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Testbericht

26. März 2017
Seinen ersten Alfa kaufte der Verfasser dieses Vergleichstests am Wochenende der Maueröffnung, einen Alfasud ti mit Doppelvergaser und rostigen Radläufen. Dem Sud folgten über die nächsten Jahrzehnte verteilt acht weitere Alfa, über einen 33, einige Spider und Bertone bis zum 90 mit Transaxle und Aktenkoffer. Nun also die neue Giulia. Mit Hinterradantrieb.Wir alle in der Redaktion haben uns auf die Giulia gefreut, waren bereit, ihr die eine oder andere Unzulänglichkeit zu verzeihen. Nach diversen Beschnuppereien und flüchtiger Bekanntschaft mit dem Quadrifoglio nun also das sozusagen echte Auto: die Giulia mit Dieselmotor, wie sie beim Händler steht und womöglich in der Garageneinfahrt des Nachbarn parkt. Zum Vergleich kommen die üblichen Verdächtigen: die deutsche Premium-Mittelklasse mit Vierzylinder-Diesel und Automatikgetriebe, also Audi A4 2.0 TDI, BMW 320d und Mercedes C 250 d.Damit sind wir in der 40.000-Euro-Klasse, wo der Alfa mit 180 PS und Achtgangautomatik für 39.650 Euro das günstigste Angebot ist. Kaum teurer sind der Audi mit 190 PS und S tronic (ab 41.400 Euro) und der gleich starke BMW mit Steptronic (ab 40.100 Euro), während es den Mercedes C 250 d mit 204 PS und serienmäßiger 9G-Tronic nicht unter 44.268 Euro gibt.

Solider Audi
Legen wir also los mit dem Vergleichen, aber diesmal nicht alphabetisch, sondern – Achtung, Spoiler-alarm – mit dem Testsieger, dem A4. Seit die aktuelle Generation B9 im Herbst 2015 auf den Markt kam, hat er schon das ein oder andere Mal die Konkurrenz gebügelt, so auch dieses Mal. Weswegen er bereits ausgiebig belobhudelt wurde.Es ist ein wenig wie mit dem FC Bayern – am Ende siegen sie doch, und man weiß gar nicht so genau, woran es gelegen hat. Nicht am Schiedsrichter oder am zu guten Rasen, es ist das harmonische Gesamtpaket, das oft den entscheidenden Unterschied macht, beim erfolgreichen Fußballclub und der Premium-Limousine.Der A4 ist einfach gut aufgestellt, erlaubt sich kaum Schwächen, zeigt dafür ausgesprochen starke Seiten. Zum Beispiel beim Raumangebot. Zwar ist der Kofferraum nicht größer als bei der hinterradgetriebenen Konkurrenz, doch da, wo es darauf ankommt, im Passagierabteil, hat der Audi die entscheidenden Millimeter mehr Bewegungsfreiheit. Dass es im Fond etwas an Innenbreite mangelt, fällt dank der gut ausgeformten Sitzbank kaum auf.

Auch in der Komfortwertung schneidet der Audi hervorragend ab – unter anderem wegen des optionalen, aber sehr ausgewogenen Komfortfahrwerks mit elektronischer Dämpferregelung (980 Euro). So gerüstet federt der A4 so flauschig über feine und grobe Unebenheiten, wo das Alfa und BMW nicht so gut können.Zum Komforterlebnis trägt ebenso der leise und laufruhige Diesel bei, der zugleich der sparsamste Motor in diesem Vergleich ist. Er unterbietet den Mercedes-Antrieb knapp und die Triebwerke von Alfa und BMW recht deutlich beim Testverbrauch. Mit 6,3 Litern pro 100 km benötigt er ein Zehntel weniger als der C 250 d, der 320 d liegt schon einen halben Liter darüber, und die Giulia erweist sich mit 7,3 Litern am durstigen.

Gut in Form zeigt sich bei diesem Testwagen auch das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Es schaltet schnell, ruckfrei und nie hektisch, vervollständigt so den Eindruck einer harmonischen, ausgereiften Antriebseinheit. Das passt also.Was ebenso passt, ist die herausragende Verarbeitungsqualität. Die ist vor allem dort sicht- und spürbar, wo es darauf ankommt – im Innenraum. So sauber, satt und hochwertig wirkt kein anderer aus dieser Vierer-Bande, nicht einmal der Mercedes.

Dynamischer BMW
Auch nicht der 320d, der dafür andere Stärken ins Feld führt, etwa das spaßintensivste Fahrwerk. Obwohl er relativ komfortabel abgestimmt ist, biegt der BMW am flockigsten ums Eck, zeigt wenig Neigung zum Untersteuern und lässt sich im Sportmodus sogar zu leichten Drifts verleiten. Das ESP schreitet dann eher spät und vorsichtig ein, sodass sich selbst weniger talentierte Fahrer schnell wie Querfahrkönige fühlen.Dazu passt die direkte und harmonisch ansprechende variable Sport-lenkung (250 Euro), die freilich etwas rückmeldungsintensiver sein könnte. Doch das ist ebenso Geschmackssache wie das dicke M-Lenkrad, das sich im 3er etwas wurstig anfasst. Zu loben sind die sehr gut zur Hand liegenden Schaltwippen, so lassen sich die Fahrstufen der Automatik mit gut fühlbarem Klacken einlegen.Das bereitet schon deshalb Vergnügen, weil die Achtgang-Steptronic in Kombination mit dem 190 PS starken Diesel erneut überzeugt. Die beste Automatik ist ja die, von der man am wenigsten merkt, so wie das auch hier der Fall ist. Sie wechselt die Fahrstufen beflissen und fluffig, das geht kaum besser.Beinahe ebenso wenig Aufhebens macht der Zweiliter-Selbstzünder von sich. Er ist nicht der kultivierteste, aber wirklich besser schneidet da nur der Audi-Motor ab. Dafür hinterlässt er einen etwas lebendigeren Eindruck und hängt feinfühliger am Gas. Was sich freilich nicht in besseren Fahrleistungen äußert, die auf dem Niveau von Alfa und Audi liegen. Da er zudem nur mit mittelprächtigen Verbrauchswerten aufwartet, ergibt sich das Bild einer eher durchschnittlichen Antriebseinheit. Von einem BMW erwartet man irgendwie mehr.Das gilt auch für die Beleuchtung, denn außer dem A4 kommen hier alle serienmäßig nur mit Halogenlicht. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß bei so teuren Autos und nötigt die Kunden, rund 1.000 bis 1.400 Euro mehr für besseres Licht auszugeben. Nur der Audi ist ab Werk mit Xenonlicht ausgestattet, doch die moderneren, effizienteren LED-Strahler kosten bei ihm ebenfalls extra (1.190 Euro).Immer noch unübertroffen ist der 3er bei der Bedienung, obgleich er das älteste Auto dieses Quartetts ist und noch gar nicht mit der neuesten Version des iDrive-Systems kommt. So sicher und intuitiv lassen sich weder Audi noch der Mercedes und der Alfa handhaben.

Harmonischer Mercedes
Womit wir beim C 250 d sind, der sich hier ganz markentypisch als teuerstes Auto in diesem Vergleich präsentiert. Allerdings kommt er mit dem stärksten Motor, hat 204 PS, und somit 14 mehr als Audi und BMW und 24 mehr als der Alfa. Zugleich ist er aber auch der schwerste Kandidat, wiegt mit seinen 1.649 kg immerhin 115 kg mehr als die Giulia. So fällt der Motor gar nicht so sehr mit besseren Fahrleistungen auf, die nur minimal über denen der Konkurrenten liegen.Doch er ist sehr sparsam. Er kommt im Testmittel mit 6,4 Litern aus, nur unwesentlich mehr als der Audi. Das ist für ein so kräftiges und schweres Auto ein sehr guter Wert, zumal es wenig Mühe bereitet, bei zurückhaltender Fahrweise mit weniger als sechs Litern auszukommen.Natürlich hat der C 250 d mehr zu bieten als einen knauserigen Dieselmotor – etwa das komfortabelste Fahrwerk und mit die besten Sitze im Vergleich. So wohlbehütet und umsorgt fühlt man sich in den anderen drei Limousinen nicht, obwohl die C-Klasse einen etwas knapper geschnittenen Innenraum aufweist. Zum Sicherheitsgefühl trägt zudem das Wissen um die sehr zahlreich angetretenen Sicherheits- und Assistenzsysteme bei, wo die Sternmarke traditionell viel zu bieten hat.Gleiches gilt natürlich für das Fahrwerk, das feinfühlig über Unebenheiten hinwegfedert und sich – anders als beispielsweise beim 3er – selbst mit der maximalen Zuladung nicht aus der Ruhe bringen lässt. Allerdings tritt er hier mit der aufpreispflichtigen Luftfederung Airmatic an, die mit 1.416 Euro extra bezahlt werden muss.Als weiteren Vorzug der feinen C-Klasse sei schließlich die gefühlvolle, sauber abgestimmte Lenkung erwähnt, die zwar nicht so direkt wie die in Alfa und BMW anspricht, aber mit gleichmäßigen Haltekräften und transparenter Rückmeldung gefällt. So landet der Mercedes am Ende knapp auf Platz zwei.

Schöner Alfa
Sehr deutlich fällt dagegen der Punkteabstand zum Vierten aus. Und bevor Sie jetzt womöglich weiterblättern: Es reicht im Vergleichstest für die Giulia nicht, um mit der deutschen Konkurrenz mitzuhalten. In fast keiner der punkterelevanten Disziplinen hat der Alfa in dieser Version einen echten Vorteil gegenüber seinen Mitbewerbern, außer im Preis. Und selbst da ist der Unterschied eher gering.Fahren wir also los mit der Giulia und notieren: Der Diesel selbstzündet sehr vernehmlich, gibt sich etwas ruppiger. Was auch daran liegen mag, dass die Zusammenarbeit mit der prinzipiell gleichen ZF-Automatik wie im BMW hier nicht ganz so harmonisch abläuft. Da gibt es unerwartete Schaltmanöver, ruckiges Zurückschalten und unnötige Gangwechsel. Zudem sind Gas- und Bremspedal so angeordnet, dass man schon mal während des Bremsens ungewollt Gas gibt.Und wenn der sogenannte DNA-Schalter nicht auf Dynamic steht, geht es eher müde voran. Das Triebwerk spricht dann nur zäh auf Gasbefehle an, wirkt unlustig und künstlich gebremst. Dass es nicht sonderlich sparsam ist, wurde bereits erwähnt. Auf der Autobahn fallen zudem die höhere Geräuschkulisse und der etwas unstete Geradeauslauf auf. Das wiederum ist hauptsächlich der Lenkung zuzuschreiben, die aus der Mittellage sehr zackig, jedoch wenig gefühlsbetont anspricht.Auf holprigen Wegstrecken gibt sich die Giulia sogar recht widerspenstig, poltert dann mit dem Fahrwerk, filtert Stöße nicht so sorgfältig heraus wie die Optionsfahrwerke der Konkurrenz. Das mag zum Teil daran liegen, dass der Alfa hier mit dem serienmäßigen Fahrwerk ohne Adaptivdämpfer antritt.Leider entschädigt auch das Handling auf Landstraßen nicht vollständig für solche Unzulänglichkeiten, denn anders als das teure, fahrdynamisch gelobte V6-Topmodell Quadrifoglio mit Allradantrieb ist die Diesel-Giulia deutlich weniger harmonisch. Sie untersteuert beim Einlenken, drängt auch beim Herausbeschleunigen eher mit dem Vorderbau als mit dem Heck nach außen. Hinterradantrieb? Hier nicht zu merken, zumal das nicht abschaltbare ESP fein und wirkungsvoll jeden Anflug von Übersteuern wegregelt.Was fällt noch auf an der neuen Giulia? Sie bietet ordentlich viel Platz und ist zudem das leichteste Auto in dieser Runde. Trotzdem hinterlässt sie am Ende einen etwas unfertigen Eindruck – mit guten Ansätzen, aber fehlendem Feinschliff im Detail. Doch das war schon bei vielen früheren Alfa so und hat der Zuneigung nicht ernsthaft geschadet.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2017-03-26

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