Testbericht

Sebastian Viehmann, 2. Mai 2012
Die Power-Schmiede von Mercedes hat den neuen SL in die Mangel genommen. AMG macht aus dem Roadster ein bis zu 564 PS starkes Geschoss. Der SL 63 AMG kann posen und brüllen wie kaum ein anderes Auto der Affalterbacher.

Es gibt einen Sound, der jedem Autofan einen wohligen Schauer über den Rücken jagt: Das kraftvolle Blubbern eines V8-Motors. Wenn der SL 63 AMG bei City-Tempo gemächlich vor sich hin rollt, lassen sich seine acht Zylinder zunächst nur erahnen. Ein Maserati-V8 kann nur laut und ungestüm, die acht Töpfe des AMG-Boliden kochen scheinbar auf Sparflamme. Selbst beim Gasgeben bleibt der Motor lange im Hintergrund, beim Halt an der Ampel stellt sich der Motor zum Sprit Sparen sogar brav automatisch ab.

Das alles ändert sich, wenn man hinter dem Ortsschild Vollgas gibt: Das V8-Gebrüll erhebt sich schlagartig, als habe gerade ein Raubtier seine Käfigtür gesprengt. Im Sport und Sport-Plus-Modus, den man mit einem Drehschalter an der Mittelkonsole aktiviert, erhöhen schnellere Schaltvorgänge des automatischen Siebengang-Getriebes und die Zwischengasfunktion mit ihrem kräftigem Blubber-Schlürf-Geräusch den Adrenalinspiegel.

Der SL 63 AMG kann nicht nur aus Leibeskräften brüllen, er ist auch ein echter Poser. Extrabreite Lufteinlässe, nüsternartige Lüftungsgitter an den Seiten und in der Haube, zwei verchromte Doppelendrohre sowie die Abrisskante am Heck - je nach Ausstattung sogar in Echtkarbon ausgeführt: Der AMG-Roadster trägt seine inneren Werte nach außen. Auf Knopfdruck faltet sich das elektrische Verdeck im Heckdeckel zusammen und legt das schicke Interieur mit Lack, Leder und Karbonzierteilen offen. Der Striptease funktioniert leider nur im Stand oder bei Schrittgeschwindigkeit. Aus der Angeberei bei der Vorbeifahrt am Straßencafé wird also nichts.

Details wie die Karbon-Kante am Heck warten nebst rot lackierten Bremssätteln und einer Motorabdeckung aus Karbon im AMG Performance-Package. Mit diesem Paket fallen nicht nur optisch alle Hemmungen, auch technisch wird aufgerüstet. Statt 537 Pferdchen werden 564 gesattelt, das maximale Drehmoment des 5,5 Liter großen V8-Biturbomotors steigt von 800 auf 900 Nm und statt bei 250 km/h wird erst bei 300 Sachen elektronisch abgeregelt. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h ist mit 4,2 Sekunden aber nur einen Hauch besser.

Zusätzlich zur Leistungsspritze spendieren die Affalterbacher ein Sperrdifferenzial für die Hinterachse. Das verhindert allzu viel Gummiabrieb bei Vollgas. Tatsächlich hat der SL 63 AMG selten Traktionsprobleme und wirkt viel kontrollierter, als man das bei solchen Leistungswerten in Verbindung mit Hinterradantrieb erwarten würde. Dass das dicke Hinterteil selten in Wallung gerät, liegt an der ausgewogenen Gewichtsverteilung des Wagens, der dank großzügigem Aluminium-Einsatz im Vergleich zum Vorgänger rund 125 kg abgespeckt hat.

Trotzdem bleiben noch satte 1845 kg übrig. Die werden immerhin vom neuen Sportfahrwerk so gekonnt entschärft, dass man den großen Roadster ohne nervöse Aussetzer um die Kurven scheuchen kann. Das System Active Body Control reduziert nämlich die Seitenneigung und Wankbewegungen, indem ein hydraulischer Stellzylinder bei Bedarf die Federkraft der Federbeine verstärkt.

Besonders spürbar ist das im Sport-Modus, in dem auch die gesamte Karosserie bereits ab 65 km/h um 8 mm abgesenkt wird. Im Komfort-Modus bringt das ABC-Fahrwerk den Roadster erst ab 140 km/h dem Asphalt näher. Bei der Lenkung setzt AMG auf eine elektromechanische Lösung mit konstanter Übersetzung, die im Sport-Modus allerdings weniger Lenkunterstützung bietet und damit den Fahrbahnkontakt verbessert.

"Der Wagen ist ein Monster mit Knigge-Manieren", sagt Friedrich Eichler, der bei AMG die Motorenentwicklung leitet. Schließlich genehmige sich der Roadster im Schnitt rund 30% weniger Sprit als der Vorgänger. 9,9 Liter pro 100 km lautet der offizielle Durchschnittsverbrauch des 564 PS-Boliden. In der Praxis freilich schlägt schnell das Monster durch, wenn man den Roadster seiner Bestimmung zuführt: 16 bis 17 Liter zeigte der Bordcomputer bei der ersten Testfahrt. Immerhin lässt sich der Durst auch zügeln, wenn man es langsam angehen lässt.Aber wer kauft sich schon ein Monster, um es an der Leine durch den Park spazieren zu führen? Dafür wäre es ein zu teurer Spaß. 157.675 Euro kostet der SL 63 AMG. Für das AMG Performance Paket muss man noch den Preis eines gut ausgestatteten Kleinwagens (14.280 Euro) oben drauf legen. Zwar ist die Serienausstattung des Autos recht üppig, doch für die Extraportion Komfort muss man trotzdem die Brieftasche zücken, für die elektrische Betätigung des Windschotts zum Beispiel oder für die Airscarf-Kopfraumheizung. Letztere umspült den Nacken mit wohlig warmer Luft - falls die Adrenalinschübe bei Vollgasfahrt nicht für genügend Hitzewallungen sorgen.
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Quelle: press-inform, 2012-05-02

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