Testbericht

12. Oktober 2005
Wolfsburg, 12. Oktober 2005 – Über dreißig Jahre und fünf Generationen geht nun schon die Erfolgsgeschichte des VW Golf. Und wohl niemand hätte Mitte der 70er-Jahre erwarten wollen, dass aus dem praktischen und preiswerten Familien-Kompakten einmal ein veritabler Porsche-Konkurrent wird – hochgerüstet mit beeindruckender Technik und getrieben von 250 krachigen PS. Genau das ist nämlich der neue R32 – der stärkste Golf aller Zeiten. Wie gut der wilde Wolfsburger gegen die neuen Konkurrenten BMW 130i aufgestellt ist, haben wir auf einer Ausfahrt bereits erfahren.

Dezent ist im Trend Obgleich der R32 eine Klasse für sich ist, fällt sein Sport-Trimm sehr verhalten aus. So hebt sich der Über-Golf optisch nicht dramatisch von anderen Gölfen ab. Ein Trend im Autobau, den BMW gar auf die Spitze getrieben hat: Der Krawall-Einser 130i ist äußerlich nicht mehr von den zivilen Versionen unterscheidbar. Wer beim R32 genau hinsieht, dem werden an der Front der nach unten hin plastisch ausgeformte Rahmen in Alu-Optik und die großen Luftöffnungen auffallen. Weitere Merkmale sind das R32-Zeichen im Kühlergrill mit Doppelripp-Design sowie blaue Bremssättel hinter den filigranen 18-Zoll-Felgen. Am Heck dokumentieren ein Dachspoiler und zwei Edelstahl-Auspuffendrohre seine Alleinstellung.

Die 300-km/h-Ansage Im hochwertigen Innenraum sorgen einige geschickt gesetzte Details für sportives Edel-Flair. Übrigens: Die extrem ausgeformten Schalensitze (1.150 Euro Aufpreis) sind einfach eine Spur zu hart und sollten nur von besonders ambitionierten Umklammerungs-Fetischisten geordert werden. Denn bereits das sehr gut ausgeformte Seriengestühl bietet neben hohem Komfort auch viel Seitenhalt und ermöglicht mit dem gut zur Hand liegenden Lenkrad eine sportliche Sitzposition. Und der Blick zumTacho? Am rechten Ende der eng gestaffelten Rundskala steht wie beim Vorgänger – noch auf Basis des Golf IV – die verheißungsvolle Zahl 300.

Allrad-Ass ohne Sportler-Bass Mit Standgas kaum hörbar, gibt sich der 3,2-Liter-V6 selbst bei höheren Drehzahlen zwar kernig, aber nicht bollerig. Auf den markigen Bass des alten R32 haben die VW-Akustiker bewusst verzichtet. Statt des Grummel-Golfs für die Boaahey-Fraktion ist nunmehr Understatement angesagt. Trotz manierlicher Akustik: Steht der Wahlhebel des Doppelkupplungsgetriebes auf D, gibt es nur noch Eins: den Brutalo-Tritt aufs Alu-Gaspedal. Und obwohl sich jetzt 250 PS und 320 Newtonmeter voll entfalten, bleibt die Reaktionsweise der Golf-Rakete recht gelassen. Zwar imponiert der Bolide mit mächtigem Vortrieb, doch geht dies dank 4Motion sehr sauber vonstatten. Mit nahezu perfekter Allradtraktion bleibt ein Durchdrehen der Räder aus, stört kein tänzelndes Hinterteil oder eine nervös flatternde Lenkung. Ganz klarer Fall: Der R32 bietet ein beeindruckend sicheres Fahrverhalten selbst bei voller Leistungsabfrage.

Narrensicher durch schnelle Kurven Auch durch schnelle Kurven geht der Allrad-Athlet sehr richtungsstabil und folgt den Befehlen der leichtgängigen Lenkung mit hoher Präzision. Aus Biegungen kann man trotz der üppigen Motorleistung ohne Reue mit Vollgas herausbeschleunigen. Jetzt die Gerade durcheilen, vor der nächsten Biegung kurz und knackig einbremsen und wieder mit Gas raus aus der Kurve. Das funktioniert so rund, so selbstverständlich, so sicher, dass den Fahrer ein Gefühl der Unschlagbarkeit befällt. Keine Frage: Mit dem R32 darf man es im Kurvenkarussell richtig krachen lassen.

Viel Komfort, weniger Hardcore Doch handelt es sich beim R32 eben nicht um einen übertrieben harten Sportwagen. Statt dessen bietet der neue Leitgolf ein erstaunlich hohes Komfortniveau. Trotz satter Straßenlage und der Tieferlegung um 20 Millimeter nervt das Fahrwerk nicht mit unangenehm harten Stößen. Nur bei kurz aufeinander folgenden Wellen auf der Autobahn neigt der R32 zum unangenehmen Hoppeln. Doch ansonsten ist der Power-Golf ein absolut alltagstauglicher Kompakter. Lediglich die Haldex-Kupplung des Allradsystems lässt das normal 350 Liter große Gepäckabteil auf mäßige 275 Liter zusammenschrumpfen. Dafür ist die klassenübliche Variabilität geboten mit einem maximal auf 1.230 Liter erweiterbarem Stauraum. Unverändert gut ist das großzügige Platzangebot für Passagiere: Vorne wie hinten kann man sich über enorm viel Kopf- und Beinfreiheit erfreuen.

Blitzschnell und komfortabel wie eine Automatik Eine besonders attraktive Ausstattungsoption ist das bereits erwähnte Doppelkupplungsgetriebe DSG. Obwohl es selbsttätig schaltet, verhält es sich dabei nicht wie eine lusthemmende Automatik. Im Gegenteil: Laut VW ermöglicht das Getriebe sogar bessere Fahrleistungen als das Sechsgang-Schaltgetriebe. Während mit Letzterem der R32 für den 100-km/h-Sprint 6,5 Sekunden benötigt, ermöglicht das DSG in dieser Disziplin einen Zeitvorsprung von 0,3 Sekunden. In der Fahrpraxis ist dieser Unterschied kaum spürbar, ebenso wenig wie die blitzschnellen, automatischen Schaltvorgänge.

Tachonadel bei 270 km/h Dafür sind mit Schaltgetriebe 250 km/h Topspeed drin, während die Doppelkupplung „nur“ 248 km/h zulässt. Auf unserer Testfahrt im R32 mit Schaltgetriebe stand die Tachonadel sogar zeitweilig kurz vor 270. Etwas Anlauf braucht es dafür schon, aber dennoch beeindruckt der dynamische Niedersachse selbst jenseits von 200 Sachen mit fulminantem Durchzug und hat so auf der Autobahn kaum Gegner zu fürchten. Selbst beim Erreichen der Höchstgeschwindigkeit wirkt der durchtrainierte Golf keineswegs unsicher. Zumindest machte unser Testwagen den Eindruck, auch die 300 km/h fahren zu können. Doch hier macht der Begrenzer dem wilden Treiben des drehmomentstarken Benziners ein Ende, der bis zur Drehzahlgrenze von 7.000 Touren keineswegs angestrengt wirkt. Logisch, dass dabei ordentlich Sprit verfeuert wird. Wer flott unterwegs sein will, muss einen Verbrauch zwischen 12 und 15 Liter akzeptieren. Theoretisch könnte man den Benzinkonsum des Power-Golfs zwar auf einen einstelligen Wert drücken. Aber mal Hand aufs Herz: Wer will mit diesem Lustbolzen schon sparsam unterwegs sein?

DSG: Wahl der Vernunft Immerhin kann das DSG beim Spritsparen helfen. Laut VW soll ein ganzer Liter auf 100 Kilometer möglich sein. Da die intelligente Technik häufigeres Schalten garantiert und so die Drehzahlen im Automatikmodus vergleichsweise niedrig hält, bleibt auch der Spritverbrauch niedriger. Immerhin ist der R32 im sechsten Gang bereits bei knapp über 1.000 Umdrehungen und 45 km/h fahrbar. Und wird dieses Sparpotenzial genutzt, kann sich das DSG rechnen: Der Mehrpreis für das Wundergetriebe beträgt zwar 1.450 Euro, beinhaltet aber zusätzlich ein 260 Euro teures Multifunktionslenkrad. Die also eigentlich 1.190 Euro würden sich bei einem Liter Verbrauchsersparnis bereits nach 85.000 Kilometer Laufleistung amortisieren. Bei jedem weiteren Kilometer kann man also Geld sparen und beim Wiederverkauf höchstwahrscheinlich auch noch einen besseren Preis erzielen. DSG, so darf man angesichts der Gesamtsumme seiner positiven Eigenschaften behaupten, ist nicht nur sportlicher, sondern auch die Wahl der Vernunft. Eines kann dieses automatisierte Getriebe hingegen nicht: Das Gefühl hemdsärmeliger Schweißarbeit vermitteln. Und dies gehört für viele ambitionierte Sportpiloten einfach dazu. Ständig mit dem Gangwahlhebel quecksilbrig zwischen den Gängen zwei, drei und vier wechseln und dabei den quirligen Motor auf Drehzahlen halten – das sind emotionale Momente, die DSG so nicht bieten kann.

Fast alles bereits inklusive Ob mit oder ohne DSG: Ein günstiges Auto ist der R32 nicht. Für einen Golf sind 32.200 Euro schon verdammt viel Geld. Dafür bekommt man aber eine ultimative Fahrmaschine mit umfangreicher Ausstattung. Diese umfasst unter anderem eine Klimaautomatik, Bi-Xenon-Scheinwerfer und 18-Zoll-Alus. Interessant ist vor allem der Preisvergleich mit dem 32.500 Euro teuren BMW 130i. Zwar gibt es den Bayern serienmäßig mit fünf Türen, dafür bietet der Golf deutlich mehr Ausstattung. Abzüglich der Kosten für zwei zusätzliche Fondtüren spart man beim R32 gegenüber dem 130i immerhin rund 2.000 Euro. Darüber hinaus ist der Wolfsburger mit permanentem Allradantrieb ausgerüstet, eine Technik, die für den 130i gar nicht bestellbar ist.
Technische Daten
Antrieb:permanenter Allrad
Anzahl Gänge:6
Getriebe:Schaltung
Motor Bauart:V-Ottomotor
Hubraum:3.189
Anzahl Zylinder:6
Leistung:184 kW (250 PS) bei UPM
Drehmoment:320 Nm bei 2.500 - 3.000 UPM
Preis
Neupreis: 32.200 € (Stand: Oktober 2005)
Fazit
Zwar kann der neue Golf R32 bei den Fahrleistungen nicht ganz mit dem BMW 130i mithalten. Doch hinterher fährt die Wolfsburger Allrad-Rakete deswegen nicht. Für das beherzte Tänzchen durch kurvige Landstraßen ist der schnelle VW bestens bestückt und kann dank seiner 4WD-Technik in manchen Situationen sogar den ein oder anderen Vorsprung herausfahren. Der Allradantrieb bietet eben ein Höchstmaß an Traktion und damit auch ein nahezu narrensicheres Fahrverhalten mit entsprechenden Vorteilen vor allem bei schwierigen Straßenverhältnissen. <br/><br/> Selbstredend hat diese Technik auch Nachteile: Da ist zum einen der deutlich höhere Spritverbrauch und zum anderen der auf 275 Liter geschrumpfte Kofferraum. Ersteres lässt in Kombination mit dem genialen Doppelkupplungsgetriebe etwas abfedern. Apropos DSG: Mit diesem technischen Schmankerl kann derzeit kein anderer Hersteller aufwarten. <br/><br/> Selbst mit DSG ist der Niedersachse übrigens deutlich günstiger als der BMW 130i. Zudem bietet der Golf einen besonders schicken und deutlich praktischeren Innenraum. Mit seinem üppigen Platzangebot und der deutlich besseren Ausstattung ist der Reiß-Golf eindeutig der Attraktivere. (mh)

Quelle: auto-news, 2005-10-12

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