Lamborghini Gallardo: LP 550-2 mit Heckantrieb für Valentino Balboni

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Was ist des Automobilisten höchste Ehre? Eine Modell-Widmung. Etwa der Ferrari Enzo Ferrari, ein posthumes Supersportwagen-Denkmal des Commendatore. Oder der Mercedes SLR Stirling Moss als Würdigung des Rennfahrers bereits zu Lebzeiten. Doch jetzt setzt Lamborghini noch einen drauf: Valentino Balboni dürfte der einzige Angestellte der Welt sein, dem eine Kleinserie zugedacht wird - der Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni, mit der zwei wie Zweirad im Namen.


Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni - erster Hecktriebler seit 1995
Ein Lamborghini mit Heckantrieb? Da muss die Erinnerung bis 1995 zurückschweifen - bis zum Lamborghini Diablo SV. Danach gab es nur noch Allradantrieb (erstmals 1993 im Diablo VT), der mittlerweile zum scheinbar unspaltbaren Markenkern gehört. Jeder seitherige Lamborghini leitet seinen ungeheuren Schub an alle Viere weiter. Warum? Dazu haben wir noch Entwicklungschef Maurizio Reggiani im Ohr: "Allradantrieb ist beim Beschleunigen, bei Nässe und bei den Rundenzeiten schneller. Und damit die bessere Lösung. Punkt." Dennoch darf dieser Gallardo aus der Art schlagen. Neben ihm auf einem Mini-Flugplatz nahe Modena steht sein Namensgeber und fühlt sich zutiefst geehrt mit seinem vierrädrigen Pendant.
Der Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni fordert seinen Fahrer
Der ehemalige Testfahrer und jetzige Marken-Botschafter bestätigt frei von der Leber: "Es ist toll, wieder Heckantrieb zu fahren, das Ur-Lamborghini-Gefühl zu spüren. Zurück zu den Wurzeln, zurück zu den alten Reizen und Empfindungen." Dann lächelt Balboni versonnen, und man kann sich vorstellen, welcher Film in diesem Kopf voller Haudegen-Geschichten abläuft. Nur ungern unterbricht man die Retrospektive, doch die gemeinsame Zeit mit dem 60-Jährigen ist knapp, und wir haken nach. Was unterscheidet denn einen Zweirad-Lamborghini von den anderen? "Heutige Regelsysteme nehmen Ihnen den Großteil der Arbeit ab. Mit dem neuen Sondermodell sind Sie wieder zu 50 Prozent gefordert. Das spät eingreifende ESP lässt den Fahrer spüren, dass sein Auto rutscht." Das macht uns neugierig auf dieses alte neue Lamborghini-Gefühl; und während wir mit der Rechten Valentino Balboni hinterherwinken, nestelt die linke Hand schon am Türgriff. Äußerlich sticht uns nur der Irokesen-Look der Sechziger-Jahre-Rennwagen ins Auge, der breite Mittelstreifen.


Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni klingt schallgedämmt
Jetzt, beim Hineingleiten in die Sportsitze, fällt der Hell-dunkel-Kontrast des Leders auf. Und die Kulissenschaltung. Es gibt sie doch noch! Warum hat uns Lamborghini bei den bisherigen Testwagen diesen wunderbaren Anblick verwehrt und uns nur die Schaltpaddel des sequenziellen E-Gear gegönnt? Wollen die Kunden die Kulisse wirklich nicht mehr bedienen? Oder lässt sie sich so sperrig schalten, dass es ein unzumutbarer Anachronismus wäre? Wir versuchen es im Stand, und der kugelköpfige Schaltstummel fährt sämig durch die Gassen. Fast ätherisch leicht und doch unbeirrbar zielstrebig. Press clutch to start engine, tritt das Kupplungspedal, um den Motor zu starten, heißt es im Display. Und dieser Befehl ist uns ein Wunsch. Wir drehen den Schlüssel und erwarten ein akustisches Fanal - doch der 5,2-Liter-Zehnzylinder plärrt nicht etwa ganz Norditalien zusammen, sondern klingt tatsächlich schallgedämmt.
Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni 10 PS schwächer als der LP 560
So dezent hat uns lange kein Lamborghini begrüßt. Der letzte, der Gallardo Spyder, hat seine Umgebung noch brutal niedergeschrien. Wir stellen fest: Die gepflegtere Aussprache des Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni gefällt uns besser. Sie passt auch zum zurückhaltenden Namensgeber. Warum eigentlich Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni und nicht wie bisher Lamborghini Gallardo LP 560 ? LP bezeichnet die Mittelmotor-Einbaulage des V10, longitudinale posteriore, also hinten längs, die Zahl steht für die Leistung, demnach fehlen dem Balboni-Gallardo zehn PS. Angeblich sei die Charakteristik des Direkteinspritzers neu auf den Heckantrieb abgestimmt worden. Vielleicht sollte der Neue aber auch einfach nicht aus dem Windschatten heraus am Allrad-Modell vorbeiziehen können. Denn mit den beiden vorderen Antriebswellen und dem Verteilergetriebe sind Gewicht und ein Teil der bremsenden inneren Reibung weggefallen.


Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni gewinnt an Dynamik
Leichtgängig trennt die Kupplung beim Tritt aufs Pedal, butterweich gleitet der Schalthebel in den ersten Gang, spätestens jetzt fragt keiner mehr nach E-Gear. Wie aus einem Korsett befreit springt der Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni los, leichtfüßig, beschwingt, fast tänzelnd. Ab etwa 3.500/min meldet sich der Sportwagen-Schub, steigert sich bei rund 6.500/min zum In-den-Sitz-Pressen. Der Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni verliert zwei Antriebswellen und gewinnt an Dramatik: So unmittelbar hat ein Lamborghini noch nie eingelenkt, so intensiv hat seine Lenkung noch nie das Zwiegespräch mit dem Fahrer gesucht. Endlich ist die Vorderachse von der Vortriebs-Pflicht entbürdet und kann sich voll ihrer ureigenen Aufgabe zuwenden: der Richtungskompetenz. Von der Allrad-Last zur Heckantriebs-Lust, mit allen Nachteilen wie der schlechteren Beschleunigung (3,9 statt 3,7 Sekunden von Null auf 100 km/h).
Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni für Driftfreunde
Aber auch mit einem entscheidenden Vorzug: Der Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni driftet, bis die Leinwand der Hinterreifen durchscheint. Wann ließ sich ein Lamborghini ähnlich zügellos ums Eck peitschen - mit rauchendem Hinterachs-Schlupf bis in den Drehzahlbegrenzer? Und wir genießen den vermeintlichen Ausflug zurück in die gefühlsdurchtränkte Zeit. Vermeintlich deshalb, weil alle Vorgänger des Gallardo, egal ob mit Heck- oder Allradantrieb, sperrig zu driften waren. Sie mussten brutal per Lastwechsel oder Kupplungs-Schnalzen ausgehebelt werden, konterten mit Vorliebe Richtung Gegenverkehr. Das kann keiner zurücksehnen. Im Heckantriebs-Gallardo dagegen reicht durchschnittliches Drifter-Talent: ESP ausschalten, einlenken, Vollgas geben.
Es wird nur 250 Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni geben
Kein Mittelmotor-Kippeln, kein Gegenschlag. Doch der Spaß ist nur 250 Kunden vergönnt, denn der Lamborghini Gallardo LP 550-2 Valentino Balboni soll eine 192.780 Euro teure Ausnahme bleiben. Es sei denn, sie lösen in Sant’Agata Bolognese Karl Valentins Paradoxon auf: "Mögen hätt ich schon wollen, aberdürfen hab ich mich nicht getraut."

(Quelle: auto-motor-und-sport , 01.09.2009)