Testbericht

13. Juni 2016
Porto (Portugal), 14. Juni 2016

Wir alle haben Vorurteile. Ob sie nun gut oder schlecht sind, sei mal dahingestellt, doch in jedem Fall beeinflussen sie (auch wenn wir uns das natürlich nicht eingestehen wollen) im Vorfeld unsere eigene Meinungsbildung. Wieso ich mit solch einem geisteswissenschaftlichen Palaver einsteige? Nun ja, weil ich bis jetzt nur aus zweiter Hand etwas über den neuen Audi A5 erfahren habe. Man wirft ihm eine zu starke Ähnlichkeit zum Vorgänger vor. Audi würde sich nichts mehr trauen und sich so langsam aber sicher in einer Designspirale festfahren. Es war also höchste Zeit, persönlich Kontakt mit der neuen Coupé-Generation aus Audis Mittelklasse aufzunehmen. Und weil ab Juli 2016 nicht nur der A5 bestellbar sein wird, sondern auch das vorläufige Topmodell mit 354 PS, nehme ich den ebenfalls neuen S5 gleich noch mit auf meine Testrunde.

Die Motoren-, Getriebe- und Antriebsauswahl
Insgesamt bietet Audi für den A5 sechs verschiedene Motoren an. Da wären zwei Zweiliter-Vierzylinder-TFSI-Maschinen mit 190 oder 252 PS sowie ein Vierzylinder-TDI mit 190 PS. Wer lieber einen V6 unter der Haube haben möchte, kann zu einem Dreiliter-Dieselaggregat mit 218 oder 286 PS sowie zu einem Dreiliter-Benziner mit 354 PS greifen. Wer sich für die letzte und leistungsstärkste Option entscheidet, bestellt anstatt des A5 den S5. Während die kleineren Aggregate entweder mit einem manuellen Sechsgang-Getriebe oder einem Siebengang-DSG verknüpft werden und der quattro-Antrieb nur auf Wunsch verbaut wird, sind der A5 mit Spitzen-Diesel und der S5 immer serienmäßig mit einer Achtgang-Automatik und Allrad ausgerüstet.

Der große Diesel: Kraftvoll und komfortabel
Jetzt aber genug der Theorie, denn ich habe eine lange Strecke vor mir, die vornehmlich aus Autobahn besteht - mit einem Schlussspurt über gewundene Landstraßen. Ich greife also vorerst zu einem Diesel. Und zwar zu dem größten. Neben den 286 PS generiert das wunderbar ruhig und leise laufende Aggregat auch 620 Newtonmeter maximales Drehmoment. Perfekt, um sich ein bisschen warm zu fahren. Souverän sind Sie mit dem Dreiliter-Selbstzünder immer unterwegs, selbst bei spontanem Beschleunigen jenseits der 200-km/h-Marke. Doch als ich die letzte Etappe mit dem Dampfhammer-Diesel erreiche (die gewundenen Landstraßen, Sie werden sich erinnern) fehlt es dem komfortablen Coupé selbst im Dynamik-Modus an spitzem und spontanen Motor-Ansprechverhalten. Und auch eine schärfere und präzisere Kennlinie des Lenkrads sowie eine sportlichere Fahrwerksabstimmung würde ich mir wünschen.
Der neue Dreiliter-V6-Benziner im S5: Genial
Es ist also Zeit, zum S5 zu wechseln. Die Quartettdaten lesen sich schon einmal sehr gut: Dreiliter-V6-Benziner, 354 PS, 500 Newtonmeter Drehmoment, 0-100 km/h in 4,7 Sekunden. Jetzt könnte ich mich hier eigentlich kurz halten und Ihnen in einem Nebensatz mitteilen, dass das neue Aggregat und der gesamte S5 wirklich fantastisch geworden sind, doch ich will Ihnen auch sagen, warum das so ist: Hauptgrund für eine Leistungsentfaltung, die eher an einen Saug- als an einen Turbomotor erinnert, ist der Twinscroll-Lader, der im heißen Innen-V des Motors untergebracht wurde. Er macht die Dreiliter-Maschine so spontan wie das von der Laderposition ähnlich aufgebaute Vierliter-V8-Triebwerk von AMG. Das volle Drehmoment liegt im S5 von 1.370 bis 4.500 Touren an, danach dreht der Motor kraftvoll bis 6.400 Umdrehungen aus. Doch das Fahrwerk und der Allrad sind keineswegs weniger beeindruckend: Unter- oder Übersteuern? Fehlanzeige. Und ich verspreche Ihnen, ich habe mir mit dem schön straffen S5-Sportfahrwerk wirklich sehr viel Mühe gegeben. Man könnte Audi jetzt vorwerfen, ein etwas zu unaufgeregtes Coupé gebaut zu haben, aber ich Frage mich: Ist eine schnell, präzise und sicher gefahrene Kurve nicht besser als eine, die mit einem zu leicht wedelnden Heck Angst macht?

Alltagstauglicher als die Konkurrenz?
Gehen wir jetzt aber mal davon aus, Sie haben nicht gerade etwa 63.000 Euro (genaue Preise hat Audi noch nicht genannt) für einen S5 über und auch die monumentale Schubkraft des V6-Diesels lässt Sie und - vielleicht noch viel wichtiger - Ihren Flottenmanager kalt. Dann müssen Sie sich nicht grämen, denn auch die Vierzylinder-Motoren machen Spaß (ja, sogar die Modelle mit reinem Frontantrieb) und sind darüber hinaus noch vergleichsweise sparsam und somit etwas alltagstauglicher. Aber wie sehr lässt sich ein A5 überhaupt in den Alltag integrieren? Obwohl der gesamte Innenraum um 17 Millimeter in der Länge zugelegt hat, bleiben die Sitze im Fond etwas für Kinder oder kleine Erwachsene. Über 1,70 Meter sollte man also nicht sein, wenn man in einer menschenwürdigen Haltung Platz nehmen möchte. Ob man das als Kritikpunkt werten sollte? Wohl kaum, denn in einem BMW 4er oder einem C-Klasse Coupé sitzt es sich in der zweiten Reihe auch nicht besser. Dagegen punktet der A5 mit seinem Kofferraum: 465 Liter passen hinein. Das Schwabenheck schluckt nur 400, das Gepäckabteil des Münchners zumindest 445 Liter.

Das Cockpit bleibt ein Trumpf bei Audi
Im Cockpit erwarten Sie keine großen Überraschungen - zumindest dann nicht, wenn Sie schon einmal in einem neuen A4 oder Q7 Platz genommen haben. Alles ist traumhaft verarbeitet, die Materialien sind von allererster Güte und ein logischeres und besseres Bedienkonzept gibt es derzeit weder in München noch in Stuttgart. Weil auch der A5 auf dem MLBevo basiert (das ist der Modulare Längsbaukasten der zweiten Generation der VW AG), bekommt auch das Coupé so nette Annehmlichkeiten wie das "Virtual Cockpit" oder einen Haufen an Assistenzsystemen, die zumindest ein teilweise autonomes Fahren ermöglichen. Spurhalteassistenz mit Lenkeingriff, Abstandstempomat mit Verkehrszeichenerkennung, der prädiktive Effizienzassistent, der beim vorausschauenden Fahren hilft und viele weitere Features, die den Umfang dieses Testartikels wohl schnell an seine Lesezumutungsgrenze bringen würde.
 
"Vorsprung durch Technik", statt "Vorsprung durch Design"
Und was ist jetzt mit der Optik? Haben sich die Designvorurteile bestätigt? Rein objektiv lässt sich auf diese Geschmacksfrage natürlich keine zufriedenstellende Antwort für die Masse finden, doch ich habe das Gefühl, zumindest die Passanten registrieren, dass hier ein ganz neues Fahrzeug über die Straße rollt. Okay, die intensiven Blicke können natürlich auch daher zeugen, dass ich mit einem deutschen Kennzeichen in Portugal unterwegs bin, der Wagen sauber und kratzfrei ist und ich deshalb wie ein Pferd in der Kuhherde wirke. Straffer geworden ist der A5 aber auf jeden Fall und die serienmäßigen LED-Heckleuchten sowie die Xenon-Scheinwerfer (Matrix-LED-Scheinwerfer gibt es nur gegen Aufpreis) passen hervorragend zu den scharfen Kanten der Karosse. Emotionslos? Vielleicht ein bisschen. Trotzdem verkaufsfördernd? Auf jeden Fall. Und schließlich lautet der Audi-Werbespruch auch nicht "Vorsprung durch Design", sonder "Vorsprung durch Technik". Hier hält das Coupé - egal ob als A5 oder S5 - sein Versprechen.
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Fazit
Optisch sieht man dem neuen Audi A5 an, dass er ein Computer auf Rädern ist. Klare Lininen, scharfe Kanten und kleine Glasflächen treffen auf einen schnörkellosen und aufgeräumten Innenraum. Im Feld der aktuellen Coupé-Konkurrenz von Mercedes und BMW fällt der Audi aber nicht nur optisch fast ein bisschen zu vernünftig aus. Schlecht ist das auf keine Fall, denn der A5 fährt sich sehr komfortabel und er bietet Passagieren und Gepäck etwas mehr Raum. Wer in einem A5 trotzdem sportlich und spritzig unterwegs sein möchte, sollte auf einen S5 sparen oder zumindest einen Benziner anstatt eines Diesels wählen, denn die Selbstzünder machen das Coupé im Vergleich doch etwas träge. Die Preise starten bei etwa 38.000 Euro für den Basis-A5. Das noch aktuelle Modell ist mit 36.050 Euro demnach knapp 2.000 Euro günstiger, aber mit deutlich weniger Assistenz, Infotainment-Angebot und Serienmäßigkeiten ausgestattet.+ Qualitäts-Innenraum, durchzugsstarke Motoren, umfangreiches Technikangebot, großer Kofferraum, sicheres Fahrverhalten am Grenzbereich- keine Optikrevolution, für ein Coupé fast etwas zu konservativ

Quelle: auto-news, 2016-06-13

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