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Testbericht

Stefan Grundhoff, 23. September 2011
Mercedes S 600 L gegen Audi A8 L 6.3 W12. In dieser Liga sind zumeist nur die Vorstände, Königshäuser und Politiker der ersten Reihe unterwegs. Beide Limousinen bieten Luxus im Überfluss. Auf Wunsch gibt es sie sogar als Panzerversionen.

Es ist nicht so, als ob eine Mercedes S-Klasse oder ein Audi A8 nicht ohnehin schon ein Zeichen für beeindruckenden Luxus und ein Aushängeschild deutschen Automobilbaus wären. Doch Mercedes S 350 oder S 500 4matic spielen in einer anderen Liga als der übermächtige S 600 als legitimer Nachfolger des legendären 450 SEL 6.9. Bei Audi ist das Luxus-Paket des A 8 L 6.3 W12 nicht derart traditionsbeladen, aber kaum weniger eindrucksvoll. Der potenzielle Kunde des Topmodells dürfte sich kaum für die kleineren Modelle interessieren. In dieser Liga machen die zwölf Zylinder den Unterschied. Denn auch wenn die Stückzahlen in dieser Liga überaus überschaubar sind, kann sich keiner der deutschen Luxushersteller erlauben, auf ein Dutzend Brennkammern in einem Topmodell zu verzichten. Die „12“ muss stehen, egal ob doppelt aufgeladene Achtzylinder bei Fahrleistungen und Effizienz längst das stimmigere Paket bieten.

Wer in dieser Klasse etwas sein will, muss an der Mercedes S-Klasse und in Persona am S 600 L vorbei. Der ist mit seinem doppelt aufgeladenen 5,5-Liter-Triebwerk mit 517 PS und einer betagten Fünfgang-Automatik zwar längst in die Jahre gekommen; doch ihn gilt es zu schlagen. Er ist die Luxuslimousine schlechthin. Gerade der rechte Gegner für das jüngste Modell in der Zwölfer-Liga, den A8 L 6.3 W12. Anders als S 600 L und BMW 760i muss er zwar ohne Turbopower auskommen, bietet als einziger jedoch den in dieser Klasse alles andere als unwichtigen Allradantrieb. Denn wer mit deutlich über zwei Tonnen Gewicht, verlängertem Radstand und Leistungen von über 500 PS unterwegs ist, freut sich über jedes Rad tatkräftiger Unterstützung. Im Alltagsbetrieb macht sich der Vorteil des 4x4-Vortriebs beim Ingolstädter Aushängeschild allenthalben bemerkbar. Aus engen Kurven oder bei rutschigem Untergrund ist der A8 deutlich souveräner, weil lässiger unterwegs. Er bringt seine Kraft schlicht spürbar besser auf die Straße.

Die Fahrleistungen, die beide Konkurrenten bieten, würden jedem Sportwagen zur Ehre gereichen. Auch nach Jahren noch immer beeindruckend, wie brachial der 600er Benz trotz seiner 2,2 Tonnen Leergewicht anschiebt. Das Turboloch ist nicht zu spüren und den Motor hört im Stand oder bei normaler Fahrt sowieso niemand. Diese Laufruhe ist nahezu genauso beängstigend, wie der Druck, mit dem die Insassen in die Sitze gepresst werden. Der doppelt aufgeladene Zwölfender leistet 380 KW / 517 PS und ein maximales Drehmoment von 830 Nm, das bereits ab niedrigen 1.800 Touren anliegt. Da muss selbst der kräftigste Power-Diesel längst seine Waffen strecken. Die Fahrleistungen sind entsprechend. 0 auf 100 km/h in 4,9 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit, die völlig überflüssig bei 250 km/h abgeregelt wird, sprechen für sich.

Der Audi lässt es trotz 6,3 Litern Hubraum deutlich zurückhaltender angehen. Der fehlende Turbo macht sich dagegen bemerkbar. Heißt nicht, dass die Fahrleistungen des W12-Triebwerks nicht exzellent wären. Denn auch er hat mit 368 KW / 500 PS Leistung im Überfluss. Doch beim Drehmoment kann er mit 625 Nm ab 4.750 U/min nicht am Luxus-Daimler kratzen. Beim Spurt 0 auf 100 km/h landet er mit 4,8 Sekunden sogar knapp vor dem 600er, weil der A8 seine Leistung per Allradantrieb deutlich besser einsetzen kann. Auch hier wird die Höchstgeschwindigkeit bei 250 km/h abgeregelt. So spurtstark und bullig die beiden Luxusversionen auf längeren Strecken sind, so durstig präsentieren sie sich leider auch. Zwölf Brennkammern und rund sechs Liter Hubraum wollen befeuert werden. Unter 13 Litern geht hüben und drüben nichts. Wer die Autobahn artgerecht bevölkert und auch um die Innenstadt keinen Bogen macht, liegt bei S 600 L und A8 L W12 bei 14 bis 17 Litern – das ist gigantisch und einfach auch bei dieser Leistung schlicht zu viel.

Während der Audi A8 L 6.3 W12 erst kurz auf dem Markt ist, ist der 600er Mercedes ein vergleichsweise alter Krieger. Das spürt man auch im Innenraum. Hier bietet der Mercedes bekannten Luxus und beeindruckend geringer Geräuschniveau. Doch Anzeigen und Bedienelemente zeigen trotz Holz und edelstem Leder, dass der Mercedes in die Jahre gekommen ist. Der Multifunktionsbildschirm für Navigation, TV, Bordcomputer und Radio kann an dem ausfahrbaren Konterpart des A8 nicht kratzen. Noch auffälliger werden die Unterschiede bei Schaltern, Bedieneinheiten und der Instrumententafel. Hier fährt der Achter von Audi mit perfekten Modulen in einer eigenen Liga. Einzig das Touchpad des A8 zur Freieingabe von Schriftzeichen für die Navigation und die Direktwahl von Radiosendern ist entbehrlich. Doch zum Glück geht es auch per Sprache oder per Dreh-Drück-Schalter. Beide Modelle bieten dabei ein maximales Paket an Sicherheitssystemen. Abstandsradar, unzählige Airbags, intelligentes Xenonlicht und Assistenten für Verkehrszeichen, Spurwechsel oder Nachtsicht entlasten den Fahrer. Beim Mercedes bleibt nervig, dass jedes neue Verkehrszeichen immer wieder ins Zentraldisplay projiziert wird und nicht stetig am Rande der Anzeige gezeigt wird.

Beim Sitzkomfort liegen beide Luxuslimousinen auf gleicher Höhe. Man sitzt schlicht sensationell und kann jedes nur vorstellbares Polster einstellen und so einen unvergleichlichen Reisekomfort vorbestimmen. Die Massage-und Belüftungsfunktionen bei beiden Modellen lassen hingegen Wünsche offen. Ein derart schwacher Luftstrom muss sich nicht noch in drei Stufen verstellen lassen. Dabei sitzt der Fahrer jeweils auf dem gleichen exklusiven Niveau wie die Fondpassagiere. In dieser Klasse sind die meisten Kunden schließlich auf dem Platz hinten rechts unterwegs, während der Fahrer sich dem Verkehr widmet. Man reist in beiden Modellen in einer entrückten Welt. Vom Verkehr und der Umwelt bekommen die Insassen kaum etwas mit. Elektrisch lassen sich nicht nur die Sitzgelegenheiten in alle erdenklichen Positionen bewegen; auch die Jalousien an den hinteren Fenstern schließen sich auf Knopfdruck und die schnöde Umwelt bleibt einfach draußen.

Perfekt wird der Reisekomfort durch das Unterhaltungsprogramm an Bord. Bildschirme im Fond zeigen auf Wunsch nicht nur die Reiseroute, sondern auch das gewünschte Fernsehprogramm. Der A8 wirkt gerade hier zwei Klassen besser als die S-Klasse. Zudem ist der Audi A8 eines der schnellsten Internetcafés. Mehrere Notebooks oder iPads können per WLan betrieben werden. Das bieten Businesslimousinen im 21. Jahrhundert. Große Telefonkonsolen oder Faxgeräte in der Mittelkonsole sind längst verschwunden. Immer wieder ein Augenschmaus, wer das weiche Leder in Audi A8 und Mercedes S-Klasse berührt. Allein die Ledernähte sind hüben wie drüben ein visueller Genuss. Für Kaufpreis von 138.300 Euro für den A8 bzw. 157.675 Euro durchaus zu verlangen.

Nicht ganz überraschend kann das Topmodell aus Ingolstadt der Audi A8 L 6.3 W12 die Limousinenlegende Mercedes S 600 vom Thron stoßen. Der A8 ist deutlich moderner und bietet mit seinem nun mit einer Direkteinspritzung ausgestatteten Zwölfzylinder ein Triebwerk, was nahezu an den S 600 L heranreicht. In der Realität verbraucht der Audi weniger Kraftstoff und kann aus der Kombination von Achtstufenautomatik und Allradantrieb nennenswert Kapital schlagen. Auch im Innenraum liegt bei der Audi A8 mit grenzenlosem Luxus und zeitgemäßen Details vorne. Der Mercedes kann nur zwei Kategorien für sich entscheiden. Das betagte Zwölfzylinder-Triebwerk mit doppelter Turboaufladung ist nach wie vor wie von einem anderen Stern und der Komfort von Federung und Dämpfung liegt vor der des Audi. Trotzdem reicht es für den Mercedes S 600 nur zu Platz zwei. Mal sehen – 2013 kommt die neue S-Klasse. Da darf man gespannt sein.

Quelle: Autoplenum, 2011-09-23

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