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Testbericht

Jürgen Wolff, 18. März 2015
Cadillac lässt es in Europa bescheiden angehen - zumindest bei den Verkaufszahlen: Gut 200 Stück des neuen Escalade sind für den alten Kontinent geplant. Weit weniger bescheiden ist der luxuriöse XXXL-SUV allerdings selbst.

Alles drin, alles dran auf 5,2 Metern Länge? Fast. Die Aufpreisliste des Cadillac Escalade ist bemerkenswert dünn. Der mindestens 96.500 Euro teuere SUV-Koloss aus den USA hat serienmäßig so ziemlich alles an Bord, was den American Way of Drive zum Luxus Way of Drive macht. Fast alles. Was dringend fehlt, das sind die serienmäßige schwarze Sonnenbrille und der Knopf fürs Ohr. Denn wer den Fahrersitz des dunkel lackierten Schlachtschiffs entert, dem kommen zwangsläufig Filmbilder in den Sinn. Bilder von Wagenkolonnen, die durch die Straßen von Washington rollen oder von US-Bundesagenten, die mit Rot- und Blaulicht zum Ort eines Kapitalverbrechens rasen. Man möchte sich unwillkürlich nach hinten zur zweiten Sitzreihe wenden und ein festes "Yes, Mr. President" loswerden.

So üppig das Auto, so bescheiden die Ziele des US-Autoherstellers für Europa: 200 Escalade hat die GM-Luxusmarke aus Warren, Michigan, dem ganzen alten Kontinent zugeteilt - alle sind bereits vorbestellt. Die meisten gehen nach Deutschland und in die Schweiz. Jetzt hofft Cadillac Europa auf einen Nachschlag von 20 Stück. Wer mit dem XXXL-SUV auf europäischen Straßen unterwegs ist, der lernt schnell, Relationen neu einzuschätzen. Ein ausgewachsener Range Rover ist schon ein Trumm von Auto - hinter einem Escalade verschwindet er komplett aus dem Sichtwinkel der Seitenspiegel.

In der "kurzen" Version misst der Escalade 5.179 mm an Länge, 2.061 mm an Breite und 1.896 mm an Höhe. In der Langversion kommen gut 50 Zentimeter dazu. Das Leergewicht liegt bei mindestens 2,75 Tonnen. Klingt mächtig, prächtig und unter dem Oberbegriff "Pkw" auf europäischen Straßen kaum fahrbar. Ist aber ganz und gar nicht so. Im Alltag erweist sich der Escalade als überraschend handlich. Darüber, wo vorne ist, gibt\\\'s kein Vertun. Beim Rückwärtsfahren helfen die großen Seitenspiegel und die serienmäßige Rückfahrkamera. Über das Gaspedal lässt sich der Riese feinfühlig dirigieren. Und der Wendekreis von 11,9 Metern ist nur 20 Zentimeter größer als zum Beispiel beim VW Passat. Trotz des zuschaltbaren Allradantriebs ist der Escalade kein Geländewagen - aber auch auf engen Nebenstraßen und Feldwegen wird er nicht zum Problem.

In den Escalade einsteigen ist wie in einen Kleinlaster klettern. Zu beiden Seiten fahren elektrisch Trittbretter aus, über die man bequem hoch kommt. Wer im - natürlich elektrisch verstellbaren und klimatisierten - Fahrersitz aus weichem Leder Platz nimmt, thront gut gepolstert über dem Verkehr. Auf der wuchtigen Mittelkonsole lässt sich per Induktion ein Handy aufladen, Multimedia-System und Navigation sind über die große Touchscreen zu bedienen, ein eigens auf den Escalade angepasstes Soundsystem von Bose beschallt den kompletten Innenraum aus 16 Lautsprechern.

Das Navi ist allerdings für ein 100.000-Euro-Auto etwas umständlich zu bedienen, rechnet ein wenig träge und hat manches nicht, was mittlerweile selbst in einem VW Golf Standard ist - eingeblendete aktuelle Tempolimits etwa. Die Tasten links und rechts des Bildschirms sind übersichtlich und aufgeräumt, das Gesamtdesign ein wenig amerikanisch barock. Aber immerhin sind die Reinplastik-Zeiten vorbei - das Armaturenbrett bietet einen durchaus geschmackvollen Mix aus Echtholz-Paneelen und hochwertigem Kunststoff. Die analogen Rundinstrumente vor dem Fahrer sind einem Farbbildschirm gewichen, der Tacho, Drehzahlmesser Co. digital abbildet. In das Tachorund wird die Navigation eingeblendet. Darüber hinaus sorgt ein vierfarbiges Headup-Display dafür, dass alle wichtigen Informationen immer im Blick bleiben. Das Lenkrad ist per Knopfdruck in Tiefe und Neigung verstellbar.

Platz gibt es in dem Schlachtschiff reichlich. Auf den beiden beheizbaren Einzelsitzen der zweiten Reihe kommt Club-Feeling auf. Die per Knopfdruck hochklappbaren Einzelsitze der dritten Reihe lassen sich bequem durch einen breiten Gang erreichen. Sie empfehlen sich zwar nicht gerade für Langstreckenausflüge - aber bei kürzeren Wegen haben dort auch Erwachsene passabel Platz. Selbst mit hochgeklappter dritter Sitzreihe ist das Ladevolumen noch üppig: 431 Liter Gepäck passen dort in der Normalversion hin, in der Langversion sind es gar 1.113 Liter. Klappt man alle Sitze bis auf die der ersten Reihe um, so öffnet sich eine kleine Konzerthalle mit 2.668, bzw. 3.424 Litern Ladevolumen. Nur bei der Anhängerlast patzt der große Ami etwas: Während europäische Edel-SUV in der Regel mit 3,5 Tonnen kein Problem haben, packt der Escalade "nur" drei Tonnen. Und auch bei der Zuladung ist der Escalade überraschend bescheiden: Gerade mal 560 Kilo sind erlaubt, bei der Langversion gar nur 545 Kilo. Bei bis zu acht Passagieren plus Gepäck wird es da schnell problematisch.

Gestartet wird per Knopfdruck - und sofort brabbelt der direkteingespritzte 6,2-Liter-V8-Benziner los - gaaaanz, gaaanz leise. Ein Auto, ein Motor, keine Wahl. 313 kW/426 PS und ein maximales Drehmoment von 610 Nm sorgen dafür, dass der Riese nie wirklich Probleme hat, flott vom Fleck zu kommen. Für den Spurt von 0 auf 100 km/h gibt Cadillac 6,7 Sekunden an - das ist kaum langsamer als bei einem nur halb so schweren VW Golf GTI. Wer aber das Gaspedal im Escalade voll durchtritt, der hat keinen Zweifel daran, dass die Zahl stimmt. Bei der Höchstgeschwindigkeit kommt dann wieder ganz der per 55-Meilen-Grenze eingebremste Ami durch: 180 km/h sind in Europa für einen Luxus-SUV eher bescheiden. Geschaltet wird über eine sechsstufige Automatik, deren wuchtiger Wählhebel am Lenkrad zu finden ist. Der klassische Saug-V8 ist beim Verbrauch so wenig bescheiden wie der gesamte Auftritt des Escalade: 13,1 Liter nennt Cadillac als Durchschnitt. Und das "trotz" Zylinderabschaltung: Eine Anzeige in Armaturenbrett informiert, wenn vier der acht Zylinder abgeschaltet werden. Ohne die Anzeige würde man nichts davon mitbekommen. In der Stadt können es auch problemlos 18 Liter sein, die durch die Brennräume rauschen. Eine Start-Stopp-Automatik gibt es nicht.

Die Konstruktion des Escalade, der auf der selben GM-Plattform aufbaut wie der Chevrolet Suburban, erweist sich als massiv nach alter Väter Sitte: Leiterrahmen, Starrachse hinten und üppig dimensionierte Einzelradaufhängung vorne. Das Fahrwerk mit Magnetic-Ride-Stoßdämpfern, die ihre Charakteristik automatisch auf die Fahrsituation einstellen, sorgt für eine ruhige und komfortable Fahrt. Ohnehin ist der massige Ami kein Kurvenräuber, sondern ein lässiger Cruiser. So wenig bescheiden das Auto, so wenig bescheiden der Preis. War der Vorgänger noch unter 80.000 Euro zu haben und verlangt Cadillac in den USA selbst für den Escalade ab $73.000 (umgerechnet rund 69.000 Euro) aufwärts, so muss man für den neuen Cadillac Esplanade in Deutschland mindestens 96.500 Euro hinlegen. Wer die Langversion bevorzugt, der zahlt 2.200 Euro mehr. Immerhin der Aufpreis für 50 Zentimeter Auto mehr ist dann doch noch relativ bescheiden.
Testwertung
3.5 von 5

Quelle: Autoplenum, 2015-03-18

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