Testbericht

Wolfgang Gomoll, 13. Juni 2016
Der Jeep Grand Wagoneer war das erste Luxus-SUV: Über 30 Jahre lang war das bevorzugte Gefährt der amerikanischen Oberschicht. Noch heute versprüht der Wagen mit den Holzimitaten in der Flanke eine unwiderstehliche Anziehungskraft.

Der Jeep Grand Wagoneer, der in einem Hinterhof in Anaheim vor sich hindämmert, ist in einem erbärmlichen Zustand. Löcher in den Sitzen, Knöpfe im Armaturenbrett fehlen, der ehemals rote Lack hat eine altrosa-bräunliche Patina angenommen, die nur noch mit viel gutem Willen den ursprünglichen Farbton erahnen lässt und der Chrom des Kühlergrills glänzt schon lange nicht mehr.

Dieses Schicksal teilen viele der Jeep-Grand-Wagoneer-Modelle. Völlig zu Unrecht: Der geräumige Geländewagen, der von 1963 bis 1993 gebaut wurde, war zwar ein Arbeitstier, der mit seinem Allradantrieb überall durchkam, aber eben auch der Vorläufer der heutigen Luxus-SUVs. Geräumig mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet: Schon 1973 war QuadraTrac, der erste vollautomatische permanente Allrad-Antrieb erhältlich. In Verbindung mit der Automatik ein technischer Meilenstein. Damals waren amerikanische Autos nicht nur bigger, sondern manchmal auch better: die Einzelradaufhängung vorne definierte den Komfort des ersten Premium-SUVs. Wer etwas auf sich hielt, hatte einen solchen Grand Wagoneer in der Garage stehen. Hollywoodstars und die amerikanische High Society fuhren und fahren diesen Asphalt-Edel-Dampfer. Egal ob auf dem Mulholland Drive in Los Angeles oder der Fifth Avenue in New York: Der Grand Wagoneer war und ist hip - das Gefährt der Schönen und Reichen. Wer aus diesem geradezu archaisch majestätisch anmutenden Vehikel stieg, an dessen Arm baumelte nicht selten eine Rolex-Uhr oder (bei den Damen) eine Louis Vuitton Tasche.

Heute ist der Grand Wagoneer ein Zeichen exquisiten Geschmacks, der bekanntlich seinen Preis hat. Wer sich so ein lässiges gut erhaltenes Modell in die Garage stellen will, muss mittlerweile mindestens 50.000 Dollar hinblättern. Allerdings gehen die Preise gerade durch die Decke. Letztes Jahr ging ein Exemplar für 85.000 Dollar an einen glücklichen Autofahrer. Der Grand Wagoneer war ein speziell von den MTV-Tunern von West Coast Custom aufgemotztes Exemplar mit einem 6.6-Liter Duramax V8-Diesel und einem mit feinem Leder und Chrom ausstaffierten Innenraum. Der berühmte Vorbesitzer: der Terminator - Arnold Schwarzenegger.

Jetzt steht eines der letzten gebauten Exemplare vor mir. Inklusive der fiesen Plastik-Holz-Imitate in den Flanken. Darum kennen viele den Grand Wagoneer unter seinem Spitznamen "Woody". Wenn man die Applikationen berührt, mutiert dieser Name zu einem Vorspielen falscher Tatsachen. Damals speziell und eine Reminiszenz an die echten Woodies der 30er und 40er Jahre, als Kombis noch mit Holzaufbauten versehen waren. Seit gut 50 Jahren ist die eigentümliche Wagoneer-Optik, die jedem teutonischen Material-Fetischisten innerhalb weniger Sekunden die Haare ergrauen lässt, Kult.

Das Interieur versprüht den opulenten Charme der frühen 1990er Jahre. Bis in den letzten Winkel ist der Innenraum mit braunem Plüsch ausstaffiert. Selbst im Laderaum ertasten die Finger die kurz geschorene Flokati-Optik. Auf der Kuschel-Rückbank holt man am besten das Popcorn heraus. Dazu kommt Leder, chromglänzende Knöpfe und jede Menge Raum. In einem Grand Wagoneer nimmt man souverän am Verkehrsgeschehen teil, dafür sorgt schon das viele Glas. Highlights sind die elektrisch versenkbare Heckscheibe und die Ausstellfenster. Wer hinter dem XXL-Pizza-Steuerrad Platz nimmt, tut gut daran die germanische Definition von Dynamik und Agilität über Bord zu schmeißen. Eine direkte Lenkung ist ein Fremdwort. Nach gefühlt einer Ewigkeit, die man am Steuer gekurbelt hat, bewegt sich das tonnenschwere Schlachtschiff und schmiegt sich bei jeder Richtungsänderung gemächlich an den Radius der Kurve an.

Die Dreigang-Automatik mit dem Lenkradhebel ist ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Alles andere würde nicht zu dem Charakter des Grand Wagoneer passen. Der SUV-Dinosaurier entschleunigt mit jedem Takt seines 5,9-Liter-V8-Motors, der zufrieden unter der mächtigen Motorhaube vor sich hinwummert. Egal ob Vollgas oder dahinschlendern, der Gemütszustand des Monstrums im Motorraum bleibt immer gleich. Die 146 PS und das maximale Drehmoment von 380 Newtonmetern lassen Autobahn-Jäger nicht zwingend erschaudern, reichen aber für das entspannte Cruisen - auf die klassische ursprüngliche Art und Weise. Nichts, aber auch gar nichts bringt den 4,73 Meter langen Gentleman aus der Ruhe. Das überträgt sich auf den Fahrer: Mit jedem Meter fällt der Alltagsstress von einem ab - so gesehen, hat der Grand Wagoneer eine meditative Wirkung. Große Schuhe für die Neuauflage, die ab 2018 das Luxus-Gefühl wieder aufleben lassen will.

Quelle: press-inform, 2016-06-13

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