Testbericht

automobil-magazin.de, 11. Mai 2010
Die Frage ist bei solchen Typnamen, die in Japan oft sehr emotional gewählt werden um dann unemotional in einem braven Auto zu enden, doch die: Ist auch Jazz drin, wo Jazz drauf steht? Test: Honda Jazz 1.2 Trend.

Panorama ist, wenn man fast alles sieht. Der Jazz bietet das Panorama nach vorne, wo sich die Windschutzscheibe fast bis über die Insassenschädel spannt. Eins zur Seite, wo der Sichtbereich dank des kurzen Karosserieüberhangs rasch beginnt, und wo große, durch große Dreiecksfenster sichtverbreiterte Seitenscheiben gute Aussicht aufbieten. Hinten wird’s sichttechnisch dann ein wenig dünner, weil der Schulterblick etwas von den C- und D-Säulen zersäbelt wird – deshalb spricht auch im mit 3,90 Meter Länge kompakten Jazz nichts gegen die absichernde Einparkhilfe.

Guter Jazz erklärt sich von selbst. Man fragt sich allerdings, warum das „Fahrerhandbuch“ so dick sein muss, denn die Schwere des 452 Seiten-Buches steht im umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Leichtigkeit der Bedienung. Alle Schalter sind da, wo man sie erwartet. Und nicht nur das allein: Die Regler sind auffällig groß. Das hat ganz klar Vorteile für ältere Menschen. Die Uhr – vielleicht nur eine Nebensächlichkeit, aber oft ärgerlich für Mitfahrer – sieht man auch vom Beifahrerplatz. Die Instrumente lassen sich gut ablesen, allerdings nicht sehr gut, weil Weiß (Zeiger) auf Schwarz (Ziffernblatt) immer noch das Optimum an Kontrast abliefert – sorry, Interieur-Team.

Ablegen geht gut. Der Jazz hat gleich zwei Handschuhfächer. Das obere ist sehr klein, das untere von ordentlichem Format. Die rechts und links seitlich ins Armaturenbrett integrierten Becherhalter sind solider als ausklappbare. Der Kofferraum ziert sich nicht, da die hoch und gerade endende Karosserie eindeutige Vorteile hat beim kräftigen Bepacken, und die Rückbank dafür ebenso flott und unkompliziert flach gelegt ist wie im Civic. In dem variablen Kofferraum wird somit erstaunlich Großteiliges verdaut.

Fensterkurbeln – Die gibt’s nicht mehr? Die gibt´s: im Fond. Und das ist, weil sich so mancher einige der vielen elektrischen Helfer aus dem Auto wieder wegwünscht, auch gut so. Nicht so gut: die Aufstecknavi. Nicht was die Funktionalität oder die Navigationsleistung betrifft, aber das Anschlusskabel lockert sich durch Vibration ab und an, was sich dann am flackernden Monitor (abstellbar durch einen schnell erledigten Handgriff) bemerkbar macht. Einem Sitzriesen bleibt der obere Rand des Tachos, egal wie er es mit der Lenkradverstellung (höhen- und längs verstellbar) oder der Sitzverstellung auch anstellt, verdeckt – dass die Durchschnittsgröße in Japan weit unter 1,95 Meter misst, erfuhr unser Tester (erneut) auf diesem Weg. Dafür saß er bequem. Auch noch hinten, wegen dem hohen Dach.

Man meint fast den Blinker des vorausfahrenden Autos zu hören. So leise ist der 1,2-Liter-Vierzylinder bei gemütlicher Teillast auf der Landstraße. Der Hubraumkleine geht dabei erstaunlich souverän mit niedrigen Drehzahlen um und hängt gut am Gas. Das Zusammenspiel mit der Kupplung geschieht geschmeidig. Die fünf Gänge – das Schaltgetriebe des Jazz überzeugt – sind zackig. Irgendwo in der Mitte, zwischen den Ziffern „4“ und „5“ auf dem Drehzahlmesser, lebt das Aggregatchen, ohne spürbar Vibrationen abzugeben, auf und kriegt bei 6.500 Umdrehungen die rote Karte vom Begrenzer gezeigt. Auf der Autobahn erlebt man dann eine andere Grenze: Trotz 90 PS und nur einer Tonne Gewicht ist Durchzug eine milde Brise. Im 5.Gang bemerkt man manchmal erstaunt ein Tritt ins Leere, an Steigungen muss auch mal in den 4.Gang zurückgeschaltet werden, um adäquat beschleunigen zu können. Hier reißen das Hubräumchen ohne Laderunterstützung und nur 114 Nm maximales Drehmoment bei 4.900 U/min keine Bäume aus – eher Sträucher.

Hier, im Jenseits des Stadtverkehrs, ist das Fahrwerk auch etwas zappelig. In der fein abgestimmten, leichtgängig und präzisen Servolenkung herrscht aber Ruhe. In der Stadt und auf der Landstraße überzeugt das leichtfüßige und pfiffige Handling des Jazz, an die Bewegungen auf der Autobahn hat man sich nach einigen zurückgelegten Kilometern gewöhnt – weil sie objektiv die Fahrstabilität nicht beeinflussen. Das Bremspedal hat einen sehr hohen Druckpunkt. Gut, denkt man, dann tritt auch der nicht so fahrtalentierte richtig fest auf die Bremse – das ist nämlich notwendig für eine richtige Vollbremsung. Aber dann bemerkt man überrascht, es ist nicht nötig: Der kleine Honda verfügt über einen Bremsassistenten. Und wenn der nächste Winter kommt, muss man im Einstiegs-Honda auch keine Angst haben: Der Jazz verfügt dank Frontantrieb, ESP und nicht viel schiebender Masse über gute Wintereigenschaften.

Das Balkendiagramm der Verbrauchsanzeige zeigt minimal 4,6 Liter. Am Ende des Tests standen 7,3 l/100 km in der letzten Zeile des Fahrtenbuchs – nicht schlecht, aber auch nicht herausragend. Das trifft auch auf die Eigenschaften des Honda Jazz zu, das ist aber genau auch seine Qualität: Sein Heldentum sind nicht die Einzeldisziplinen – wo das sehr gute Getriebe, die Handlichkeit, die Ergonomie und die Variabilität vielleicht am deutlichsten hervorstechen –, sondern der Alltag. Und der ist nun mal keine Einzeldisziplin, sondern im Idealfall unbeschwertes Fahren – ruhiger Jazz eben. Unaufgeregt. Aber am Ende gefällig – wie hier.


(le)

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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: automobilmagazin, 2010-05-11

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