Lotus Evora S im Test: Komfort-Renner mit 350 PS

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Ein Schleudersitz vielleicht? Ein Nachbrenner? Oder wenigstens eine Feuerlöschanlage? Die drei mit römischen Ziffern gekennzeichneten Tasten lassen auf etwas ähnlich Skurriles schließen, da sie im Dachhimmel eines Lotus stecken. Schließlich ist die Marke durchaus für unkonventionelle Details bekannt.
Der neue Lotus Evora S leistet sich hingegen kaum Eigenheiten, er wirkt sogar regelrecht verweichlicht, weil sich im Aluminum-Armaturenbrett Schalter für die Sitzheizung sowie ein Infotainment-System mit großem Monitor befinden. Zudem überkommt selbst groß gewachsene Fahrer nicht mehr das Gefühl, sie müssten den Sportwagen durch einen Briefschlitz entern, wie es beispielsweise beim Elise der Fall ist. Doch das alles bietet bereits der normale Lotus Evora.


Kompressor liefert 70 Zusatz-PS
Neben dem von Harrop beigesteuerten Kompressor , der die Leistung des Toyota-V6 von 280 auf 350 PS lupft, umfasst der Lotus Evora S-Aufpreis von 10.000 Euro Spezialitäten wie ein mit modifizierten Querlenkern und steiferen Buchsen verfeinertes Fahrwerk sowie eine klappengesteuerte Sportauspuffanlage – und die macht die Musik, nicht etwa der neuzeitliche Multimedia-Plunder. Wer im Leerlauf die Sport-Taste betätigt, schaltet parallel dazu das Radio aus. Wummernde Bässe drücken aus dem massiven Endrohr, krabbeln den Rücken hinauf, kriechen in den Gehörgang und veranlassen das Gehirn zum sofortigen Betätigen des rechten Fußes. Der linke muss nun gekonnt auf der straffen Kupplung balancieren, um ein würdiges, ruckfreies Anfahren zu ermöglichen.
Die rechte Hand sortiert die sechs eng gestuften Gänge, was wunderbar funktioniert – es sein denn, der Fahrer will Schaltzeiten im Millisekunden-Bereich erzielen. Dann bockt das ebenfalls von Toyota zugelieferte Getriebe und verhindert so einen noch besseren Wert für die Beschleunigung von null auf 100 km/h als 4,9 Sekunden.


Der V6 kann Drehmoment und Drehzahl
Wer keine Lust hat, sich durch die Gassen zu hakeln, der kann getrost das üppige Drehmoment von 400 Newtonmetern nutzen, das bei 4.500 Umdrehungen zur Verfügung steht. Dann verpasst er allerdings, wie völlig selbstlos das 3,5-Liter-Triebwerk bis zum Begrenzer bei 7.200/min hochjubelt – als würde es den Kompressor ignorieren. Gleiches gilt für die Leistungsentfaltung, die ebenfalls stark der eines sportlichen Saugmotors ähnelt. Erst bei 277 km/h beschließt der Lotus Evora S, sich der Physik geschlagen zu geben. Die Grenzen des Fahrers sind dann noch nicht erreicht, da die optimale Sitzposition, die perfekt geschnittenen Recaro-Schalen sowie die direkte, jedoch nicht übersensible Lenkung die Arbeit erleichtern.
Absolut gelungene Fahrwerksabstimmung
Das gegenüber dem ohnehin nicht als weich bekannten Elise zweieinhalb Mal steifere Alu-Chassis des 1,4 Tonnen schweren Sportlers weckt weiteres Vertrauen. Hinzu kommt die Eins-plus-mit-Sternchen-Fahrwerksabstimmung. Natürlich wird von einem Lotus ein untersteuerfreies, präzises Einlenkverhalten bei minimaler Seitenneigung erwartet. Genau das beherrscht der Lotus Evora S hervorragend, wozu die Pirelli Corsa-Reifen einen erheblichen Anteil beisteuern. Doch zur Überraschung aller federt er zudem trotz üppiger 19-/20-Zoll- Mischbereifung die meisten Fahrbahnunebenheiten im Test ordentlich weg. Dagegen fühlen sich Ausfahrten in anderen Lotus-Modellen schon mal wie ein Ritt im Küchenmixer an, zumindest was Härte und Akustik angeht.
Apropos: Beim Druck einer der drei Tasten im Dachhimmel tut sich nichts. Nach entsprechender Programmierung öffnet sich bestenfalls das heimische Garagentor.


(Quelle: auto-motor-und-sport , 29.04.2011)