Testbericht

Wolfgang Gomoll, 26. November 2014
BMW verpasst dem Active Tourer einen Allradantrieb und haucht dem Familien-Laster damit Agilität und Wintertauglichkeit ein.

Die Kreativität der Marketingabteilungen der Automobilbauer produziert bisweilen Verbal-Blüten, die nicht immer kompatibel mit der Historie einer Marke sind. Für BMW-Traditionalisten ist der Active Tourer alles andere als aktiv; schon weil er einen Frontantrieb hat. Da ist es auch egal, wie gut der Konkurrent von Golf Sportsvan oder Mercedes B-Klasse um die Ecken flitzt. Interessiert in der Liga von Familienväter und jung gebliebenen Senioren allenfalls am Rande. Rechtzeitig zum Winterbeginn legen die Bayern für den Familienfreund einen Allradantrieb nach.

Auf der Straße erfüllt der 1.510 Kilogramm schwere Van die in ihn gesetzten Erwartungen allemal. Sobald es um die Kurven geht, lenkt er willig ein und zieht gut berechenbar seine Bahnen. Geht man vom Gas, meldet das Heck mit einem berechenbaren Zucken Einsatzbereitschaft. "Wir haben den Active Tourer bewusst hecklastig ausgelegt", erklärt Christian Scheinost, beim Tourer verantwortlich für die Fahrdynamik ist. Im Zusammenspiel mit der elektromechanischen Lenkung, die zuverlässig über den Reibungswert und Straßenzustand Rückmeldung gibt, lässt sich ein zurückhaltender Kurventanz auf das Asphalt-Parkett zaubern. Allerdings wird die eingeschränkte Wedel-Fähigkeit mit einer knackigen Straffheit erkauft, die nicht jedermanns Geschmack ist. Vor allem nicht der, der älteren Zielgruppe des Active Tourer. Die wird dafür mit ausreichend Platz im 4,34 Meter langen Gefährt belohnt. Im nächsten Jahr kommt sowieso noch eine verlängerte Version mit Platz für sieben Personen.

Das dynamische Fahren bereitet im Active Tourer mit xDrive so viel Spaß, wie es in einem Van mit hohem Schwerpunkt möglich ist. Dabei wird es nicht bleiben. Der Allradantrieb, der beim Active Tourer debütiert, wird in die Zukunft bei anderen Kompakt- und Kleinwagen-Ablegern des Münchener Herstellers erhältlich sein. Auch wenn auf dem Heck stolz xDrive prangt, ist dieser BMW-Quattro technisch mehr mit dem Allradantrieb des Mini Countryman verwandt, als mit dem des fahrdynamisch besonders überzeugenden BMW X6. Wie beim Mini-SUV verteilt eine Haldex-Kupplung die Antriebskräfte zwischen Vorder- und Hinterachse. Im Normalfall ist nur die Vorderachse aktiv, sobald der Allradantrieb gefragt ist, wandern bis zu 50 Prozent der Antriebskraft nach hinten. Im Extremfall, wenn die Räder einer Achse keinen Grip haben, fließt die gesamte Power auf die andere.

Dieses Konzept überzeugt auch abseits befestigter Wege. Der BMW-Van erklimmt auch steilere verschlammte Hügel mit Normalbereifung ohne große Probleme. Das Bergsteiger-Können kommt nicht von ungefähr, da beim Active Tourer eine elektromechanische Lamellen-Kupplung an der Hinterachse Antriebskräfte regelt. Im Gegensatz zum elektromechanischen Pendant, das im Countryman verbaut ist, agiert diese Kupplung prophylaktisch und reagiert nicht erst, wenn das Rad bereits durchdreht. Aufgrund einer ausgeklügelten Software, weiß das System, wann die zusätzliche Traktion benötigt wird. Ausschlaggebend sind unter anderem der Einschlagwinkel des Lenkrades, die Stellung des Gaspedals und die Daten des ESP.

Der Allradantrieb ist den beiden stärksten Motoren vorbehalten. Der Aufpreis beträgt beim 225i 2.000 Euro und beim 220d 4.100 Euro, da der 190-PS-Diesel serienmäßig keine Achtgang-Automatik hat und diese für 2.100 Euro dazugekauft werden muss. Ohne Automatik kein Allrad heißt es beim Active Tourer. Das hat Premium-typisch seinen Preis: Der Diesel kostet mindestens 38.600 Euro und der Benziner ist nicht unter 39.950 Euro zu haben. Das sind keine Sonderangebote. Zumal der Innenraum des BMW-Vans nicht in allen Bereichen überzeugt. In der Mittelkonsole strapazieren wenig wertige Plastikapplikationen das Qualitätsempfinden des Fahrers. Das Head-Up-Display projiziert die Grafiken nicht mehr auf die Windschutzscheibe, sondern auf eine kleine aufklappbare Plastikscheibe. Das ähnelt einer Billig-Nachrüstlösung, die schon vor Jahren bei Peugeot nicht gut aussah und es jetzt bei BMW auch nicht tut. Bei den Assistenzsystemen hinkt der weißblaue Autobauer hinterher.

Die Motoren gehören bei BMW zur Kernkompetenz. Der 231-PS-starke Vierzylinder-Benziner schafft es dank seines maximalen Drehmoments von 350 Newtonmetern in 8,9 Sekunden von null auf 100 km/h und erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von 237 km/h. Den Verbrauch gibt BMW mit 6,4 Liter pro 100 km an. Auf den winkligen Landstraßen rings um Marseille genehmigte sich der Active Tourer laut Bordcomputer 9,4 l/100 km. Ein Ausbund an Temperament ist der Benziner trotz dieser durchaus ansprechenden Daten nicht. Wer viel unterwegs ist, ist mit dem neuen 190-PS-Diesel und dem maximalen Drehmoment von 400 Newtonmetern besser bedient.
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Testwertung
3.5 von 5

Quelle: press-inform, 2014-11-26

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