Testbericht

Sebastian Viehmann, 26. September 2011
Seit 10 Jahren baut VW den Phaeton in der Gläsernen Manufaktur in Dresden. Hier ist der Blaumann verpönt, die Arbeiter tragen weiß - und gleiten über feinen Parkettboden. Die Autoteile werden per Straßenbahn angeliefert. Ein Besuch.

Manchmal könnte man fast eine Stecknadel fallen hören. In der Gläsernen Manufaktur in Dresden wird so leise und bedächtig gearbeitet, dass man sich eher in einem Wohnzimmer wähnt als in einem Industriebetrieb. Man würde am liebsten Hausschuhe anziehen und sich mit einer Tasse Kaffee aufs Sofa setzen, während drei Meter entfernt Automobile entstehen. Blaumänner gibt es nicht in der Manufaktur: Die Arbeiter tragen weiße Overalls, während sie den VW Phaeton montieren, und laufen dabei über Parkettboden aus kanadischem Bergahorn. Sogar Besucher tragen weiße Kittel. Bei der finalen Qualitätskontrolle, wenn die Autos mit eigenen Reifen auf dem Boden rollen, besteht das Parkett aus dem Holz der Deutschen Mooreiche. Die ist nämlich dunkler, man will im Wohnzimmer ja nicht sofort jeden Gummiabrieb sehen.

Seit knapp zehn Jahren wird der VW Phaeton in der Gläsernern Manufaktur gebaut. Zum erhofften Verkaufsschlager wurde der Luxusschlitten nie – bislang verließen kaum mehr als 50.000 Phaetons die Manufaktur - doch Volkswagen hält eisern an seinem Prestigeobjekt fest. Pro Arbeitstag entstehen in dem lichtdurchfluteten Designer-Komplex rund 56 Fahrzeuge. Im bislang erfolgreichsten Jahr 2010 waren es insgesamt 7500, während in Wolfsburg an einem einzigen Tag 3700 und im ganzen Jahr 2011 voraussichtlich 800.000 Autos vom Band rollen. Der Phaeton kann also in jedem Fall für sich in Anspruch nehmen, ein ziemlich exklusives Exemplar zu sein.

Das gilt erst recht für die Gläserne Manufaktur. Der 8,3 Hektar große Komplex mit 27.500 Quadratmetern Fensterfläche und dem 55.000 Quadratmeter großen Fertigungsbereich ist nicht nur eine Produktionsstätte, sondern auch eine Art Live-Show, bei dem Besucher Schritt für Schritt auf zwei Etagen die Montage des Phaeton verfolgen können. Die Produktionslinie läuft auf einem Schuppenband, das genau wie der angrenzende Boden mit Parkett belegt ist und sich im Zeitlupentempo vorwärts bewegt. Mit einer elektrischen Hängebahn gelangen die Autos von einer Etage in die andere.

Die Fertigung mit 500 Mitarbeitern in zwei Schichten beginnt täglich um sechs Uhr morgens und endet um 23 Uhr. Der Höhepunkt ist die „Hochzeit“, wenn Karosserie und Motor vereint werden. Dabei treten Roboter in Aktion und bieten ein faszinierendes Schauspiel: Der Wagen hängt an einem Förderband, während plötzlich versenkte Roboterarme mit einer eleganten Drehung aus dem Parkettboden auftauchen und die Schrauben festziehen.

Mehr als 80 Prozent aller deutschen Phaeton-Käufer holen ihren Wagen selbst in Dresden ab und besichtigen dabei die Manufaktur. Der Komplex, für den Volkswagen vor zehn Jahren 186 Millionen Euro investierte, stieß damals bei den Dresdnern nicht nur auf Gegenliebe. Die Manufaktur entstand nicht etwa in einem Industriegebiet, sondern mitten im Herzen der Elbmetropole und nur zehn Gehminuten von der Altstadt entfernt. Umweltschützer kritisierten den Standort direkt am „Großen Garten“ und fürchteten LKW-Kolonnen, die sich durch die Stadt wälzen würden.

Eine Unterschriftenaktion für einen Bürgerentscheid gegen die Manufaktur blieb ohne Erfolg, doch der Protest nicht ohne Wirkung. So werden zum Beispiel nur die Rohkarossen des Phaeton aus dem VW-Werk Zwickau direkt per LKW angeliefert. Die restlichen Teile bringen Straßenbahnen vom Logistikzentrum in Dresden-Friedrichsstadt zur Manufaktur. Die beiden blauen „CarGOTrams“ rollen in einen großen Innenhof, dann rücken Gabelstapler an und laden die Kisten aus. Jede CarGoTram kann 60 Tonnen laden – soviel wie drei LKW - und pendelt auf dem normalen Straßenbahnnetz der Stadt hin und her.

Auch in vielen Details ist Volkswagens Glaspalast ungewöhnlich. Für den Architekten Gunter Henn war die Ästhetik so wichtig, dass er sich nicht von schnöden Bauvorschriften einbremsen lassen wollte. Klebestreifen oder Aufkleber auf den Glasfassaden etwa, mit denen man Vogelkollisionen verhindern will, waren für ihn undenkbar. Deshalb stehen rund um die Gläserne Manufaktur neun mannshohe Säulen mit jeweils zwei Lautsprechern. „Die Lautsprecher strahlen digitalisierte Vogelstimmen von neun Arten aus. Diese akustischen Signale bedeuten ‚Achtung, hier bin ich, dies ist mein Revier‘. Dadurch werden die Artgenossen verscheucht und suchen sich andere Räume“, erklärt Manufaktur-Sprecher Christian Haacke.

Aus ästhetischen Gründen befinden sich im Produktionsbereich auf den Glasscheiben einiger Geländer ganz unten auch undurchsichtige Streifen. Die sollen verhindern, dass führerlose Transportgondeln dagegen stoßen, deren Sensoren durch durchsichtiges Glas irritiert werden. Eigentlich sind für diesen Zweck kleine Leitplanken vorgesehen. Aber wer will schon Leitplanken im Wohnzimmer haben?
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Quelle: press-inform, 2011-09-26

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