Testbericht

Sebastian Viehmann, 8. April 2011
Wenn ein Auto für den Durchhaltewillen der Japaner steht, dann ist es Toyotas Land Cruiser. Seit 60 Jahren pflügt er weltweit durch die Wildnis. Auf Tour mit dem Nippon-Klassiker.

Drohend baut sich der schlammige Abhang vor der Haube des fast 30 Jahre alten Land Cruiser BJ 42 auf. Die linke Hand umklammert das Lenkrad, die rechte rührt etwas unschlüssig in der hakeligen Viergangschaltung herum. Ein prüfender Blick auf den kleinen schwarzen Hebel daneben – jawoll, Allrad und Geländeuntersetzung sind drin – dann wandern die Augen wieder nach oben Richtung Abhang. Kommen wir da wohl hinauf?

Das allerdings ist beim Toyota Land Cruiser die falsche Frage. Sie müsste lauten: Wollen wir da hinauf? Der Fahrer muss nur entscheiden, um den Rest kümmert sich das Auto. Das Gaspedal wird sanft betätigt, der 90 PS starke Wirbelkammer-Diesel nagelt unternehmungslustig vor sich hin. Und natürlich kraxelt das kantige Allrad-Urgestein den Hügel so leichtfüßig hinauf wie eine frisch ausgeschlafene Bergziege.

Der rote BJ ist laut, rauh und ziemlich unkomfortabel. Die mechanische Lenkung ohne Servounterstützung ersetzt den Besuch im Fitness-Studio. Doch mit seinem ultrakurzen Radstand, großer Bodenfreiheit, dem Leiterrahmen-Chassis und seinem robusten Allradsystem gehört der Land Cruiser neben Jeep und Land Rover zu den großen Gelände-Legenden. Und das seit mittlerweile 60 Jahren und mehr als sechs Millionen verkauften Fahrzeugen. Das erste Exemplar von 1951 heißt tatsächlich Toyota Jeep BJ – der Name Jeep war noch nicht geschützt und der Toyota-Kraxler entsteht auch durch eine Ausschreibung des US-Militärs im damals besetzten Japan.

Zwar erhält der Wagen nicht den Zuschlag, doch als Testfahrer Ichiro Taida mit dem Offroader die Treppen eines Tempels hinauffährt und bis zur sechsten Bergstation des Fujijama klettert, ist der Grundstein für Toyotas Millionen-Seller gelegt. 1954 wird der weiterentwickelte Wagen Land Cruiser BJ genannt, die ersten Exemplare werden schon nach Pakistan und Saudi-Arabien exportiert. Die zweite Generation (J2 / J3) erscheint 1955 und nach und nach in 14 verschiedenen Varianten. Mit dem Land Cruiser 40 (J4, 1960 bis 1986) wird der Kraxler endgültig zu Nippons Land Rover mit einem ähnlich legendären Ruf.

1967 bekommt der Land Cruiser Familienzuwachs. Der Station Wagon der Generation J5 ist ähnlich wie Jeep Wagoneer oder Range Rover ein Vorläufer heutiger Groß-SUV. Wegen seiner markanten Front erhält der Wagen in den USA den Spitznamen Moose (Elch), es gibt sogar Luxusfeatures wie eine elektrisch versenkbare Heckscheibe. Mit der Generation J6 findet das SUV-Prinzip seine Fortsetzung, auch wenn der Land Cruiser ein echter Offroader bleibt. So wie der HJ60 von 1987: 460.000 Kilometer hat der silberne und ziemlich mitgenommene Toyota auf dem Buckel. Die grelle Kriegsbemalung mit dem Turbo-Schriftzug an der Flanke erinnert an die grellen 80er Jahre.

Doch der 136 PS starke Sechszylinder-Turbodiesel hat es wirklich in sich. Bei jedem Gasstoß stürmt der Wagen mit 315 Newtonmetern Drehmoment nervös nach vorne, ruck-zuck kann man in den zweiten und dritten Gang schalten. In die Kurve legt sich die Nippon-Kante eher gemütlich als straff, doch der HJ61 macht nicht nur im Gelände, sondern auch auf dem Asphalt eine gute Figur. Ein Querstabilisator an der Vorderachse verbessert die Straßenlage, der Frontantrieb lässt sich elektropneumatisch per Knopfdruck hinzu schalten.

In den 90er Jahren wurde der Land Cruiser Station Wagon immer größer und breiter. Komfort und Luxus lautete die Devise, das Schrankwand-Design wich einer aerodynamisch geglätteten Karosserie. Die aktuelle Generation J20 ist ein mit Hightech und Luxus vollgestopftes Schlachtschiff, das Top-Modell mit V8-Motor kostet stolze 87.000 Euro. Trotzdem muss es mit seinem ausgereiften Allradantrieb und entkoppelbaren Stabilisatoren nicht vor schwerem Gelände kapitulieren.Außerhalb der Land Cruiser-Szene ist kaum bekannt, dass es auch noch ein echtes Urviech im Programm gibt: Seit 1984 rollt der karge J7 in einer Vielzahl von Varianten vom Band. Vor allem in schwerem Gelände und in Entwicklungsländern kommt der Land Cruiser Heavy Duty zum Einsatz, der 2007 ein dezentes Facelift mit breiten Scheinwerfern erhält und erst seit 2009 mit Airbags ausgerüstet wird. Die Technik ist simpel, in der Standardausstattung sind sogar noch Trommelbremsen an Bord. Der Safari-Schnorchel führt dem Motor bei tiefen Flussdurchfahrten Luft zu.

Die Fans der klassischen Modelle aus den 60ern, 70ern und 80ern stellen sich ihre Autos nicht in die Garage, sondern nutzen sie regelmäßig. „Der Wagen ist noch nicht so richtig im Oldtimer-Markt angekommen“, sagt Land Cruiser-Experte Alexander Wohlfarth, der mit seinem „Buschtaxi“ und anderen Offroadern mehr als eine Viertelmillion Kilometer in aller Welt zurückgelegt hat. „Ein Land Rover sieht kultig aus, ein Jeep hat dieses Macho-Gehabe. Toyota interessiert das alles nicht die Bohne. Diese Autos sollten nie hip sein oder schön. Sie wurden immer nur hergestellt, um zu funktionieren“, meint Wohlfarth.
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Quelle: press-inform, 2011-04-08

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