Testbericht

Stefan Grundhoff, 2. September 2008
Bekommt die renommierte S-Klasse von Mercedes auf ihre alten Tage noch Konkurrenz aus dem eigenen Hause? Als würden BMW 7er, Audi A 8 und VW Phaeton nicht schon genug Ärger machen, drückt jetzt auch der Konzernbruder Chrysler 300 C von unten. Hat der mächtig anmutende 300C das Zeug, an der imageträchtigen S-Klasse zu kratzen?

Auch wenn Chryslers Marketingstrategen den 300C lieber gegen die kleinere Oberklassekonkurrenz von 5er BMW, Audi A 6 und E-Klasse stellen wollen: Angesichts der mächtigen Dimensionen passt der 300C allein in die Luxusklasse. Über fünf Meter lang und mit einem Kühlergrill Marke Luxusliner hat er derzeit den imposantesten Auftritt auf deutschen Straßen. Da sieht selbst die renommierte S-Klasse aus, wie ein aufgeblasenes Stuttgarter C-Körbchen. Mit einem Dieselmotor ist der 300C erst ab Herbst zu bekommen. Daher erscheint die 3,5-Liter-Variante als gute Wahl, sich mit einem S 350 von Mercedes zu messen.Doch schon beim Preis fahren Chrysler 300C und Mercedes S 350 in anderen Dimensionen. Der 300C 3.5 kostet inklusive guter Serienausstattung gerade einmal 38.600 Euro. Der S 350 lässt sich – ebenfalls gut ausgestattet - dagegen schon beim Einstieg nicht lumpen: 64.902 Euro lassen einen nochmals an den Klassenvergleich denken. Über 26.000 Euro Unterschied sind eine Menge Geld – da ist fast noch eine C-Klasse zusätzlich drin.

Beim Antrieb sind die Unterschiede deutlich kleiner: Der 300C wird von einem 3,5-Liter-V6-Aggregat mit 183 kW/249 PS angetrieben. 340 Nm Maximaldrehmoment bei 3.800 U/min sorgen ebenso für einen souveränen Vortrieb wie der 3,8-Liter-Motor des Benz. Der V6 leistet hier 180 kW/245 PS und 350 Nm ab 3.000 U/min. Doch nicht nur subjektiv hat der Mercedes deutlich mehr Power. Denn besonders die antiquierte Viergangautomatik lässt den 1,8 Tonnen schweren Chrysler lahmen. 0 auf 100 km/h in 9,2 Sekunden und eine Spitzengeschwindigkeit von 220 km/h sind angesichts der Motorleistung schlechte Werte. Immerhin hält sich der Durchschnittsverbrauch mit gut elf Litern auf 100 km in Grenzen.

Die Fahrleistungen des knapp 1,9 Tonnen schweren S 350 dagegen sind eine Statement. 0 auf 100 km/h in 7,6 Sekunden und eine Spitzengeschwindigkeit von knapp 250 km/h spielen in einer anderen Liga – dabei ist der 350er das Basismodell. Auch ohne die neue Siebengang-Automatik läßt sich der "S" mit fünf Schaltstufen deutlich angenehmer als der US-Konzernkonkurrent fahren. Der versprochene Durchschnittsverbrauch von ebenfalls 11,1 Litern Super auf 100 km lag beim Test jedoch in weiter Ferne. Unter 12,5 Litern ist selbst bei zurückhaltendem Gasfuß kaum etwas zu machen – 13 bis 13,5 Liter sind realistisch.

Beim Fahrwerk sind die Unterschiede deutlich geringer. Komfortreferenz ist der S 350 mit seiner Luftfederung, bei der man per Knopfdruck die Dämpfereinstellung wählen kann - von sportlich bis schweben. Der Federungskomfort setzt nach wie vor Maßstäbe und die Innengeräusche sind kaum hörbar. Einziger Makel ist die zu schwammige Lenkung, die eher von behandschuhten Chauffeurhänden als von willigen Fahrdynamikern träumt. Anders sieht es beim Chrysler aus. Auch der 300C ist eine sanfte Reiselimousine, fährt sich jedoch eine ganze Ecke sportlicher als der Mercedes. Die Hinterachse zeigt sich dann und wann etwas ruppig - Dämmglas würde die Außengeräusche noch besser filtern.

Über Erfolg oder Misserfolg entscheiden in der Luxusklasse besonders die zahlreichen Annehmlichkeiten im Innenraum. Die Liste der Sonderausstattungen ist beim Chrysler 300C 3.5 geradezu asientypisch kurz. Um das DVD-Navigationssystem (teure 2.550 Euro), die Ledersitze (1.700 Euro) und das High-Tech-Soundsystem (320 Euro) kommt man nicht herum. Für 1.150 Euro gibt es das elektrische Schiebedach. Xenonlicht, Einparkhilfe, Klimaautomatik und 18-Zoll-Alu ist ebenso wie Tempomat und Sitzmemory Serie. Beim S 350 sieht das ganz anders aus. Zwar ist die Serienausstattung mit elektrischen Ledersitzen, Klimaautomatik, Bordcomputer und Alufelgen nicht mehr so karg wie in vergangenen Zeiten; doch Xenonlicht (1.212 Euro) und Parktronic (765 Euro) kosten ebenso Aufpreis wie Navigationssystem (2.088 Euro), Schiebedach (1.300 Euro) und Memorysitze (696 Euro).

Auffälliger jedoch, dass viele standesgemäße Optionen beim Chrysler 300C überhaupt nicht in der Preisliste stehen. Keyless Entry, Sitzlüftung, Sitzheizung hinten, elektrisches Heckrollo, TV-Empfang oder Dämmglas – ebenso Fehlanzeige wie eine elektrische Kofferraumbedienung. Beim Amerikaner gibt es noch nicht einmal einen Griff, der einem dreckige Finger erspart. Wir vermissen zudem die elektrisch anklappbaren Spiegel und fragen uns, wieso nur der linke der beiden Außenspiegel abblendbar ist? Sicherheit verströmt mit ESP, ABS und diversen Airbags bei beiden.

Auch im voluminösen Innenraum gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Der Mercedes glänzt mit viel Platz, perfekter Verarbeitung und exzellenten Sitzen. Beim Chrysler könnten besonders Türverkleidungen (komplett Kunststoff), Mittelkonsole, aber auch die Oberflächen hochwertiger sein. Hinten sitzen die Fondpassagiere zu weich und die kurzen Kopfstützen lassen sich nicht verstellen. Dank eines Radstandes von 3,05 m ist die Beinfreiheit ein Traum. Allein die Kopffreiheit könnte etwas üppiger ein. Auch beim S 350 kommen bei 2,96 m Radstand keine Beklemmungen auf. Wer mehr will – die S-Klasse gibt es auch mit langem Radstand. Perfekt die beleuchteten Fond-Schalter für Sitzheizung, -lüftung und elektrische Verstellung. Der Kofferraum des 300C schluckt 442 Liter, das Heckabteil der Stuttgarter Limousine mächtige 500 Liter. Hier muss kaum etwas zu Hause bleiben.

Die immer noch nahezu perfekte Mercedes S-Klasse bekommt Ende des Jahres einen Nachfolger, der in der Luxusklasse wiederum Maßstäbe setzen wird. Der Chrysler 300C ist besonders durch sein grandioses Preis-Leistungs-Verhältnis eine Alternative und eine sinnvolle Ergänzung innerhalb der Produktpalette des DaimlerChrysler-Konzerns. Zum Schnäppchenpreis hebt sich der Fahrer mit dem imposanten 300er deutlich von der mächtigen Konkurrenz ab. Er ist auch Monate nach seiner Markteinführung noch immer ein Hingucker; ein paar Schwächen muss man dafür in Kauf nehmen.
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Quelle: press-inform, 2008-09-02

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