus unterwegs ist bemerkt, dass der Achtzylinder beim Ampelstopp vergleichsweise unrund auskuppelt und schließlich mutlos einschläft. Wird das Bremspedal gelöst, trommelt der Affalterbacher in Sekundenbruchteilen wieder los - und wie. Der erste Turbo springt an, kurz danach der zweite in die Bresche und die Tachonadel windet sich in ungeahnte Höhe. Dass ein Geländekoloss mit zwei Tonnen Gewicht seine Leistung derart verlustfrei auf die Straße bekommt und sich dann noch derart dynamisch bewegen lässt, ist mehr als beeindruckend.

Luftfederung, Niveaulift und die Wankstabilisierung "Active Curve" mit aktiven Querstabilisatoren an beiden Achsen geben dem ML 63 AMG in flotten Kurven eine bisher unbekannte Dynamik. Wunder kann das System in engen Kehren nicht vollbringen, denn mit immer kleiner werdendem Radius lässt sich die Fahrphysik nicht außer Kraft setzen. Die Rückmeldung der Lenkung könnte noch etwas direkter sein und immer wieder springt die siebenstufige Getriebeautomatik etwas unwirsch zwischen den einzelnen Schaltstufen hinterher. Die Paradedisziplin des Mercedes ML 63 AMG ist die Autobahn. Hier bietet er trotz straffer Abstimmung perfekten Vortrieb und mächtige Leistungsschübe bis hin zur Endgeschwindigkeit. Bei höheren Tempi senkt sich die Karosserie des ML über die aktive Luftfederung automatisch ab.

Im Innern präsentiert sich der 63er AMG im edlen Lederlook. Armaturenbrett, Sitze und Verkleidungen sind mit weicher Tierhaut bespannt. Die Ledersitze sind stärker als beim normalen ML-Modell konturiert, lassen sich jedoch nur eingeschränkt verstellen. So fehlen eine sinnvolle Verlängerungsmöglichkeit der Oberschenkelauflage und eine justierbare Breite der Seitenwangen. Sollte in der 100.000-Euro-Liga an sich kein Hexenwerk sein. Ärgerlich ebenfalls, dass Selbstverständlichkeiten wie Navigationssystem, elektrische Heckklappe oder eine Komfort-Klimaautomatik tatsächlich noch Aufpreis kosten – und das bei einem Luxusgefährt, das bei 108.885 Euro startet. Keine Frage, dass die meisten gleich das 7.021 Euro teure Performance-Paket nachordern.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: press-inform, 2012-01-14

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